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Vize-Debatte in den USA:Pence verschafft Trump etwas Luft

  • Trump-Adlatus Mike Pence und Clinton-Vize Tim Kaine haben in der Nacht das einzige TV-Duell der Stellvertreter bestritten.
  • Beide konzentrierten sich darauf, den Präsidentschaftsanwärter der Gegenseite zu kritisieren.
  • Kaine wirkte sachlich fundiert, aber unterbrach seinen Gegner im Übereifer häufig.
  • Pence wirkte gelassener und verteidigte Trump, indem er die Vorwürfe gegen ihn schlicht ignorierte oder einfach darüber log.

Zwei Stunden vor Beginn der Debatte an der Longwood University steht der Gewinner schon fest - zumindest für die Republikaner. "Als sich der Staub gelegt hat, waren sich alle einig: Mike Pence war der klare Sieger", steht auf der Website der Grand Old Party, weil jemand versehentlich einen Entwurf publiziert hatte. Der Spott bei Twitter und im Kabel-Fernsehen ist groß - doch als ganz falsch entpuppt sich die Prognose nicht. Pence macht den besseren Eindruck.

Doch von vorne: Anders als bei der TV-Debatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump stehen deren running mates nicht hinter Pulten, sondern sitzen an diesem Abend in Farmville, Virginia, an einem runden Tisch beisammen. Der Demokrat Tim Kaine und der Republikaner Mike Pence schütteln sich die Hände, fassen sich an die Schultern und lächeln sich an, wie man dies in ihrer Heimat, dem Mittleren Westen, so macht.

Pence, Gouverneur von Indiana, trägt eine strahlend blaue Krawatte und strahlt von der ersten Minute an Gelassenheit und Selbstbewusstsein aus. Vor seiner Polit-Karriere moderierte der 57-Jährige jahrelang eine Talkradio-Sendung - das hilft ihm, seine Sätze immer irgendwie zu beenden und seine Botschaft rüberzubringen. Dass er dabei oft die eigentliche Frage ignoriert, gehört sichtbar zur Strategie.

Tim Kaine strahlt auch, macht aber vor allem in den ersten 30 Minuten den klassischen Fehler eines Sachpolitikers: Der Senator aus Virginia will die Debatte gewinnen, nicht die Sympathie des Publikums. Immer wieder unterbricht er sein Gegenüber, wirkt übereifrig bei dem Versuch, die Diskussion in seine Richtung zu lenken. Das überlagert die Tatsache, dass der 58-Jährige konkreter als Pence auf die Fragen antwortet. Erst in der zweiten Hälfte der Debatte findet Kaine eine ruhigere Haltung.

So gehen die beiden miteinander um:

Kaines Taktik ist klar: Er greift seinen Gegner nicht persönlich an, sondern indirekt - indem er ihn mit umstrittenen Aussagen und Politikvorschlägen seines Chefs konfrontiert. Immer wieder fordert er Pence auf, Trumps Aussagen über die Nato, die Mauer zu Mexiko oder dessen abschätzige Bemerkungen über Frauen zu erklären. "Ich verstehe das einfach nicht, wie Sie das verteidigen können", ist sein Standard-Satz. "Sie sind Trumps Auszubildender", wirft er dem Republikaner einmal vor, provoziert ihn mit Fragen wie "Glauben Sie, dass Donald Trump schlau ist, weil er keine Steuern zahlt?"

Doch anders als sein Chef lässt sich Pence nur selten reizen. Oft kontert er Kaines Aussagen mit "Das ist Unsinn" und macht dann damit weiter, Hillary Clinton zu kritisieren und als Teil der Washingtoner Elite darzustellen, die sich von den Bürgern entfernt habe. Dies fällt ihm sichtlich leichter, als Trumps kontroverse Positionen zu verteidigen. "Er ist kein polierter Politiker wie Sie und Hillary Clinton", rechtfertigt er Trumps Aussagen über Einwanderer aus Zentralamerika ("Vergewaltiger und Kriminelle"). "Er zeigt, wer er ist", kontert Kaine.

Wer seinem Chef mehr hilft:

2012 musste Joe Biden nach Obamas desaströser Debatte den Demokraten wieder Hoffnung geben. Dies gelang dem Vizepräsident eindrucksvoll und Pence schafft an diesem Abend Ähnliches. Er erinnert früh an Clintons Spruch, wonach 50 Prozent der Trump-Fans "kläglich" und "nicht zu retten" seien - ein guter Konter auf Kaines Vorwurf, Trump sei ein Serien-Beleidiger.

Pence ist vorbereitet und variiert seine Botschaft: Clinton-Kaine wollen, dass alles weiter gehe wie bisher ("höhere Steuern, mehr Regulierung"), während er mit Trump Washington verändern werde. Von Beginn an attackiert er Clintons Bilanz als Außenministerin ("der Nahe Osten ist in Aufruhr"), verspricht ein "starkes Auftreten" der USA auf der Weltbühne und nennt es Korruption, dass die Clinton-Stiftung Spenden von ausländischen Regierungen angenommen habe. Dass er die Fakten biegt und etwa den Demokraten falscherweise vorwirft, "alle Grenzen öffnen" zu wollen: Seinen Chef wird das nicht stören.

"Hillary Clinton und ich" ist Kaines Lieblings-Einleitung: Der erfahrene Politiker präsentiert sich als Team-Player, der voll hinter der Kandidatin steht und ihre Ideen und Motive erklären kann. Einerseits gelingt es ihm, Clinton zu vermenschlichen und selbst deren umstrittene Familienstiftung (wenn auch unter Mühen) zu verteidigen. Andererseits schürt er Zweifel an Donald Trump und betont die außenpolitische Erfahrung des Teams Clinton-Kaine.

Zu kurz kommt, was selbst viele politische Gegner sagen: dass Kaine ein guter, verlässlicher, reflektierender Mensch ist. Diese Eigenschaft scheint auf, als er vom "härtesten Gewissenskonflikt meines religiösen Lebens" erzählt - als bekennender Katholik in seiner Rolle als Gouverneur von Virginia hatte er politisch die Vollstreckung der Todesstrafe zu akzeptieren. Mehr vom Menschen statt vom Politiker Kaine hätte auch Clinton geholfen.