Ungarn:Ein Kandidat zu viel

Klara Dobrev, candidate of the opposition party Democratic Coalition, meets with supporters during the first round of the opposition primary election, in Budapest

Klára Dobrev hat die Vorwahl um die Kandidatur gegen Viktor Orbán deutlich gewonnen.

(Foto: Bernadett Szabo/REUTERS)

Gemeinsam will die ungarische Opposition bei der Parlamentswahl gegen Viktor Orbán antreten. Doch die Suche nach einem Anführer gestaltet sich komplizierter als gedacht.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Das Ergebnis der ersten Vorwahlrunde, mit der die vereinigte ungarische Opposition in den vergangenen Wochen in die Kür ihres Spitzenkandidaten oder ihrer Spitzenkandidatin für die anstehenden Parlamentswahlen startete, gilt als einigermaßen überraschend. Schon dass die Vizepräsidentin des Europaparlaments, Klára Dobrev von der Demokratischen Koalition (DK), vorn liegen würde, war nicht unbedingt erwartet worden; sie kam auf 35 Prozent der Stimmen. Hinter ihr liegt, mit 27 Prozentpunkten, der Budapester Bürgermeister Gergely Karácsony, ein grün-liberaler Politiker. Viele sehen in ihm dennoch bereits den Bewerber um das Amt des Ministerpräsidenten, weil er aus der zweiten Runde als erfolgreicher Kompromisskandidat hervorgehen könnte.

Doch es gibt noch einen dritten Kandidaten. Sechs Parteien sind es insgesamt, die Viktor Orbán im April mit einem gemeinsamen Programm und einem gemeinsamen Kandidaten schlagen wollen. Fünf Kandidaten waren für die erste Wahlrunde angetreten, mindestens 15 Prozent der Stimmen galt es zu erlangen, um in die in die zweite und entscheidende Runde zu gelangen. Péter Márki-Zay, ein parteiloser Bürgermeister aus der kleinen Stadt Hódmezővásárhely, schnitt mit 20,4 Prozent unerwartet gut ab. Márki-Zay hatte 2018 in einer viel beachteten Wahl in seiner Heimatstadt das Rennen gegen einen langjährigen Fidesz-Bürgermeister gemacht. Sein damaliger Sieg bestärkte viele Orbán-Gegner, dass eine gut gemachte Kampagne gegen Fidesz erfolgreich sein kann.

Mit drei Kandidaten in der zweiten Vorwahlrunde wird die Lage der vereinigten Opposition allerdings schwieriger als erwartet, denn keiner von ihnen will - nach jetzigem Stand - zugunsten der Mitbewerber zurückziehen. Das Ergebnis in einer zweiten Runde, die Mitte Oktober beginnen soll, könnte dadurch stark verwässert werden.

Die Arithmetik ist so kompliziert wie die Gesamtlage. Es ist ein historisches und riskantes Experiment, mit dem die sechs Parteien (die Sozialdemokraten haben keinen eigenen Kandidaten aufgestellt) ins Rennen gegen den lange Zeit unbesiegbar erscheinenden Fidesz-Chef und Ministerpräsidenten ziehen. Ein Gegner Orbáns, der nicht mit einem überzeugenden Ergebnis und voller Rückendeckung aller Parteien antritt, dürfte es nicht nur im Wahlkampf schwer haben, sondern auch ein gefundenes Fressen für die Propagandamaschine von Fidesz sein.

Alle Parteien lobten die hohe Wahlbeteiligung

Márki-Zay schnitt überraschend sogar besser ab als der Rechtspopulist Péter Jakab von Jobbik; hatte er anfangs noch angekündigt, er könnte sich zurückziehen und seinen Anhängern raten, den Budapester Bürgermeister Karácsony zu unterstützen, so ließ er nach Auszählung aller Stimmen wissen, er rechne auf die Unterstützer jener Kandidaten, die schlechter abgeschnitten hätten als er. In den kommenden Tagen dürfte es also einige Debatten über das weitere Prozedere zwischen den Parteien geben.

Dobrev, die mehr als ein Drittel der 630 000 Stimmen auf sich vereinen konnte, hat ihre Unterstützer vor allem auf dem Land. Der Zweitgereihte, Karácsony, vor allem in Budapest und anderen Großstädten. Alle Oppositionsparteien, die gemeinsam antreten, bezeichneten die Wahlbeteiligung als erfreulich; trotz einiger Anlaufschwierigkeiten zu Beginn der ersten Runde, als das Online-Voting-System aufgrund eines mutmaßlichen Hackerangriffs zusammenbrach, hätten sich mehr Menschen beteiligt als erwartet, was ein gutes Zeichen für den kommenden Wahlkampf sei.

Zur SZ-Startseite
Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller ist Populismus-Experte.

SZ PlusMeinungEuropäische Union
:Die EU muss gegen Polen und Ungarn vorgehen

In Polen und Ungarn schränken Autokraten Gerichte und Bürgerrechte ein. Bei so einem Schritt ist Toleranz fehl am Platz. Denn das geht alle Europäer unmittelbar etwas an.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB