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US-Wahlkampf:Bidens kluge Strategie gegen Trump könnte aufgehen

Joe Biden

Joe Biden bei seiner TV-Fragestunde. Im Hintergrund sind die ersten Worte der US-Verfassung an der Wand zu sehen.

(Foto: AP)

Denn der amtierende Präsident tut gerade alles, um sich selbst zu demontieren. Biden dagegen vermittelt das Bild eines Mannes, der sich den Blick fürs Wesentliche bewahrt hat.

Kommentar von Christian Zaschke, New York

In seinem Fernduell mit US-Präsident Donald Trump hat Joe Biden erneut unter Beweis gestellt, dass er weniger aufregend sein kann als ein Video, das ein Kaminfeuer zeigt. Mit anderen Worten: Er hat wieder einmal alles richtig gemacht. Seine Taktik, nachgerade heimlich ins Weiße Haus einziehen zu wollen und permanent unter dem Radar zu fliegen, ist perfekt. Und nein, das ist nicht so hämisch gemeint, wie es klingen mag.

Am Donnerstag traten sowohl Biden als auch Trump zur selben Zeit im Fernsehen auf und stellten sich den Fragen des jeweiligen Studiopublikums. Eigentlich hätte das zweite direkte TV-Duell zu diesem Termin stattfinden sollen, es war aber wegen Trumps Corona-Infektion abgesagt worden. Daraufhin setzte Biden eine Veranstaltung in Philadelphia an, und es dauerte natürlich nicht lange, bis Trumps Team ein Gegenevent in Miami organisiert hatte. So gab es doch eine Art Duell, wenn auch mit großem Social Distancing - mehr als 1600 Kilometer liegen zwischen den beiden Städten.

Aus diesem Duell ist Joe Biden als klarer Sieger hervorgegangen, was vor allem mit Donald Trump zu tun hatte. Der Präsident rüpelte sich durch seine Veranstaltung, er wurde sauer, wenn ihm Fragen nicht passten, und er weigerte sich beharrlich, auch nur ein leises Wort der Kritik an dem durchgeknallten Verschwörungskult QAnon zu äußern. Die Moderatorin beschied Trump, sie verstehe das nicht, er sei schließlich der Präsident und nicht jemandes verrückter Onkel. Das war insoweit ziemlich witzig, als seine Nichte Mary Trump, die kürzlich ein äußerst kritisches Buch über den Präsidenten veröffentlicht hat, vermutlich ohne zu zögern bestätigen würde, dass Trump sehr wohl jemandes verrückter Onkel ist.

Während also Trump sich in Miami mal wieder um Kopf und Kragen redete, war Biden in Philadelphia die Ruhe selbst. Nicht ein einziges Mal erhob er seine Stimme. Manche seiner Antworten waren so lang und so spezialistisch, dass man den Eindruck bekam, Biden lese gerade einige der besonders detailreichen Kapitel zu den feineren Feinheiten des Walfangs aus dem Roman "Moby Dick" vor. Er wusste ja, dass Trump zur selben Zeit auftrat und es daher fast keine Rolle spielte, was er sagte. Seinen Wahlkampf bestreitet vor allem der Präsident für ihn, der, je näher der Wahltag rückt, immer eifriger damit beschäftigt ist, sich selbst zu demontieren. "Lasst Trump einfach Trump sein", hatte Trumps vormaliger Berater Stephen Bannon im Wahlkampf des Jahres 2016 gepredigt. Exakt diese Taktik hat das Team von Biden im Jahr 2020 übernommen.

Es wäre unfair zu sagen, dass der Herausforderer nichts von Substanz äußerte. Besonders stark war Biden, wenn er nicht über konkrete Politik sprach, sondern sich zu Themen wie Anstand und Moral äußerte. Dann war spürbar, dass dort ein Mann saß, dem es ernst ist mit diesen Themen, ein Politiker, der aus Überzeugung handelt. Natürlich wohnt in jedem Politiker der Wille zur Macht, doch Biden vermittelte den Eindruck eines Menschen, dem dieser Wille nicht den Blick aufs Wesentliche verstellt. Sollte er die Wahl am 3. November tatsächlich gewinnen, dann wird das daran gelegen haben, dass er seine Kampagne nach einem Grundsatz führt, den Trump niemals verstehen wird: Weniger ist mehr.

© SZ vom 17.10.2020/jael
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