Machtkampf in Venezuela Das ganze Land scheint überrascht zu sein

Der selbst ernannte Interimspräsident Juan Guaidó winkt, die Menge jubelt: Inzwischen kommen auch die Armen von ihren Hügeln herab, um sich den Protesten anzuschließen.

(Foto: REUTERS)

Zehntausende Venezolaner jubeln dem selbst ernannten Interimspräsidenten Juan Guaidó zu. Jetzt sprechen nur noch die Waffen der Armee für Maduro. Wie lange noch?

Von Boris Herrmann, Caracas

Egal, wie der Machtkampf in Venezuela ausgehen mag, das Land ist Anfang Februar 2019 nicht mehr das Land, das es Anfang Januar war. Noch vor vier Wochen schien der autokratische Staatspräsident Nicolás Maduro so fest im Sattel zu sitzen wie eh und je. Jetzt wird in allen Ecken von Caracas darüber diskutiert, ob es noch eine Frage von Wochen ist, bis er abdankt - oder eher eine Frage von Tagen.

Maduro, das muss man ihm lassen, ist ein Phänomen der Beharrlichkeit. Er hat schon so viele Krisen überstanden, dass die Venezolaner zwischenzeitlich den Glauben daran verloren haben, ihn jemals wieder loszuwerden. Aber dieser Tage erlebt er zweifellos die schwersten Tage seiner inzwischen sechsjährigen Amtszeit. Sein Volk hat ihn verlassen, auch international ist er weitgehend isoliert. Und ihm geht das Geld aus. Das einzige, was zur Stunde für Maduro spricht, sind die Waffen der Armee, der Nationalgarde, der Polizei und der Milizen. Nur mit ihrer Unterstützung hält sich seine marode Militärdiktatur an der Macht. Noch. Vermutlich spürt auch Nicolás Maduro: Da könnte bald etwas zu Ende gehen in Venezuela.

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Der selbsternannte Interimspräsident wendet sich an Maduros Verbündete. Militärische Hilfe aus Washington wünscht er sich nicht - aber schließt sie auch nicht aus.

Warum ausgerechnet jetzt? Gute Frage. Das ganze Land scheint ja überrascht zu sein von der Dynamik der vergangenen Tage. Eine der größten Überraschungen ist sicherlich, dass es wieder eine wahrnehmbare Opposition gibt, eine Bewegung, die den Frust der großen Bevölkerungsmehrheit repräsentiert. Jahrelang waren Maduros politische Gegner vor allem damit beschäftigt, sich gegenseitig zu zerfleischen. Neuerdings spricht diese Opposition mit einer Stimme. Das ändert vieles, wenn nicht gar alles.

Es stört nicht einmal, dass diese Stimme gerade ziemlich brüchig klingt. Juán Guaidó, 35, hat sehr viel geredet in den zurückliegenden anderthalb Wochen. Angefangen mit seinem Schwur auf Gott und die Verfassung am 23. Januar, als er sich selbst zum legitimen Übergangspräsidenten von Venezuela ernannte. Seither versucht er pausenlos, den Rest der Welt sowie die venezolanischen Streitkräfte von seiner Sache zu überzeugen. Das klappt im ersten Fall erstaunlich schnell und ist im zweiten Fall ein ziemlich zäher Prozess. Jetzt ist Guaidó jedenfalls heiser.

Aber das steht ihm eigentlich ganz gut. Er ist ohnehin kein Marktschreier, sondern ein Politiker, der seine Worte sachlich und besonnen vorträgt, der lieber eine Kunstpause zu viel als eine zu wenig macht und der sich von seinem Gegenspieler Maduro auch durch den konsequenten Verzicht auf Kraftausdrücke unterscheidet. An diesem Samstag haucht und hüstelt Guaidó seinem Publikum im Zentrum von Caracas zu: "Der Wechsel ist nahe in Venezuela."

"Die Antwort eines Volkes, das keine Angst mehr hat"

Zehntausende haben sich im Stadtteil Las Mercedes versammelt, um ihren großen Hoffnungsträger mit Nationalflaggen und Stadiontröten zu bejubeln, Hunderttausende sind zur selben Zeit im ganzen Land auf den Beinen - mit dem erklärten Ziel, dem Maduro-Regime den Rest zu geben. Im Gegensatz zu den Massenkundgebungen von 2017 demonstriert hier aber nicht nur die Mittelschicht, neuerdings kommen auch die Ärmsten der Armen von ihren Hügeln herab, um sich den Protesten anzuschließen. Auch deshalb wankt Maduro jetzt wie noch nie, denn das sind die Leute, die er bis eben noch für seine unerschütterliche Basis hielt.

Es ist kein Zufall, dass sich die staatliche Repression derzeit vor allem gegen die Abtrünnigen aus traditionell chavistischen Hochburgen von Caracas wie Catia oder Petare richtet. Die Menschenrechtsorganisation Foro Penal hat dort in den vergangenen zwei Wochen an die tausend Verhaftungen sowie 35 Tote durch Schusswaffen gezählt. Für die meisten Opfer wird die Faes verantwortlich gemacht, eine berüchtigte Spezialeinheit der Polizei. Trotzdem sind die Menschen aus den Armenvierteln auch an diesem Wochenende wieder in Scharen dem Protestaufruf Guaidós gefolgt. Der dankt es ihnen mit dem Worten: "Das ist die Antwort eines Volkes, das keine Angst mehr hat."