Concession Speech:Warum es so problematisch ist, dass Trump ein schlechter Verlierer ist

Lesezeit: 4 min

Donald Trump, US-Wahl

Gewinnt lieber als dass er verliert: Donald Trump.

(Foto: AFP)

Normalerweise gestehen Verlierer der Präsidentschaftswahl ihre Niederlage öffentlich ein. Wie wichtig das ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Doch dieses Mal ist alles anders.

Von Simon Groß

Als Gewinner machte Trump bisher eine gute Figur, zumindest sahen das offenbar seine Unterstützer so. Nun hat der amtierende US-Präsident die Wahl verloren. Auch wenn er versucht, noch auf juristischem Wege am Wahlergebnis zu rütteln, sieht es so aus, als würde ihm eine zweite Amtszeit verwehrt bleiben. Das lenkt den Blick auf die Frage, wie man in dieser Situation mit Würde abtritt.

Denn auch der Wahlverlierer hat in den USA Pflichten: Zu einer Niederlage gehört nämlich die sogenannte concession speech. Gemeint ist das obligatorische Eingeständnis des Unterlegenen, die Wahl verloren zu haben - versöhnliche Worte, die sich gleichermaßen an den künftigen Präsidenten und an die Wähler richten. Die Rede ist ein ungeschriebener, aber nicht unwichtiger Teil des Drehbuchs amerikanischer Wahlkämpfe, eigentlich.

Wann und ob es im Jahr 2020 dazu kommt - das steht nicht fest. Trumps erste Reaktion auf die Bekanntgabe von Bidens Sieg, fiel wie zu erwarten aus. Der Mann im Weißen Haus trotzt dem Wahlergebnis, will den Demokraten nicht als seinen Nachfolger anerkennen. Er denke noch nicht über eine Rede als Verlierer oder Sieger nach, hatte Trump bereits am Wahltag in einen Wahlkampfbüro in Arlington, Virginia, gesagt. Und weiter: "Wissen Sie, gewinnen ist einfach, verlieren ist nie einfach - nicht für mich."

Außerdem hat das Trump-Lager in mehreren Bundesstaaten Klagen eingereicht. Trump kündigte an, vor das höchste amerikanische Gericht, den Supreme Court, ziehen zu wollen. Nach einem würdevollen Abgang klingt das alles bisher nicht unbedingt. Doch wie wird sich Trump verhalten, wenn mögliche juristische Auseinandersetzungen vom Tisch sind und kein Weg mehr an Bidens Präsidentschaft vorbeiführt?

Es gäbe jedenfalls viele historische Positivbeispiele, bei denen Trump sich das Verlieren abschauen könnte. Da wäre unter anderem seine ehemalige Herausforderin, Hillary Clinton, die Trump zuvor aufs Übelste geschmäht hatte. "Betrügerische Hillary" ("Crooked Hillary") nannte er sie und hielt seine Unterstützer nicht davon ab, in Sprechchören ihre Verhaftung zu fordern ("Lock her up"). Selbst Clinton brachte es fertig, ihre Niederlage einzugestehen und das amerikanische Volk zu bitten, Donald Trump als Präsident eine Chance zu geben.

Und dann war da noch der altgediente Republikaner John McCain, der 2008 gegen einen jungen charismatischen Senator aus Illinois verlor: "Senator Obama hat etwas Großartiges erreicht - für sich persönlich und für dieses Land. Ich spende ihm meinen Beifall und spreche ihm meine tiefe Anteilnahme dafür aus, dass seine geliebte Großmutter diesen Tag nicht mehr erleben durfte. Auch wenn unser Glaube uns sagt, dass sie in der Gegenwart ihres Schöpfers weilt und sehr stolz ist auf den großen Mann, den sie erzogen hat." Das war eine Rede, die dem historischen Moment gewachsen war.

Wie man es lieber nicht machen sollte, zeigte der demokratische Präsidentschaftskandidat Al Gore nach der US-Wahl im Jahr 2000. Als Gore seinen Widersacher George W. Bush anrief, war der spätere US-Präsident fassungslos. "Nur damit ich Sie richtig verstehe", fragte Bush den Demokraten am Telefon, "Sie rufen mich an, um das Eingeständnis Ihrer Niederlage zurückzuziehen?" Erst eine halbe Stunde zuvor hatte Al Gore seinem Kontrahenten zu dessen Wahlsieg gratuliert. Gores Widerruf seiner zunächst eingestandenen Niederlage stellte einen Eklat dar. Was ihn dazu veranlasste, waren Unstimmigkeiten bei der Auszählung in Florida. Der Demokrat versuchte vergebens, eine Nachzählung zu erwirken. Wochen später stand fest: Der neue Präsident hieß Bush.

Die Gräben aus dem Wahlkampf sollen zugeschüttet werden

Die concession speech ist weder in der Verfassung noch anderweitig rechtlich verankert. Dennoch ist sie seit 1896 Tradition; sie ist fester Bestandteil des demokratischen Ritus der Präsidentschaftswahl. 1896 gratulierte der Demokrat William Jennings Bryan seinem republikanischen Widersacher William McKinley zwei Tage nach der Wahl per Telegramm. Seitdem haben die Unterlegenen immer in irgendeiner Form ihre Niederlage eingestanden und dem Gewinner gratuliert, in den vergangenen 120 Jahren insgesamt 32 Mal.

Die erste concession speech im Radio hielt Al Smith 1928, nachdem er gegen Herbert Hoover verloren hatte. Live im Fernsehen sahen Zuschauer erstmals 1952 Adlai Stevenson dabei zu, wie er Dwight D. Eisenhower zum Wahlsieg gratulierte. Im Laufe der Jahre etablierten sich Bausteine, die in den Reden immer wieder auftauchen.

Der erste Punkt ist das Eingeständnis der Niederlage - auch wenn das Wort selbst von den Verlierern tunlichst vermieden wird. Es folgen Worte, die das Volk wieder vereinen und den gemeinsamen Geist der amerikanischen Nation beschwören sollen. Gerade dieser Abschnitt ist nach den oft hart und erbittert geführten Wahlkämpfen von Bedeutung. Es gilt, die Gräben, die sich in den Wochen vor dem Wahltag vertieft haben, wieder zuzuschütten. In einem Akt der Überparteilichkeit bringt der Unterlegene Unterstützung für seinen ehemaligen Gegner zum Ausdruck und ruft die Nation zur Einheit auf.

Dann wird es grundsätzlich: Der Redner hebt die Stärke des demokratischen Systems hervor und würdigt die Wähler als entscheidende Akteure. Es ist dies womöglich der fundamentalste Teil der Rede, weil er auf den Wert der Staatsform an sich abstellt und damit die Legitimität der Wahl und ihres Ergebnisses betont. Zum Schluss wendet sich die Aufmerksamkeit des Redners wieder den konkreten Dingen zu, und er ruft seine Unterstützer dazu auf, weiter für seine und die Ziele seiner Partei zu kämpfen.

Es fällt schwer, sich vorzustellen, das alles aus Trumps Mund zu hören. Bisher ist er nicht dadurch aufgefallen, sich an Regeln zu halten - an ungeschriebene schon gar nicht. Der gespaltenen amerikanischen Gesellschaft täten verbindende Worte wohl jedoch gut.

Am 13. Dezember 2000 folgte übrigens nach einem ausgiebigem Rechtsstreit Al Gores zweite und endgültige concession. Er habe George W. Bush diesmal versprochen, ihn nicht noch einmal zurückzurufen, und ihm gratuliert, der 43. Präsident der USA zu werden, sagte der geschlagene Demokrat im Fernsehen: "Und heute Abend biete ich um unserer Einheit als Volk und der Stärke unserer Demokratie willen mein Eingeständnis der Niederlage an." So können Verlierer klingen.

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