Venezuela und Kolumbien:Ende der Eiszeit

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Venezuela und Kolumbien: Lange war die Tienditas-Brücke zwischen Venezuela und Kolumbien von Containern blockiert. Bald soll der Verkehr hier endlich rollen.

Lange war die Tienditas-Brücke zwischen Venezuela und Kolumbien von Containern blockiert. Bald soll der Verkehr hier endlich rollen.

(Foto: Juan Pablo Bayona/AFP)

Über Jahre herrschte Funkstille zwischen Kolumbien und Venezuela. Nun öffnen die Länder ihre gemeinsame Grenze. Doch Vorwürfe über Folter und Menschenrechtsverletzungen trüben die Freude.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Die Tienditas-Brücke ist ein gutes Beispiel: Sie überspannt den Táchira-Fluss zwischen Venezuela und Kolumbien. Sechs Spuren für Autos, dazu noch eine, über die Fußgänger laufen können, so zumindest die Theorie. 2014 war Baubeginn, zwei Jahre später war die Brücke fertig, seitdem aber ist sie ungenutzt. Container stehen quer über die Fahrstreifen, der Übergang ist gesperrt, so wie auch alle anderen Grenzen zwischen Venezuela und Kolumbien grundsätzlich geschlossen sind, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen.

Seit mehr als einem halben Jahrzehnt herrscht Eiszeit zwischen den beiden Ländern in Südamerika. Doch all das soll sich nun ändern: Am 26. September öffnen Kolumbien und Venezuela wieder ihre Grenzen. Bruderschaft statt Feindschaft: "Wir bekräftigen den Willen der Regierung, die Beziehungen wiederherzustellen", twitterte Kolumbiens Präsident Gustavo Petro nach Bekanntgabe der Entscheidung vor ein paar Wochen. "Der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen unseren Völkern beginnt vielversprechend", lobte Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro ebenfalls umgehend.

Tatsächlich verbindet Kolumbien und Venezuela eigentlich eine lange gemeinsame Geschichte. Über Jahrhunderte waren die beiden Länder Teil des Vizekönigreichs Neugranada und später des unabhängigen Staates Großkolumbien. Erst als dieser Mitte des 19. Jahrhunderts zerfiel, entstanden das heutige Venezuela und Kolumbien. Was blieb, war die gemeinsame Sprache, eine ähnliche Kultur und eine mehr als 2000 Kilometer lange Grenze.

Beide Regierungschefs bemühen sich um Annäherung

Immer wieder kam es mal zu Konflikten, gleichzeitig aber gab es auch enge wirtschaftliche Beziehungen, Freundeskreise existierten quer über die Grenze hinweg, ebenso wie familiäre Bande. Doch dann trat 2002 in Kolumbien der stramm konservative Präsident Álvaro Uribe sein Amt an, während gleichzeitig in Venezuela der linke Staatschef Hugo Chávez von einem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" zu träumen begann. Während Venezuela zum Vorreiter der neuen lateinamerikanischen Linken wurde, war Kolumbien einer der engsten Vertrauten Washingtons in der Region.

Das führte zunehmend zu Spannungen. Als es 2015 zu einem Zwischenfall in der Grenzregion kam, ließ Chavez' Nachfolger Nicolás Maduro alle Übergänge schließen. Nur noch Fußgänger und ein paar wenige Lkw durften passieren. 2019 war es dann auch damit vorbei: Nachdem sich Kolumbiens damalige rechte Regierung nach einem Machtkampf in Venezuela offen auf die Seite der dortigen Opposition gestellt hatte, wurden alle diplomatischen Beziehungen gekappt und die Grenzen teilweise verbarrikadiert.

Lange sah es so aus, als ob die sozialistische Regierung in Caracas zu wanken begänne: harte US-Sanktionen, internationale Isolation und eine fast allumfassende Krise. Das ist nun Vergangenheit: Die Inflation in Venezuela ist heute so niedrig wie seit Langem nicht, die Stellung der Regierung im Land gefestigt und seit Russland als weltweiter Rohstofflieferant ausfällt, suchen viele Staaten nach Alternativen. Da wird Venezuela auf einmal wieder interessant.

Dass es nun auch noch zur Wiedereröffnung der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela kommt, ist so gesehen ein logischer Schritt. Seit Anfang August regiert in der kolumbianischen Hauptstadt eine linke Regierung, Präsident Gustavo Petro war selbst einmal Guerilla-Kämpfer, im Wahlkampf hat er die Wiederaufnahme der politischen Beziehungen zum Nachbarland Venezuela versprochen.

Die Kritiker trauen dem Frieden nicht

Schon wenige Wochen nach Amtseinführung tauschten die beiden Länder wieder Botschafter aus. Man wolle die Beziehungen zum Nachbarn wiederaufbauen, verkündete der neue kolumbianische Botschafter in Venezuela, Armando Benedetti, auf Twitter: "Die Beziehungen hätten niemals zerbrechen dürfen".

Grenzübergänge wurden in den letzten Wochen repariert und wieder funktionsfähig gemacht. Graduell sollen sie nun nacheinander wieder geöffnet werden, und bald könnten auch über die Tienditas-Brücke Autos fahren und Menschen laufen. Alte Flugverbindungen sollen wieder aufgenommen werden, Firmen kehren zurück und irgendwann, so die Hoffnung, auch die Normalität.

Genau das, sagen Kritiker, sei aber ein Problem: Denn die Regierung in Caracas, glauben sie, sei nicht demokratisch gewählt. Ihre Macht, so der Vorwurf, gründe sich auch auf Verfolgung und Gewalt. Erst letzte Woche veröffentlichte eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen einen neuen Bericht zur Lage im Land. "Unsere Ermittlungen haben gezeigt, dass sich der venezolanische Staat bei der Unterdrückung abweichender Meinungen auf die Geheimdienste und ihre Agenten stützt", sagte die Vorsitzende der Ermittlungskommission, Marta Valiñas. Dabei würden schwere Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen begangen, darunter Folter und sexuelle Gewalt.

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