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Überbevölkerung:Wir werden viel zu viele

Megacity Tokio

Mega-City Tokio

(Foto: dpa-tmn)

Die Menschheit verbraucht so viele Ressourcen, dass eineinhalb Erden nötig wären. Und sie wächst. Einige Experten empfehlen deshalb, weniger Kinder zu bekommen. Gute Idee.

Bei diesem Vorschlag war Aufregung programmiert: Im Bericht für 2016 an den Club of Rome empfahlen die Wissenschaftler Graeme Maxton und Jørgen Randers, Frauen im Westen zu belohnen, die nur ein oder gar kein Kind bekommen. Umgehend wurde ihnen in den Medien unterstellt, sie wollten die Menschheit abschaffen.

Offenbar teilen viele die Sorgen der beiden Wissenschaftler nicht, dass die wachsende Erdbevölkerung eine Bedrohung für die Umwelt, das Klima, die Wirtschaft und das Wohlergehen der Menschheit überhaupt darstellt. Die Erde, so heißt es etwa, könne auch zehn Milliarden Menschen ausreichend ernähren und versorgen. Alles nur eine Frage der gerechten Verteilung der Ressourcen und der Technik.

So einfach ist es nicht. Der Vorschlag von Randers, ehemals Vize-Generaldirektor des WWF International, und Maxton, Generalsekretär des Club of Rome, hat seine Berechtigung.

Elf Milliarden Menschen bis 2100

Seit der Neuzeit ist die Zahl der Menschen immer schneller angewachsen. Hätte sich diese Entwicklung bis in die Gegenwart fortgesetzt, würden heute etwa 16 Milliarden Menschen auf der Erde leben. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Geschwindigkeit zwar nachgelassen, tatsächlich leben aber derzeit 7,47 Milliarden Menschen auf unserem Planeten, wie jüngst die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) gemeldet hat.

Eine Einschätzung der Vereinten Nationen aus dem vergangenen Jahr geht davon aus, dass sich das Bevölkerungswachstum weiter abschwächen wird: Für 2100 rechnen die UN-Experten mit einer Weltbevölkerung von 11,2 Milliarden, im Extremfall könnten es 16 Milliarden werden. Dann, so die Prognose, wird die Zahl wieder zurückgehen. Denn immer mehr Frauen weltweit bekommen im Schnitt weniger als 2,1 Kinder - jene Zahl, die notwendig ist, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten.

Der Hunger nimmt ab, aber die Ansprüche steigen

Manche Experten sehen in solchen Zahlen Anlass für Optimismus, sie gehen davon aus, dass sich die Menschheit in Zukunft ausreichend versorgen lässt. Einiges scheint dafür zu sprechen: Die Intensivierung der Landwirtschaft verhinderte schon im 20. Jahrhundert, dass das Bevölkerungswachstum zu globalen Hungersnöten führte.

Die weltweite landwirtschaftliche Produktion hat sich seit 1970 mehr als verdoppelt. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind gesunken. Die Statistik zu den Millenniums-Zielen der Vereinten Nationen zeigt, dass der Anteil der Unterernährten in den Entwicklungsländern von 23 Prozent (1990/92) auf 13 Prozent (2014/16) gefallen ist.

Der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) zufolge sind zwar noch immer fast 800 Millionen Menschen unterernährt, noch mehr leiden unter Mangelernährung - aber das hängt auch mit dem Schicksal der produzierten Nahrung zusammen: Ein großer Teil wird nicht konsumiert, um den Hunger zu stillen, sondern in die ungesunden Fettreserven etwa einer Milliarde Menschen investiert, verliert als Tierfutter einen großen Teil des Nährwerts oder wird als Biosprit verbrannt. Riesige Mengen verderben auch schlicht und einfach oder werden weggeworfen. Einer Schätzung der FAO zufolge betrifft das etwa ein Drittel der Nahrungsmittel.

Ließe sich dies alles vermeiden und würden die Nahrungsmittel weltweit gerecht verteilt, könnte wohl sogar eine Weltbevölkerung von zehn Milliarden tatsächlich mit dem ausreichend versorgt werden, was gegenwärtig produziert wird, heißt es etwa beim Institute of Food and Development Policy (Food First) in Oakland, USA. Theoretisch.

"Der Planet wird nie mehr derselbe sein"

Praktisch aber rechnen die Experten der FAO und andere Wissenschaftler damit, dass die landwirtschaftliche Produktion angesichts der immer höheren Ansprüche der wachsenden Menschheit (etwa in Form des weltweit zunehmenden Fleischkonsums) bis 2050 um 50 bis 60 Prozent der Produktion von 2007 erhöht werden muss. Vielleicht lässt sich dies mithilfe von verbesserten Ernte-, Transport- und Speichermethoden sowie einer besseren Infrastruktur insbesondere in den Entwicklungsländern tatsächlich erreichen. Helfen könnte womöglich auch gentechnisch optimiertes Saatgut, aus dem selbst unter schlechten Bedingungen energiehaltigere Pflanzen wachsen.

Manche Wissenschaftler sind sogar überzeugt davon, dass selbst die wachsende Bevölkerung nicht mehr Land für die Nahrungsmittelproduktion benötigen wird als bisher. "Zunehmende Produktivität durch die existierende Technologie kann die weltweite Versorgung antreiben und sogar wieder mehr Land der Natur überlassen", zeigt sich etwa Erle C. Ellis überzeugt. Wie der Professor für Geografie und Umweltsysteme an der University of Maryland, Baltimore County, 2013 in der New York Times schrieb, habe der Mensch bereits vor zweithunderttausend Jahren begonnen, das Ökosystem der Erde zu verändern. Und das könnte und würde er weiterhin tun: "Der Planet wird nie mehr derselbe sein."

Eine Erde ist schon jetzt nicht mehr genug

Das lässt sich kaum bestreiten. Es ist aber auch ein Grund zur Sorge. Denn: Um Hunger und Durst, das Bedürfnis nach Mobilität, Sicherheit und Kommunikation sowie den Wunsch nach Unterhaltung und Luxus zu stillen, hat die Menschheit den Planeten bereits jetzt intensiv ausgebeutet. Das zeigt sich in vielen Bereichen.

So ist der größte Teil der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen weltweit der FAO zufolge in keinem guten Zustand. "33 Prozent des Landes ist moderat bis stark beeinträchtigt durch Erosion, Versalzung, Verdichtung, Übersäuerung und chemische Verschmutzung der Böden", berichtete sie 2015.

Food First warnt außerdem, dass Erosion, Verschlechterung der Qualität und Wüstenbildung die landwirtschaftliche Produktivität in Afrika um 50 Prozent verringert haben, in Asien um 20 Prozent. Angesichts der Entwicklungen warnen Experten des Global Footprint Network, dass wir bereits jetzt eigentlich eineinhalb Erden bräuchten, nur um weitermachen zu können wie bisher. Und angesichts der Bevölkerungsentwicklung und der wachsenden Ansprüche werden es selbst bei erhöhten Ernteerträgen bereits 2030 zwei Planeten sein.

Die Folgen der großen Bevölkerung betreffen nicht nur die Ernährung, sondern auch die Gesundheit der Menschen. Der World Health Organization (WHO) zufolge sterben etwa 6,5 Millionen Menschen jährlich aufgrund von Luftverschmutzung. 2,4 Milliarden Menschen müssen mit mangelhaften sanitären Anlagen auskommen, mehr als eine halbe Milliarde haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. 40 Prozent der Weltbevölkerung leiden unter Wasserknappheit; in Zukunft, so fürchten die UN, wird die Zahl noch wachsen. Und mancherorts werden die Trinkwasservorräte schon stärker beansprucht, als sie sich erholen können.

Die Entwicklung des Wohnraums ist für die wachsende Weltbevölkerung ebenfalls problematisch. Mehr als eine Milliarde Menschen leben den UN zufolge unter elenden Bedingungen in den Slums von Großstädten wie Lagos, Nairobi, Kapstadt, Mumbai, Karatschi oder Mexiko-Stadt. Bis 2030, so fürchten die UN, wird die Zahl auf zwei Milliarden Slumbewohner weltweit anwachsen.

Mehr Menschen + mehr Wohlstand = mehr Klimawandel

Eine der schlimmsten Bedrohungen, die auch durch die wachsende Zahl von Menschen verstärkt wird, ist der Klimawandel. Die riesigen Mengen von Treibhausgasen, die seit Beginn der Industrialisierung in die Atmosphäre geblasen werden, führen bereits zu häufigeren Extremwettern, Dürren und Überschwemmungen. Für manche Regionen befürchten Fachleute, dass die Versorgung mit Nahrung und Wasser für die wachsende Bevölkerung nicht mehr ausreichen wird. Experten rechnen deshalb mit neuen Konflikten und Flüchtlingsströmen.

Zwar hat sich die Weltgemeinschaft auf dem Klimagipfel 2015 in Paris darauf geeinigt, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken und zu verhindern, dass die globale Temperatur um mehr als zwei Grad über das Niveau zu Beginn der Industrialisierung steigt. Tatsächlich stagnierten die Emissionen seit 2013, 2016 sind sie nur leicht gestiegen - trotz Wirtschaftswachstum. Grund dafür waren insbesondere zurückgehende Emissionen in den USA und China.

Aber ob das so bleiben wird, ist nicht sicher. Und die Verringerungen, die die Staaten seit Paris zugesagt haben, werden vermutlich nicht ausreichen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Manche Forscher halten eine Temperaturzunahme um vier, vielleicht sogar fünf Grad für möglich. Denn eine wachsende Bevölkerung mit zunehmend höheren Ansprüchen braucht weiterhin riesige Mengen Energie, die sich auch in absehbarer Zeit nur zum Teil mit alternativen Technologien erzeugen lassen wird.

Experten etwa des britischen Energiekonzerns BP, der International Energy Agency (IEA) oder des US-Energieministeriums warnen, dass die Emissionen in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten eher wieder zunehmen denn sinken werden. Der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre wächst demnach jährlich weiterhin eher ein wenig schneller statt langsamer.

Auch wenn es also der Menschheit gelingen könnte, die Ressourcen des Planeten so nachhaltig auszubeuten, dass elf Milliarden versorgt werden, stellt sich die Frage: Auf was für einer Erde werden unsere vielen Kinder leben müssen?

Luxus, Armut und Gerechtigkeit

Das Verhalten der Menschen, ihre Reaktion auf die gegenwärtige Entwicklung ist außerdem eher Grund zum Pessimismus. Das zeigt der Blick auf die Industrienationen. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten den größten Umwelt- und Klimaschaden angerichtet. Ihre verhältnismäßig kleine Bevölkerung lässt pro Kopf einen deutlich größeren "ökologischen Fußabdruck" zurück als die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Würde etwa die gesamte Menschheit so leben wie die Deutschen, bräuchten wir bereits jetzt drei Erden.

Jørgen Randers bezeichnete deshalb bei der Vorstellung des Berichts an den Club of Rome die eigene Tochter beispielhaft als "das gefährlichste Tier der Welt", da sie als Kind in Europa 30-mal mehr Energie verbrauche als Kinder in den Entwicklungsländern.

Die Menschen in China, Indien, Asien, Afrika und Lateinamerika wünschen sich aber vergleichbaren Wohlstand. Wenn dort der Energie- und Ressourcenverbrauch also deutlich ansteigt, müsste er im Westen sinken. Doch selbst in einem Land wie Deutschland, das lange als umweltpolitischer Vorreiter galt, ist weder ein deutlicher Rückgang beim Energieverbrauch noch bei den CO₂-Emissionen zu beobachten - obwohl die Energieeffizienz von Geräten und Fahrzeugen stark zugenommen hat.

Die Deutschen verwenden nämlich nun mehr und komfortablere Geräte, was mögliche Energieeinsparungen zum großen Teil wieder aufhebt. Dem Statistischen Bundesamt zufolge hat etwa die gestiegene Motorleistung von Kraftfahrzeugen - insbesondere der Trend zum SUV - die Verminderung der CO₂-Emissionen in jüngerer Zeit immens gebremst, obwohl Motoren heute deutlich weniger Kraftstoff verbrauchen als früher.

Bevölkerungswachstum drosseln, Ressourcen gerechter verteilen, Energie sparen

Einen Beitrag zur Überbevölkerung leisten die Deutschen mit ihrer niedrigen Fortpflanzungsrate zwar nicht. Aber wenn sie nicht bereit sind, Energie- und Ressourcenverbrauch deutlich zu drosseln, können sie auch kaum erwarten oder verlangen, dass die Menschen in den ärmsten Regionen sich einschränken. Dort wächst die Bevölkerung weiterhin, was sich langfristig auf den ganzen Planeten auswirken wird. Randers und Maxton fordern deshalb eine intensive Hilfe des reichen Westens etwa beim Aufbau kohlenstoffarmer Energieversorgung, bei Programmen zur Förderung der Bildung und der Gesundheit.

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Es wäre ihnen zufolge aber auch "enorm hilfreich, wenn die Gesellschaft die Wachstumsrate der Bevölkerung noch mehr drosseln, idealerweise sogar ins Negative kehren würde". Im Westen ließe sich der vielerorts bestehende Trend über eine Förderung noch verstärken, was aufgrund des hohen Ressourcenverbrauchs gut wäre.

Dabei wollen die Forscher die Anreize für mehr Geburten nicht beseitigt sehen, die manche Länder ihrer schrumpfenden Bevölkerung bieten. Ihr vorgeschlagener Bonus für Frauen, die nur ein oder gar kein Kind in die Welt setzen, solle aber zu einem neuen Denken anregen, "und dazu, dass die reiche Welt ein Beispiel gibt und zum Vorbild wird". Es geht also auch um ein wichtiges Signal in Richtung der Entwicklungsländer.

Nun werden häufig ökonomische Gründe dafür angeführt, dass in Ländern wie Deutschland mehr Kinder zur Welt kommen sollten. In einer überalterten Gesellschaft würden sonst Arbeitskräfte fehlen, was Wirtschaft, Wohlstand und Rente gefährde. Das träfe zu, wenn nur Nachwuchs der einheimischen Bevölkerung dies verhindern könnte - was nicht der Fall ist.

Die Deutschen stellen nur einen winzigen Teil der Weltbevölkerung. Es gibt in der Welt mehr als genug Menschen, die die entstehenden Lücken auf dem Arbeitsmarkt gern füllen würden. Ihre Integration ist eine Herausforderung, die sich bewältigen lässt. Deutschland hat mit den Flüchtlingen zurzeit Gelegenheit, hier für die Zukunft viel zu lernen.

Und grundsätzlich sollten Kinder sowieso nicht zur Sicherung der Rente gezeugt werden, und auch nicht, weil die Gesellschaft mit ihnen schöner ist. Sie leben um ihrer selbst willen. Deshalb kommt es nicht darauf an, wie viele es gibt und welche Abstammung sie haben, sondern wie es ihnen in der Welt von morgen gehen wird.

Aber wer im Westen der Neigung zur Fortpflanzung nachgeben will, sollte vor dem Hintergrund der globalen Entwicklung darüber nachdenken, ob ein oder zwei Kinder nicht genügen.

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