Ukraine-Krieg:Spät gekommen, früh gegangen

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Russland: Außenminister Sergej Lawrow spricht im UN-Sicherheitsrat

Mäandernde Rede: Russlands Außenminister Sergej Lawrow im UN-Sicherheitsrat.

(Foto: IMAGO/Valery Sharifulin/IMAGO/ITAR-TASS)

Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen treffen die Außenminister Moskaus und Kiews erstmals seit Monaten aufeinander. Der Russe Lawrow lässt seiner Verachtung für den Rest der Welt freien Lauf.

Von Christian Zaschke, New York

Sergej Lawrow ist seit 18 Jahren russischer Außenminister, er gehört zu den erfahrensten Diplomaten der Welt. Daher wusste er allzu genau, welch ein Affront es war, dass er zur Sitzung des UN-Sicherheitsrates am Donnerstag in New York erst rund eineinhalb Stunden nach Beginn erschien, dann eine zu lange Rede hielt, um anschließend den Saal umgehend wieder zu verlassen. Deutlicher konnte er nicht machen, dass er nicht hören wollte, was die übrigen Rednerinnen und Redner auf der Weltbühne zu sagen hatten.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar hat es unzählige Sitzungen im Sicherheitsrat gegeben, die sich mit dem Thema beschäftigten. Dieses Mal war es jedoch eine besonders aufgeladene Zusammenkunft, da sie im Zuge der 77. UN-Generalversammlung stattfand und deshalb nicht wie sonst die Botschafterinnen und Botschafter, sondern die Außenministerinnen und Außenminister der Staaten sprachen.

Mit Spannung war das Aufeinandertreffen von Lawrow und dem ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba erwartet worden. Dieser hatte gesagt, er wolle "einen sicheren sozialen Abstand" von Lawrow halten. Allerdings hatten ihn die Saaldiener nach Angaben der Nachrichtenagentur AP zunächst genau neben dem Sitz von Lawrow platziert. Erst nachdem er protestiert habe, sei sein Namensschild einem anderen Platz zugeordnet worden.

Lawrow hielt eine mäandernde Rede, er wiederholte sich oft. Mehrmals bezeichnete er die Ukraine als totalitären Nazistaat, der vom Westen unterstützt werde, um Russland zu zermürben. Dies bedeute, dass die westlichen Staaten unmittelbar in den Krieg verwickelt und somit Konfliktpartei seien. Die Länder, die die Ukraine "mit Waffen vollpumpen", seien zynisch, denn es gehe ihnen offensichtlich darum, den Krieg möglichst zu verlängern.

Das angeblich inszenierte Massaker

Lawrow wiederholte die Lüge, dass russische und ukrainische Abgesandte bereits im März einen Frieden ausgehandelt hätten. Dann aber seien plötzlich die schrecklichen Bilder aus Butscha aufgetaucht. In dem Ort hatten russische Soldaten ein Massaker an der Zivilbevölkerung verübt. Lawrow behauptete am Donnerstag, das sei alles inszeniert worden, um einen Frieden zu verhindern. Mehrere Quellen haben allerdings verifiziert, dass die Russen in dem Ort Gräueltaten verübten.

Dmytro Kuleba sagte: "Während wir hier sprechen, finden wir noch immer Massengräber in Gebieten, die bis vor Kurzem von russischen Soldaten besetzt waren. Nicht alle Leichen sind intakt, manchmal finden wir nur Teile." Er sprach von einem Ozean des Leids, den die russische Aggression über die Ukraine gebracht habe. "Aber Russland sollte eins wissen", sagte er: "Sie können nicht alle von uns töten." Als der Überfall im Februar begonnen habe, seien Zehntausende Ukrainer aus dem Ausland nach Hause gekommen, um zu kämpfen. Als Russlands Präsident Wladimir Putin in dieser Woche eine Teilmobilmachung verkündet habe, seien Zehntausende Russen geflohen. Putin habe daher keine Mobilmachung verkündet, sondern seine Niederlage.

Auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock hielt eine Rede, in der sie sich direkt an Putin wandte. Er solle aufhören, noch mehr seiner eigenen Bürger in den Tod zu schicken. Und: "Dies ist ein Krieg, den Sie nicht gewinnen werden. Also stoppen Sie ihn!"

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