bedeckt München 17°

Überbevölkerung:Eine Erde ist schon jetzt nicht mehr genug

Das lässt sich kaum bestreiten. Es ist aber auch ein Grund zur Sorge. Denn: Um Hunger und Durst, das Bedürfnis nach Mobilität, Sicherheit und Kommunikation sowie den Wunsch nach Unterhaltung und Luxus zu stillen, hat die Menschheit den Planeten bereits jetzt intensiv ausgebeutet. Das zeigt sich in vielen Bereichen.

So ist der größte Teil der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen weltweit der FAO zufolge in keinem guten Zustand. "33 Prozent des Landes ist moderat bis stark beeinträchtigt durch Erosion, Versalzung, Verdichtung, Übersäuerung und chemische Verschmutzung der Böden", berichtete sie 2015.

Food First warnt außerdem, dass Erosion, Verschlechterung der Qualität und Wüstenbildung die landwirtschaftliche Produktivität in Afrika um 50 Prozent verringert haben, in Asien um 20 Prozent. Angesichts der Entwicklungen warnen Experten des Global Footprint Network, dass wir bereits jetzt eigentlich eineinhalb Erden bräuchten, nur um weitermachen zu können wie bisher. Und angesichts der Bevölkerungsentwicklung und der wachsenden Ansprüche werden es selbst bei erhöhten Ernteerträgen bereits 2030 zwei Planeten sein.

Die Folgen der großen Bevölkerung betreffen nicht nur die Ernährung, sondern auch die Gesundheit der Menschen. Der World Health Organization (WHO) zufolge sterben etwa 6,5 Millionen Menschen jährlich aufgrund von Luftverschmutzung. 2,4 Milliarden Menschen müssen mit mangelhaften sanitären Anlagen auskommen, mehr als eine halbe Milliarde haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. 40 Prozent der Weltbevölkerung leiden unter Wasserknappheit; in Zukunft, so fürchten die UN, wird die Zahl noch wachsen. Und mancherorts werden die Trinkwasservorräte schon stärker beansprucht, als sie sich erholen können.

Die Entwicklung des Wohnraums ist für die wachsende Weltbevölkerung ebenfalls problematisch. Mehr als eine Milliarde Menschen leben den UN zufolge unter elenden Bedingungen in den Slums von Großstädten wie Lagos, Nairobi, Kapstadt, Mumbai, Karatschi oder Mexiko-Stadt. Bis 2030, so fürchten die UN, wird die Zahl auf zwei Milliarden Slumbewohner weltweit anwachsen.

Mehr Menschen + mehr Wohlstand = mehr Klimawandel

Eine der schlimmsten Bedrohungen, die auch durch die wachsende Zahl von Menschen verstärkt wird, ist der Klimawandel. Die riesigen Mengen von Treibhausgasen, die seit Beginn der Industrialisierung in die Atmosphäre geblasen werden, führen bereits zu häufigeren Extremwettern, Dürren und Überschwemmungen. Für manche Regionen befürchten Fachleute, dass die Versorgung mit Nahrung und Wasser für die wachsende Bevölkerung nicht mehr ausreichen wird. Experten rechnen deshalb mit neuen Konflikten und Flüchtlingsströmen.

Zwar hat sich die Weltgemeinschaft auf dem Klimagipfel 2015 in Paris darauf geeinigt, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken und zu verhindern, dass die globale Temperatur um mehr als zwei Grad über das Niveau zu Beginn der Industrialisierung steigt. Tatsächlich stagnierten die Emissionen seit 2013, 2016 sind sie nur leicht gestiegen - trotz Wirtschaftswachstum. Grund dafür waren insbesondere zurückgehende Emissionen in den USA und China.

Aber ob das so bleiben wird, ist nicht sicher. Und die Verringerungen, die die Staaten seit Paris zugesagt haben, werden vermutlich nicht ausreichen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Manche Forscher halten eine Temperaturzunahme um vier, vielleicht sogar fünf Grad für möglich. Denn eine wachsende Bevölkerung mit zunehmend höheren Ansprüchen braucht weiterhin riesige Mengen Energie, die sich auch in absehbarer Zeit nur zum Teil mit alternativen Technologien erzeugen lassen wird.

Experten etwa des britischen Energiekonzerns BP, der International Energy Agency (IEA) oder des US-Energieministeriums warnen, dass die Emissionen in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten eher wieder zunehmen denn sinken werden. Der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre wächst demnach jährlich weiterhin eher ein wenig schneller statt langsamer.

Auch wenn es also der Menschheit gelingen könnte, die Ressourcen des Planeten so nachhaltig auszubeuten, dass elf Milliarden versorgt werden, stellt sich die Frage: Auf was für einer Erde werden unsere vielen Kinder leben müssen?

Luxus, Armut und Gerechtigkeit

Das Verhalten der Menschen, ihre Reaktion auf die gegenwärtige Entwicklung ist außerdem eher Grund zum Pessimismus. Das zeigt der Blick auf die Industrienationen. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten den größten Umwelt- und Klimaschaden angerichtet. Ihre verhältnismäßig kleine Bevölkerung lässt pro Kopf einen deutlich größeren " ökologischen Fußabdruck" zurück als die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Würde etwa die gesamte Menschheit so leben wie die Deutschen, bräuchten wir bereits jetzt drei Erden.

Jørgen Randers bezeichnete deshalb bei der Vorstellung des Berichts an den Club of Rome die eigene Tochter beispielhaft als "das gefährlichste Tier der Welt", da sie als Kind in Europa 30-mal mehr Energie verbrauche als Kinder in den Entwicklungsländern.

Die Menschen in China, Indien, Asien, Afrika und Lateinamerika wünschen sich aber vergleichbaren Wohlstand. Wenn dort der Energie- und Ressourcenverbrauch also deutlich ansteigt, müsste er im Westen sinken. Doch selbst in einem Land wie Deutschland, das lange als umweltpolitischer Vorreiter galt, ist weder ein deutlicher Rückgang beim Energieverbrauch noch bei den CO₂-Emissionen zu beobachten - obwohl die Energieeffizienz von Geräten und Fahrzeugen stark zugenommen hat.

Die Deutschen verwenden nämlich nun mehr und komfortablere Geräte, was mögliche Energieeinsparungen zum großen Teil wieder aufhebt. Dem Statistischen Bundesamt zufolge hat etwa die gestiegene Motorleistung von Kraftfahrzeugen - insbesondere der Trend zum SUV - die Verminderung der CO₂-Emissionen in jüngerer Zeit immens gebremst, obwohl Motoren heute deutlich weniger Kraftstoff verbrauchen als früher.

Bevölkerungswachstum drosseln, Ressourcen gerechter verteilen, Energie sparen

Einen Beitrag zur Überbevölkerung leisten die Deutschen mit ihrer niedrigen Fortpflanzungsrate zwar nicht. Aber wenn sie nicht bereit sind, Energie- und Ressourcenverbrauch deutlich zu drosseln, können sie auch kaum erwarten oder verlangen, dass die Menschen in den ärmsten Regionen sich einschränken. Dort wächst die Bevölkerung weiterhin, was sich langfristig auf den ganzen Planeten auswirken wird. Randers und Maxton fordern deshalb eine intensive Hilfe des reichen Westens etwa beim Aufbau kohlenstoffarmer Energieversorgung, bei Programmen zur Förderung der Bildung und der Gesundheit.

Geländewagen

Schwerer, stärker, schmutziger

Autohersteller sagen, wie wichtig es sei, sauberere Autos zu bauen. Doch am besten verkaufen sich große Geländewagen.   Von Thomas Fromm

Es wäre ihnen zufolge aber auch "enorm hilfreich, wenn die Gesellschaft die Wachstumsrate der Bevölkerung noch mehr drosseln, idealerweise sogar ins Negative kehren würde". Im Westen ließe sich der vielerorts bestehende Trend über eine Förderung noch verstärken, was aufgrund des hohen Ressourcenverbrauchs gut wäre.

Dabei wollen die Forscher die Anreize für mehr Geburten nicht beseitigt sehen, die manche Länder ihrer schrumpfenden Bevölkerung bieten. Ihr vorgeschlagener Bonus für Frauen, die nur ein oder gar kein Kind in die Welt setzen, solle aber zu einem neuen Denken anregen, "und dazu, dass die reiche Welt ein Beispiel gibt und zum Vorbild wird". Es geht also auch um ein wichtiges Signal in Richtung der Entwicklungsländer.

Nun werden häufig ökonomische Gründe dafür angeführt, dass in Ländern wie Deutschland mehr Kinder zur Welt kommen sollten. In einer überalterten Gesellschaft würden sonst Arbeitskräfte fehlen, was Wirtschaft, Wohlstand und Rente gefährde. Das träfe zu, wenn nur Nachwuchs der einheimischen Bevölkerung dies verhindern könnte - was nicht der Fall ist.

Die Deutschen stellen nur einen winzigen Teil der Weltbevölkerung. Es gibt in der Welt mehr als genug Menschen, die die entstehenden Lücken auf dem Arbeitsmarkt gern füllen würden. Ihre Integration ist eine Herausforderung, die sich bewältigen lässt. Deutschland hat mit den Flüchtlingen zurzeit Gelegenheit, hier für die Zukunft viel zu lernen.

Und grundsätzlich sollten Kinder sowieso nicht zur Sicherung der Rente gezeugt werden, und auch nicht, weil die Gesellschaft mit ihnen schöner ist. Sie leben um ihrer selbst willen. Deshalb kommt es nicht darauf an, wie viele es gibt und welche Abstammung sie haben, sondern wie es ihnen in der Welt von morgen gehen wird.

Aber wer im Westen der Neigung zur Fortpflanzung nachgeben will, sollte vor dem Hintergrund der globalen Entwicklung darüber nachdenken, ob ein oder zwei Kinder nicht genügen.

Überbevölkerung Die spinnen, die Römer

Überbevölkerung

Die spinnen, die Römer

Frauen, die auf Nachwuchs verzichten, sollen eine Geldprämie bekommen: Das verlangt der "Club of Rome", um Überbevölkerung zu verhindern. Was für eine absurde Idee.   Kommentar von Christian Weber