bedeckt München 26°

Parlamentswahl in der Ukraine:Jung und politisch unbelastet

Tatjana Sopowa gefällt Fedinjaks Auftritt. Vor fünf Jahren ist die 57-jährige Ärztin mit ihrem Mann Michail vor dem Krieg aus ihrer Heimatstadt Lugansk nach Lemberg geflohen. "Erst wenn wir den Krieg beenden und die Korruption besiegen, wird es mit der Ukraine endlich aufwärts gehen", sagt Michail. Bei der Präsidentschaftswahl haben die Sopowas nicht für Selenskij gestimmt. Trotzdem hoffen sie auf einen "Wandel zum Besseren" und überlegen, seine Partei zu wählen. Dies wollen Umfragen zufolge 43 Prozent der Wähler tun. Die Zeitung Serkalo Nedeli sieht die Ukraine vor einem "Generationswechsel auf dem politischen Olymp": Über den Einzug entschieden nicht mehr über Jahre gesammeltes Wissen und Erfahrung im Parlament, sondern "Jugend, Courage und ob jemand politisch unbelastet ist."

Diese Kriterien treffen nicht nur auf Roman Fedinjak zu. Parteikollegin Katerina Schubka, 34 Jahre alte Parlamentskandidatin in einem benachbarten Wahlkreis, wuchs als Tochter eines Militärstaatsanwaltes auf. Und dennoch war Schubka geschockt, als sie nach ihrem Jurastudium die Realität ukrainischer Staatsanwaltschaften kennenlernte. "Im Studium hatte ich gelernt, dass Staatsanwälte die Gesetze einhalten und für Gerechtigkeit sorgen. In der Realität arbeiten die Staatsanwaltschaften wie zu sowjetischer Zeit: Staatsanwälte mischen sich ein, wo sie nichts verloren haben, sie werden gezielt gegen Einzelne eingesetzt, und es gilt das Prinzip von Quantität statt Qualität." Monatelang spürte Schubka einem Fall massiver Unterschlagung im Staatsapparat nach - nur um zu erleben, dass Vorgesetzte die Strafanklage in ein Zivilverfahren umwandelten.

Politik Ukraine Selenskys Sieg ist Ausdruck eines kranken politischen Systems
Ukraine

Selenskys Sieg ist Ausdruck eines kranken politischen Systems

Der Fernsehstar und künftige Präsident Selensky wurde von einem umstrittenen Oligarchen mit ins Amt gehoben. Nun ist zu befürchten, dass dieser Einfluss auf die Politik nimmt.   Kommentar von Florian Hassel

Nach neun Jahren als Staatsanwältin gab Schubka desillusioniert auf und wurde Anwältin. Als sie Selenskijs Versprechen umfassenden Wandels hörte, war sie elektrisiert - und bewarb sich mit Erfolg als Parlamentskandidatin der "Diener des Volkes". Als Abgeordnete würde Newcomerin Schubka gern mit "für eine Justizreform sorgen, nach der es für Staatsanwälte endlich um Qualität geht und die Ukrainer Vertrauen in ihre Gerichte bekommen".

Freilich kämpfen die "Diener des Volkes" nicht als einzige mit einer Mischung aus Fachkenntnis und politischer Unerfahrenheit um die Wähler. Swiatoslaw Wakartschuk machte seinen Doktor in Physik und wurde Musiker. Als Sänger von Okean Elzy, der beliebtesten Rockband der Ukraine, ist der politisch engagierte Musiker so prominent, dass er Umfragen von 2018 zufolge sogar Präsident hätte werden können, wäre er angetreten.

Wakartschuk hat seiner Jungpartei "De-Oligarchisierung" als ein Hauptziel versprochen

Doch Wakartschuk überließ Selenskij das Feld. Nach dessen Wahl zum Präsidenten aber gründete Wakartschuk Mitte Mai die Partei "Stimme" (Golos). In Lemberg treten für Golos bisherige Mitglieder der regionalen Ukrainischen Galizischen Partei an. Die Juristin und Ökonomin Galina Wassiltschenko, 35 Jahre, kümmerte sich bisher um Reformkonzepte für Lembergs überalterte Busse und Straßenbahnen oder die Energieversorgung - jetzt will sie ins Parlament nach Kiew. Dutzende Treffen mit Wählern hat sie hinter sich. Zentrale Punkte, darunter Beitritt zur EU und Nato, effektive Justizreform und Kampf gegen die Korruption, gehören zum Standardrepertoire ukrainischer Reformer. Umfragen zufolge liegt Wassiltschenko in ihrem Wahlkreis gleichauf mit dem zum alteingesessenen politischen Establishment zählenden Mandatsinhaber Bohdan Dubnevyc, einem umstrittenen Multimillionär und im Kiewer Parlament bisher Gefolgsmann von Ex-Präsident Poroschenko.

Prognosen zufolge wird auch Golos ins neue Parlament gewählt - und ist dann wahrscheinlicher Koalitionspartner für die "Diener des Volkes". Denn die sich als unverbrauchte Reformer präsentierende Selenskij-Truppe würde es Anhängern kaum vermitteln können, mit einer der drei anderen im Parlament erwarteten alten Parteien zusammenzugehen: der Partei von Ex-Präsident Poroschenko, der von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko oder gar dem von Moskau geförderten Oppositionsblock "Für das Leben".

Für Golos ist es nicht einfach, ihren Wählern eine Zusammenarbeit mit den Dienern des Volkes zu verkaufen. Schließlich hat Wakartschuk seiner Jungpartei "De-Oligarchisierung" als ein Hauptziel auf die Fahnen geschrieben, also das Aufbrechen übermächtiger Monopole einiger Milliardäre in Wirtschaft, Medien und in den Parlamenten. Doch Selelenskij verdankt seine Wahl auch dem hoch umstrittenen Oligarchen Ihor Kolomoiskij: Dessen Fernsehsender 1 + 1 warb unermüdlich für Selenskij.

"Selenskij ist Kolomoiskijs Projekt", glaubt die 63-jährige Lehrerin Ludmilla Grinew und fragt Golos-Kandidatin Wassiltschenko bei einem ihrer Auftritte: "Was wollt ihr denn konkret tun, um den Einfluss der Oligarchen endlich zu brechen?" Wassiltschenkos Antwort findet sie "ausweichend". Trotzdem will sie am Sonntag für Golos stimmen. "Wenn wir mit Selenskijs Leuten zusammengehen, können wir im Parlament vielleicht das Schlimmste verhindern. Und wenn wir mit Golos alleine bleiben, gibt es im Parlament wenigstens eine echte Oppositionsstimme."

Politik Ukraine Der volksnahe Millionär

Wolodymyr Selensky

Der volksnahe Millionär

Wolodymyr Selensky wird Präsident der Ukraine. Schon in der Schule entdeckte er sein komisches Talent, wurde später in Russland erfolgreich und überzeugte seine Wähler nun mit einfachen Botschaften.   Von Florian Hassel, Kiew