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USA: Heimat für Nazi-Täter:Wohin mit den Altnazis?

Die Deutschen sahen das ganz anders. Etliche Nazi-Helfer im Osten waren nie Deutsche gewesen oder hatten nie in Deutschland gelebt, sie hatten sich im Baltikum oder der Ukraine den Nazis zur Verfügung gestellt und nach dem Ende des Dritten Reichs die Flucht ergriffen. Von den 23 Betroffenen, die OSI ermittelt und nach Deutschland geschickt hat, waren nur sechs Deutsche. Somit hatte die Bundesrepublik meist keine juristische Pflicht, diese aufzunehmen.

Die Amerikaner versuchten es auch bei Deutschstämmigen mit verschiedenen Tricks. Mit dem Raketentechniker Arthur Rudolph etwa handelten sie aus, dass ihm ein Strafprozess in den USA erspart bleibe. Dafür müsse er nach Deutschland reisen und dort auf die US-Staatsbürgerschaft verzichten. Den nunmehr Staatenlosen hatten dann die Deutschen am Hals. Die Bundesrepublik wurde in diese Pläne freilich nicht eingeweiht und protestierte heftig. Ende der neunziger Jahre schließlich erklärte die Bundesregierung, dass sie frühere Schergen, die vom OSI enttarnt würden, definitiv nicht mehr zurücknehmen werde. Einer der Gründe war, dass die Diktatur in Osteuropa vorüber war. Wer nun dorthin zurückgeschickt wurde, musste nicht mehr um sein Leben fürchten.

Ist die "moralische Pflicht" durch Zahlungen abgegolten?

Der Streit darüber, wer wen behalten oder übernehmen muss, dauerte bis in die jüngste Vergangenheit. Nach dem Zerwürfnis zwischen Washington und Berlin wegen des Irak-Krieges 2003 waren die Deutschen bemüht, die Amerikaner zu besänftigen, und im US-Außenministerium hoffte man, bei der Gelegenheit noch eine Reihe offener Nazi-Fälle lösen zu können. Die Argumentation war auf beiden Seiten immer gleich: Die Amerikaner erklärten, die Deutschen hätten eine "moralische Pflicht", die früheren Helfer aufzunehmen. Die Deutschen antworteten, sie seien ihrer Pflicht durch langjährige Zahlungen an Holocaust-Opfer weitgehend nachgekommen. Im Übrigen sei es erst recht bedenklich, die Verbrecher von damals jetzt auch noch mit deutscher Sozialhilfe zu verwöhnen und es ihnen zu ermöglichen, in deutschen Neonazi-Kreisen mitzuwirken.

Als 1982 in Bolivien eine demokratische Regierung gewählt wurde, verständigte sich der neue Präsident Hernan Siles Zuazo mit dem Sozialisten François Mitterrand in Paris auf die Auslieferung des "Schlächters". Zunächst wurde erwogen, den in Trier geborenen deutschen Staatsbürger Klaus Barbie in die Bundesrepublik abzuschieben, doch hätte das zu mehr als diplomatischen Verwicklungen geführt. Helmut Kohl suchte die Bestätigung seiner neuen Regierung in einer vorgezogenen Bundestagswahl. Barbies Auftauchen mitten im Wahlkampf hätte da nur gestört. Auch für die anderen war er nur noch ein Schuft. 1987 wurde er verurteilt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, 1991 starb er in französischer Haft.

© SZ vom 17.11.2010/mob
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