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Völkermord an den Armeniern:Wer sich nicht erinnert, stumpft ab

Gedenken an Völkermord an Armeniern

Gemeinsames Gedenken: Türken und Armenier 2014 mit Bildern der Opfer des Völkermords

(Foto: dpa)

Papst Franziskus hat recht, wenn er die Massaker an den Armeniern vor hundert Jahren als Genozid einstuft. Wenn der türkische Staat sich nun beleidigt zeigt, ist das ein hinnehmbares Übel.

Papst Franziskus hat den Völkermord an den Armeniern vor hundert Jahren einen Völkermord genannt. Das ist gut und richtig so. Jenseits der staatlichen türkischen Geschichtsschreibung bestreitet kaum ein Historiker mehr, dass die türkische Regierung spätestens von 1915 an Armenier, syrische Christen, Assyrer und Chaldäer systematisch zu Hunderttausenden, gar Millionen ermorden und zugrunde richten ließ.

Wer "eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören" sucht, begeht Völkermord, heißt es seit 1948 im Völkerstrafrecht. Nichts anderes geschah im Osten der Türkei, nichts anderes sollte darüber gesagt werden. Dass die türkische Regierung nun beleidigt ist und die Nationalisten im Land ein Wahlkampfthema haben, ist ein hinzunehmendes Übel.

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Franziskus über Genozid an Armeniern

Davutoğlu: Papst schürt Islamophobie

Erbost hat die türkische Regierung auf die Äußerung Papst Franziskus' reagiert, das Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren sei der "erste Völkermord im 20. Jahrhundert" gewesen. Regierungschef Davutoğlu wirft dem Papst vor, Islamfeindlichkeit zu schüren.

Dem Papst aus Argentinien ist in jüngster Zeit mancher Satz über die Lippen geflutscht. Das Wort Genozid hat er mit Bedacht gesagt. Er selber hat es verwendet, um den Mord an den Armeniern zu bezeichnen, da war er noch nicht Papst. Vor allem aber hat 2001 sein Vorvorgänger Johannes Paul II. vom "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts" gesprochen, der damals geschah. Das Morden des 20. Jahrhunderts darf nicht vergessen und relativiert werden, das gehörte zu den Prinzipien des Papstes aus Polen.

In diese Tradition stellt sich nun auch Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien. Die Hoffnung der Türkei, der Papst aus Lateinamerika könnte hier lockerer sein, ist geplatzt. Es gibt keinen Schwamm-drüber-Rabatt aus dem Vatikan.

Es gibt ihn nicht für die Verbrechen in Stalins Sowjetunion, die Franziskus in einem Atemzug mit Hitler und dem Genozid an den Armeniern genannt hat. Auch Russlands Nationalisten hätten hier gerne ein milderes Urteil. Es gibt auch keinen Rabatt für Massaker mit christlichen Tätern, das Morden in Bosnien oder das zwischen Hutus und Tutsis. Die Christen müssen Hüter des Gedenkens an die Opfer sein. Dass sie diesen Auftrag so oft verrieten, ist die Last ihrer eigenen Geschichte.

Dieses Gedenken hat Konsequenzen für die Gegenwart. Heute droht den Christen im Nahen Osten abermals der Tod, die Vertreibung und die Vernichtung ihrer Kultur, der Papst nennt es zugespitzt "eine Art Genozid, der durch die "allgemeine und kollektive Gleichgültigkeit" möglich werde.

Sich zu erinnern ist Pflicht

Auch in dieser Hinsicht war der Gottesdienst mit den Armeniern eine Demonstration, deren Botschaft sich über die Türkei hinaus an "die Menschheitsfamilie" richtet, wie der Papst formuliert: Vergesst die Christen in Bedrängnis nicht! Bleibt nicht gleichgültig, wenn ganze Regionen religiös und ethnisch gesäubert werden sollen! Lasst nicht das Gesetz des Terrors gelten!

Sich zu erinnern ist Pflicht, "denn wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunde weiter offen", hat Franziskus gesagt. Das gilt auch für die Türkei, wo ja inzwischen viele Leute sehen, dass Friede nicht auf Geschichtsklitterung wächst.

Wer verdrängt, was geschah, den sucht das Verdrängte immer wieder heim, wie ein böser Geist. Und wer sich des Gedächtnisses entledigt, weil er sich nicht an vergangenes Leid und Unrecht erinnern will, wird unempfindlich für das Leid und das Unrecht der Gegenwart.

Die kollektive Amnesie, ob staatlich verordnet oder gesellschaftlich gewollt, bedroht immer den Frieden und die Menschlichkeit, ob in der Türkei, in Russland oder Deutschland. Wer sich nicht an die Opfer der türkischen Säuberungspolitik erinnert, an die Toten des Gulag und der Konzentrationslager, dem ist meist auch egal, wer heute welcher Verfolgung zum Opfer fällt.

Daran hat der Papst erinnert. Und nicht nur die türkische Regierung sollte sich ertappt fühlen.