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Vier Jahrzehnte in Russland:Himmel und Hölle

Participants perform during the International Military Music Festival 'Spasskaya Tower' in Moscow

Militärparaden, wie hier 2014 anlässlich des Internationalen Militärmusikfestivals "Spasskaya Tower", finden traditionell auf dem Roten Platz statt.

(Foto: REUTERS)

Kaum ein Staat beschäftigt die Deutschen so sehr wie Russland. Die SZ berichtet seit Sowjettagen über die Achterbahnfahrt der russischen Geschichte. Korrespondenten erinnern sich an ein wunderbares, wenn auch oft unglückliches Land.

Als sogar das Knäckebrot verschwand: 1972 bis 1979

Ein Gastronom ist jemand, der sich um verfeinerte Kochkunst bemüht. Im Sowjetland Leonid Breschnews hießen Tausende von schäbigen Supermärkten "Gastronom". Der unsere lag am Kalinin-Prospekt, heute: Neuer Arbat, jener Ausfallstraße, die vom Kreml in die westlichen Nobelviertel führte, wo auch unser Ausländerghetto lag.

Der Laden war zweistöckig und wegen seiner prominenten Lage gut bestückt. Man konnte dort 1972, zur Zeit unserer Ankunft, diverse Käsesorten kaufen wie "Sowjetski Camembert", nicht das Wahre, aber essbar, oder Schweijzarski, eine Art Emmentaler, der sich im Winter zu Raclette aufbereiten ließ.

Der Laden wurde zum Maßstab für den wirtschaftlichen Niedergang der UdSSR. Woche für Woche wurde das Angebot magerer. Plötzlich verschwand das vorzügliche Knäckebrot. Es kam nie wieder, und niemand stellte die Frage, was die Backfabrik stattdessen herstellte. Im nahen Fachgeschäft gingen die Glühbirnen aus. Ein kleiner Kühlschrank fürs Büro, den sich mancher Ausländer für 15 Devisenrubel mitnahm, war längst nicht mehr zu haben, als ich sieben Jahre später wegging.

Jeder wäre ein Hochstapler, der behaupten würde, er hätte vorausgesehen, dass es die UdSSR knapp ein Jahrzehnt später nicht mehr geben werde. Nur Dissidenten, die als überspannt galten, sagten den Untergang des Riesenreiches voraus. Einer verglich die Sowjetunion mit einem Flugzeug, das ohne Treibstoff im Gleitflug segle. Täglich gab es neue Witze über den jämmerlichen Zustand der Weltmacht. Dennoch galt sie als unveränderlich wie das russische Klima.

Während sich das politische Klima besserte, kamen mit der beginnenden Entspannung Bundeskanzler und US-Präsidenten nach Moskau. Breschnew besuchte die Bundesrepublik. Für uns Korrespondenten war die wichtigste Erleichterung des Helsinki-Abkommens, dass wir Mehrfach-Visa bekamen und uns nicht mehr vor jedem Auslandsflug um ein Ausreise- und Wiedereinreisevisum bemühen mussten.

Mit Glück konnte man an obskuren Kiosken die Süddeutsche Zeitung oder Le Monde kaufen. Sie waren beliebt, weil sie aus viel Papier für diverse Verwendungen bestanden, wo doch die Prawda selten über vier Blatt hinauskam. Chinesische Korrespondenten durften immer noch nicht sowjetische Spezial-Publikationen bestellen, die sich mit dem Fernen Osten befassten. Wir abonnierten für sie und wurden mit Peking-Ente belohnt.

Für den sowjetischen Konsumenten gab es kein Tauwetter. Im Gastronom wurde das halbwegs normale Angebot in den Regalen meterweise mit Nudelpaketen, dann mit Plastikspielzeug ersetzt. Schließlich wurde das Obergeschoss dauerhaft geschlossen. Ein richtiger Supermarkt war der Gastronom ohnehin nie. Der Käufer musste sich erst an der Käsetheke seinen Schweijzarski auswiegen lassen, dann an der Metzgertheke sein Fleisch, sich dann in die Kassenschlange einreihen, um mit seinen Coupons in die Endrunde zu gehen.

Man könne nirgends auf Erden so gut essen wie im Restaurant Praga, das am Anfang des Kalinin-Prospekts lag - hatte Nikita Chruschtschow behauptet. Ich aß bei einem Fest-Diner zu Ehren von Außenminister Genscher im Praga den einzigen Spargel meiner russischen Jahre, fein zerhackt zu Ragout. Der Normalrusse kam nicht leicht ins Praga oder in irgendein anderes Lokal.

"Kein Platz" stand auf einem Karton an der Tür, und ein kräftiger Mann mit Dienstmütze, von Deutschen "Zuhälter" genannt, drängte Vorwitzige zurück, wenn sie ihm nicht ein Päckchen ausländische Zigaretten oder einen Geldschein zuschoben. DDR-Bürgern, wenn sie sich auswiesen, schüttelte er die Hand, rief druschba, Freundschaft, und schmiss die Tür wieder zu.

Im besten Restaurant Leningrads, heute Sankt Petersburgs, hingen zwei Schilder. "Rauchen verboten" hieß das eine. Darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern, sagte der Kellner zum Gast. Das andere Schild bestand aus der Mahnung "Demütigen Sie unsere Mitarbeiter nicht durch Trinkgeld". Die Rechnung wurde mit der Bitte überreicht: "Demütigen Sie mich, demütigen Sie mich!"

Von Rudolph Chimelli