Kohleförderung:Ukraine: Nach dem Krieg droht die Umweltkatastrophe

DONETSK, UKRAINE. DECEMBER 19, 2014. Outside the Trudovskay mine damaged during a shelling attack. C

Schlag gegen das Herz der ukrainischen Industrie: Die Trudowskaj-Mine im Gebiet Donezk wurde bei Kämpfen beschädigt.

(Foto: imago/ITAR-TASS)
  • Durch den Krieg sind die Geschäfte im ukrainischen Bergbau völlig zusammen gebrochen.
  • Viele Bergwerke sind geflutet, gesprengt, vermint oder dienen als Lagerstätten für Waffen.
  • Durch die Überlastung der Atomkraftwerke und die brachliegenden Kohlebergwerke droht der Ukraine nun eine Umweltkatastrophe.

Von Cathrin Kahlweit, Kiew

Dmitrij Sacharuk ist ungehalten. "Wollen wir miteinander Handel treiben, oder wollen wir gegeneinander Krieg führen", fragt er und lässt keinen Zweifel daran, dass er für Handel ist. Sacharuk, Top-Manager im Kohle- und Stahl-Imperium des ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow, stellt damit die zentrale Frage im Krieg gegen die von Russland gestützten Separatisten: umarmen oder abschotten?

Es gibt darauf mehrere Antworten: eine ideologische, eine diplomatische und eine pragmatische. Der Manager in seinem Hochhausbüro weit oben über den Dächern von Kiew, Geschäftsführer bei DTEK-Energie, nennt die Frontlinie eine "chinesische Mauer". Bis zu zwei Tage, manchmal mehr, brauche man an den Checkpoints, um auf die andere Seite zu kommen; die Eisenbahn sei aufgrund einer Streikwelle wochenlang nicht gefahren, Geldtransfers in die von Separatisten kontrollierten Gebiete seien nicht mehr möglich - und all das aufgrund des "fehlenden politischen Willens, die Probleme zu lösen, vor die dieser Krieg das Land gestellt hat".

Offiziell spricht die Regierung nicht mit den Regimes in Donezk und Luhansk. Gleichzeitig gilt der unter Moskaus Einfluss stehende Teil des Donbass aber bis heute als ukrainisches Territorium und läuft unter "nicht regierungskontrolliertes Gebiet". Allerdings verhandelt die Regierung in Kiew durchaus mit den Separatisten - etwa in der Arbeitsgruppe "Wirtschaft und Energie" unter dem Dach der Minsker Trilateralen Kontaktgruppe.

Der Ausfall der Kohle wurde vor allem durch Kernkraft kompensiert

Und gehandelt wird mit ihnen auch. Diplomaten verweisen darauf, dass das "statusneutral" geschehe, also keine Annäherung oder gar Anerkennung bedeute - nach dem Vorbild des innerdeutschen Handels zwischen DDR und BRD. Nur spricht man nicht laut darüber. Das kann im Zweifel kleine Erfolgsgeschichten über eine stille Verständigung jenseits der politischen Propaganda bewirken, macht die Sache aber je nach Standpunkt komplex, oder verlogen.

Am besten lässt sich dies am Beispiel eines für die Ukraine lebenswichtigen Produkts erklären: Kohle. Die meisten Kohlebergwerke der Ukraine, sowohl staatliche als auch private, liegen auf den Gebieten der sogenannten Volksrepubliken. Alle zusammen produzieren heute ein Drittel weniger, als sie könnten, und durchschnittlich 50 Prozent (die staatlichen sogar 80 Prozent) weniger als vor fünf Jahren. Das besagt eine Statistik des ukrainischen Energieministeriums.

Kompensiert wurde der Ausfall vorwiegend durch Kernkraft; Experten warnen aber davor, dass die permanente Überlastung der Atomkraftwerke in der Ukraine jederzeit zu einer Katastrophe führen könne. Aber das ist nur einer der vielen wenig beachteten Aspekte in diesem ökonomischen und ökologischen Krimi.

Die Gründe dafür, dass weniger Kohle gefördert wird, sind politische Korruption und fehlende Investitionen vor dem Krieg, der Krieg selbst, die Rezession, die Zerstörung: Viele Bergwerke sind geflutet, gesprengt oder vermint, dienen als Lagerstätten für Waffen oder werden illegal betrieben. Hinzu kommen enorme Umweltschäden und Gefahren, von denen noch zu sprechen sein wird.

Rolf Petry könnte die Kohleförderung in der Ukraine wieder voranbringen

Die Kohle ist also ein Sinnbild für den Konflikt: Wem gehört sie? Wer fördert sie? Wer transportiert sie, wer bezahlt sie, und wie wird sie bezahlt? Wer profitiert, wer leidet, wer hat einen Plan für die Zukunft? Zumindest über den Status quo kann Rolf Petry Auskunft geben, Kohle-Experte und Ex-Manager der Ruhrkohle AG.

Er hat im vergangenen Jahr, finanziert vom deutschen Außenministerium, unterstützt von Kiew und interessanterweise auch von Moskau und den Separatisten, einen Bericht über diesen Status quo erstellt. "Gutachten zur Wiederaufnahme der Kohleförderung in der Ukraine" lautet der sperrige Titel, dessen Ergebnisse und Folgen nun, im besten Falle, im Rahmen der Minsker Gespräche zu einer erweiterten Kooperation aller Beteiligten führen könnten. Denn die Separatisten sitzen auf Kohle, und die Ukraine braucht Kohle.

Die Importe, mit denen sich Kiew eine Weile über die Lieferengpässe aus dem Donbass gerettet hatte, sind viel teurer als Kohle aus heimischer Förderung. Und Überflutungen und Sprengungen stellen alle Parteien vor enorme Herausforderungen. Auch Moskau. Denn bekanntlich enden die Flöze von Bergwerken nicht direkt an Staatsgrenzen, und das in hundert Jahren gewachsene Geflecht unter Tage, das bis nach Russland hineinreicht, stellt ein Spiegelbild der Lage über Tage dar.

Rolf Petry hat insgesamt 85 Bergwerke besucht, davon 56 im Konfliktgebiet. Dabei haben ihn häufig Trupps der OSZE-Mission begleitet - aus Sicherheitsgründen. Einige Bergwerke konnte er nicht besichtigen, weil es zu gefährlich war, oder weil die Manager der Staatsbetriebe sich nicht in die Karten schauen lassen wollten; überhaupt hat er auf beiden Seiten der Front vor allem privat geführte Bergwerke, unter anderem die der DTEK, in einem guten Zustand vorgefunden.

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