Süddeutsche Zeitung

USA: Heimat für Nazi-Täter:Uncle Sam und seine nützlichen Nazis

Barbie, Gehlen, von Braun: Die USA profitierten von Experten und Tätern des Dritten Reichs. Hauptsache, die Deutschen waren stramme Antikommunisten. Erst in den siebziger Jahren versuchte Washington, die nützlichen Nazis loszuwerden.

N. Richter und W. Winkler

Sandra Zanik hörte abends im Fernsehen von einem Gestapo-Mann, der in Frankreich Gefangene gefoltert hatte, aber dafür keineswegs vor Gericht gezogen worden war, sondern inzwischen als wohlhabender Geschäftsmann in München lebte. Sie konnte es nicht glauben. Empört schrieb die Frau aus Rockville Center einen Brief an Jacob Javits, der für sie in Washington im Senat saß, und erlaubte sich eine Mutmaßung: "Es scheint", so formulierte sie etwas vorwitzig, "dass er politische Protektion genießt und nicht belangt werden kann."

Der Senator reichte die Beschwerde an das Außenministerium weiter, das wiederum bei der U.S. Army nachfragte. Die Bestätigung ließ nicht auf sich warten: Ja, dieser Gestapo-Folterer sei bekannt, es handle sich um einen gewissen Klaus Barbie, in Frankreich bekannt als "Schlächter von Lyon", allerdings sei er nach dem Krieg ein wichtiger Agent in der Gegenspionage des militärischen Geheimdienstes CIC gewesen.

"Er befehligte eine Untergrundorganisation, die aus ehemaligen Gestapo- und SS-Offizieren bestand, die sich nach dem Krieg vor den Siegern verbargen. (...) Barbies Leistungen für die US Army Intelligence waren außerordentlich; er galt als eine der wertvollsten Kräfte, die gegen die Operationen des sowjetischen Geheimdienstes und subversive kommunistische Elemente in Deutschland eingesetzt waren." Ja, es sei schon richtig, dass die Franzosen seine Auslieferung verlangt hätten, aber weil er nicht bloß wertvoll war, sondern zu viel wusste, habe man ihm schließlich beim "Wegzug" aus Europa geholfen.

Bollwerk gegen den Kommunismus

Das State Department dankte für die Auskunft, gab die Information aber nicht vollständig an Senator Javits weiter, sondern beschied ihn, die Untersuchung über das Treiben Barbies in Frankreich hätte seinerzeit zu keinem "schlüssigen" Ergebnis geführt. In Frankreich wurde Barbie in Abwesenheit zum Tod verurteilt, aber er konnte 1951 mit amerikanischem Geld und freundlicher Unterstützung des Vatikans über München und Genua nach Bolivien ausreisen, wo er sich unter dem Namen Klaus Altmann als Waffenhändler und Berater diverser Militärdiktaturen nützlich machte. Erst 1983, sechzehn Jahre nach dem Brief der besorgten Miss Zanik, wurde Barbie ausgeliefert und in Lyon, am Ort seiner Verbrechen, vor Gericht gestellt.

Wie der jetzt von der New York Times veröffentlichte Bericht des Office of Special Investigations (OSI) im US-Justizministerium mit philologischer Akribie nachweist, haben sich die amerikanischen Behörden in ihrem Verhalten Kriegsverbrechern gegenüber von wechselnden Grundsätzen leiten lassen. In Nürnberg wurde 1945/46 von den alliierten Siegermächten noch Gericht über die Hauptkriegsverbrecher gehalten, es wurden in der Folge etliche hundert Todesurteile gefällt, die meisten davon auch vollstreckt, doch längst hatte zwischen der Sowjetunion und den USA ein neuer Krieg um die Vorherrschaft in Europa begonnen. Die aus den Westzonen gebildete Bundesrepublik musste sich auf ihre Rolle als "Bollwerk gegen den Kommunismus" besinnen.

"Wir brauchen jeden Schweinehund"

Mit diesem Argument warb bei seiner Vernehmung der Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen für sich, bisher Leiter des Abwehrdienstes "Fremde Heere Ost", und bot sich den Amerikanern als der Ost-Experte an, den sie selber nicht hatten. So lieb wurde er seinen neuen Freunden, dass sie ihn 1951 sogar ins Yankee Stadium einluden, zum Abschiedsspiel von Joe DiMaggio. Angeleitet von der CIA, baute Gehlen eine Organisation auf, die 1956 als Bundesnachrichtendienst (BND) von der Bundesrepublik übernommen wurde. Unweigerlich war dieser Geheimdienst mit zahlreichen NSDAP- und SS-Angehörigen bestückt, die möglicherweise an Verbrechen beteiligt waren, sich aber - und das war viel wichtiger - in jedem Fall als stramme Antikommunisten bewiesen hatten.

Die Rechnung damals war einfach: Im Kampf gegen die rote Gefahr ist ein Demokrat zusammen mit einem Alt-Nazi stärker als ohne ihn. Verbrecher können nützlich sein, auch für freiheitliche, demokratische Staaten. Der CIA-Experte Harry Rositzke sagte einmal: "Es war unbedingt notwendig, dass wir jeden Schweinehund verwendeten. Hauptsache, er war Antikommunist." Ähnlich äußerte sich der amerikanische Präsident Harry Truman, als er sagte: "Mich interessiert nicht, ob er mit Ziegen fickt. Wenn er uns hilft, benutzen wir ihn."

Das späte Interesse an Hitlers Helfern

Kaum weniger großzügig verhielten sich die Amerikaner bei den sogenannten Raketen-Experten um Wernher von Braun und Walter Dornberger. Dass sie für den Bau der V-2 Zwangsarbeiter eingesetzt hatten, von denen viele starben, wog gering - gemessen an ihren erwiesenen Fähigkeiten in modernster Raketentechnik. Braun wurde erst nach seiner Vergangenheit befragt, als er 1969 John F. Kennedys Versprechen eingelöst hatte, den ersten Amerikaner auf den Mond zu bringen. Eine strafrechtliche Verfolgung des ehemaligen SS-Sturmbannführers kam für die Amerikaner nicht in Frage. Er starb 1977.

Bei so viel Pragmatismus dauerte es tatsächlich bis Ende der siebziger Jahre, bis die USA systematisch zu untersuchen begannen, wen sie alles ins Land gelassen hatten. Das langjährige Desinteresse endete abrupt wegen Hermine Braunsteiner-Ryan. Die New York Times machte deren Geschichte publik unter der Schlagzeile: "Frühere Aufseherin in Nazi-Lager lebt als Hausfrau in Queens".

Die Zeitung hatte den Tipp offenbar von Nazi-Jäger Simon Wiesenthal bekommen. Es folgte ein Gerichtsverfahren gegen die Frau, sie hatte bei ihrer Einreise verschwiegen, dass sie wegen einiger Taten in Österreich verurteilt worden war. Der Prozess endete mit ihrer Ausbürgerung und Ausweisung, und er offenbarte schwere Fehler und Vertuschungsversuche der Einwanderungsbehörde INS im Umgang mit Hitlers früheren Helfern. Bald interessierte sich auch das Parlament für die Vergangenheit eingebürgerter Amerikaner. Gleichzeitig weckte die US-Fernsehserie Holocaust neues öffentliches Interesse an der Geschichte.

Verspätet wurde Besuchern der USA auf ihrem Visum-Antrag die Frage vorgelegt, ob sie an Nazi-Verbrechen beteiligt gewesen seien; da waren bereits an die zehntausend Mittäter ins Land gelangt, oft genug mit Wissen der Behörden. Die Aufgabe des Office of Special Investigations war es fortan, jene, die zu Unrecht in Amerika Zuflucht gefunden hatten, wieder loszuwerden. Sie waren zumeist nicht (oder nicht mehr) nützlich und zudem eine politische Belastung. Ihr Reiseziel konnte aus Washingtoner Sicht eigentlich nur ein Land sein: die Bundesrepublik. Wer sonst musste sich die Verbrechen der Nazis zurechnen lassen?

Wohin mit den Altnazis?

Die Deutschen sahen das ganz anders. Etliche Nazi-Helfer im Osten waren nie Deutsche gewesen oder hatten nie in Deutschland gelebt, sie hatten sich im Baltikum oder der Ukraine den Nazis zur Verfügung gestellt und nach dem Ende des Dritten Reichs die Flucht ergriffen. Von den 23 Betroffenen, die OSI ermittelt und nach Deutschland geschickt hat, waren nur sechs Deutsche. Somit hatte die Bundesrepublik meist keine juristische Pflicht, diese aufzunehmen.

Die Amerikaner versuchten es auch bei Deutschstämmigen mit verschiedenen Tricks. Mit dem Raketentechniker Arthur Rudolph etwa handelten sie aus, dass ihm ein Strafprozess in den USA erspart bleibe. Dafür müsse er nach Deutschland reisen und dort auf die US-Staatsbürgerschaft verzichten. Den nunmehr Staatenlosen hatten dann die Deutschen am Hals. Die Bundesrepublik wurde in diese Pläne freilich nicht eingeweiht und protestierte heftig. Ende der neunziger Jahre schließlich erklärte die Bundesregierung, dass sie frühere Schergen, die vom OSI enttarnt würden, definitiv nicht mehr zurücknehmen werde. Einer der Gründe war, dass die Diktatur in Osteuropa vorüber war. Wer nun dorthin zurückgeschickt wurde, musste nicht mehr um sein Leben fürchten.

Ist die "moralische Pflicht" durch Zahlungen abgegolten?

Der Streit darüber, wer wen behalten oder übernehmen muss, dauerte bis in die jüngste Vergangenheit. Nach dem Zerwürfnis zwischen Washington und Berlin wegen des Irak-Krieges 2003 waren die Deutschen bemüht, die Amerikaner zu besänftigen, und im US-Außenministerium hoffte man, bei der Gelegenheit noch eine Reihe offener Nazi-Fälle lösen zu können. Die Argumentation war auf beiden Seiten immer gleich: Die Amerikaner erklärten, die Deutschen hätten eine "moralische Pflicht", die früheren Helfer aufzunehmen. Die Deutschen antworteten, sie seien ihrer Pflicht durch langjährige Zahlungen an Holocaust-Opfer weitgehend nachgekommen. Im Übrigen sei es erst recht bedenklich, die Verbrecher von damals jetzt auch noch mit deutscher Sozialhilfe zu verwöhnen und es ihnen zu ermöglichen, in deutschen Neonazi-Kreisen mitzuwirken.

Als 1982 in Bolivien eine demokratische Regierung gewählt wurde, verständigte sich der neue Präsident Hernan Siles Zuazo mit dem Sozialisten François Mitterrand in Paris auf die Auslieferung des "Schlächters". Zunächst wurde erwogen, den in Trier geborenen deutschen Staatsbürger Klaus Barbie in die Bundesrepublik abzuschieben, doch hätte das zu mehr als diplomatischen Verwicklungen geführt. Helmut Kohl suchte die Bestätigung seiner neuen Regierung in einer vorgezogenen Bundestagswahl. Barbies Auftauchen mitten im Wahlkampf hätte da nur gestört. Auch für die anderen war er nur noch ein Schuft. 1987 wurde er verurteilt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, 1991 starb er in französischer Haft.

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Quelle:
SZ vom 17.11.2010/mob
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