Ukraine nach dem Krim-Referendum Machtlos gegen einen Feind, der sich lange nicht zu erkennen gab

Zu schön, um wahr zu sein? Offenbar, denn gleichzeitig wird mobilisiert, was mobilisiert werden kann. Tenjuch, ein erfahrener Militär mit kantigem Schädel, der seine Orden mit erkennbarem Stolz trägt, kommt gerade aus dem Parlament, wo die Teilmobilisierung der Armee beschlossen worden ist; außerdem sollen mehr als 600 Millionen Dollar zusätzlich in den Militärhaushalt fließen. 20 000 Reservisten sollen einberufen, die kürzlich gegründete Nationalgarde soll verstärkt werden. Man werde so schnell wie möglich alles tun, um die Armee besser auszustatten und die Gefechtsbereitschaft zu erhöhen.

"Die Krim ist unser Territorium", sagt der Minister, "und wir hoffen immer noch auf eine friedliche Lösung. Aber wenn nötig, wird die Armee ihre Aufgabe erfüllen." Und der Justizminister sagt in martialischem Ton: "Wir müssen jetzt unsere Armee stärken, denn sonst werden wir bald eine fremde Armee auf unserem Territorium ernähren müssen."

Im Grunde aber, das weiß hier jeder, ist die Regierung machtlos gegen einen Feind, der sich offiziell lange nicht zu erkennen gab. Wladimir Putin beharrte schließlich darauf, man könne die Uniformen der Besatzer in "jedem Kaufhaus" kaufen. Andererseits tat die Duma in Moskau alles, was in ihrer Macht stand, um den Anschluss schnellstmöglich zu erledigen, und die russischen Geheimdienste dürften an dem Szenario auf der Krim auch eifrig mitgeschrieben haben.

Kompensationen für jene, die die Krim verlassen müssen

In Kiew halten zwar einige Kabinettsmitglieder bis heute an der Hoffnung fest, dass Putin sich mit der konkreten Umsetzung der Annexion Zeit lassen werde, weil er sich mit überstürzten Aktionen nur neue Probleme schaffe - aber die Ankündigung, der russische Präsident wolle schon am heutigen Dienstag vor beiden Kammern des Parlaments zur Krim-Krise sprechen, hat auch moderaten Optimisten den Wind aus den Segeln genommen.

Nun hofft man, dass die Russen auf der Krim nicht noch mehr Schaden anrichten, die ukrainische Minderheit in Ruhe lassen und die ukrainische Sprache in Schulen und Universitäten weiter erlauben, dass sie nicht auch noch privates Eigentum beschlagnahmen. Am Montag hatte die Krim-Regierung ukrainische Energiekonzerne verstaatlicht. Man plane, sagt Klitschko besorgt, Kompensationen für jene, die die Halbinsel verlassen müssten.

Als besonders infam wird es in Kiew betrachtet, dass Russland jetzt vorschlägt, die Ukraine solle sich eine neue Verfassung geben, in welcher der Föderalismus gestärkt und die Autonomie der Regionen und Ethnien ausgeweitet werden - nach dem Motto: Ein väterlicher Freund erteilt einen guten Rat. Ob denn, fragen sie in der ukrainischen Hauptstadt, Putin irgendeinen seiner Ratschläge selbst befolgen würde? Er, der doch das Land mit eiserner Hand regiere, jede separatistische Strömung - siehe Tschetschenien - mit Gewalt unterdrücke, der ethnische Spannungen zum Beispiel mit den Zentralasiaten, die in Russland leben und arbeiten, eher zum eigenen Vorteil ausnutze, als sie zu unterbinden?

Tatsächlich könnte eine föderalere Verfassung einige Probleme im Land lösen. Aber nach den Wirren der vergangenen Monate sehnen sich viele Ukrainer nach einer starken Regierung. Da könnte ein Vorschlag, die Zentralmacht zu schwächen und die Regionen zu stärken, leicht als unpatriotisch gelten.