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TV-Duell:Deutschland hat das Streiten verlernt

Das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz markiert den Höhepunkt einer "Wir-haben-uns-alle-lieb"-Gesellschaft. Das passt zu Deutschland 2017: Die politische Mitte möchte nicht gestört werden.

Deutschland hat an diesem Sonntagabend das bekommen, was es verdient. Und was es sich in weiten Teilen der Gesellschaft auch wünscht: Konsens, Übereinkunft, keine Experimente, bloß nicht zu viel Streit. Das TV-Duell der beiden aussichtsreichsten Kandidaten fürs Kanzleramt nach der Bundestagswahl am 24. September war ein Treffen zweier Menschen, die dafür stehen, dass alles so bleibt wie es ist.

Angela Merkel verkörpert dies nach zwölf Jahren als Bundeskanzlerin wie niemand sonst. Lästerer nennen die CDU-Vorsitzende bisweilen "Mutti", wobei es das ganz gut trifft, so geborgen fühlen sich viele bei ihr. Zum "Papi" fehlt SPD-Herausforderer Martin Schulz noch ein Stück, aber sollte er wider Erwarten am 24. September Wahlsieger werden, würde kaum jemand mit dem Schild "Not my Kanzler" auf die Straße gehen.

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Für Schulz hatte sich vor dem Fernsehauftritt ein Dilemma aufgetan: Eigentlich hätte er die Bundeskanzlerin hart angreifen müssen. Die Umfragen sprechen gegen Schulz - und wann soll er den Rückstand aufholen, wenn nicht jetzt? Doch eine Strategie des Angriffs barg große Gefahren: Erstens ist Angela Merkel sehr beliebt, zweitens wollen die Deutschen derzeit alles, nur kein Gepolter. Das gibt es gerade genug in der Welt.

Der Wahlkampf 2017: Höhepunkt der "Wir-haben-uns-alle-lieb"-Gesellschaft

Die Wahlkämpfe in Frankreich und den USA sind noch nicht vergessen. Da standen sich in den TV-Duellen Kandidaten gegenüber, die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch persönlich attackierten. Donald Trump und Hillary Clinton lieferten sich einen Psychokrieg, beim Duell von Emmanuel Macron gegen Marine Le Pen stand sogar den Moderatoren der Mund offen ob der aggressiven Stimmung. Der mit teils unverschämten Lügen erstrittene Brexit, der Umbau Polens durch die rechtspopulistische Regierungspartei PiS und der lärmende türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan kamen noch hinzu. Deutschland wird angesichts der Tumulte im Ausland schon als letzte westliche Bastion für Stabilität in der Welt gesehen.

Merkel und Schulz durften im TV-Duell mehrfach die Unruhe rundherum bedauern und kritisieren. Sie bedienten damit die Sehnsucht vieler nach Sicherheit und Kontinuität im eigenen Land. Das ist das vorherrschende Gefühl, zumindest in der sogenannten "politischen Mitte", wo seit Gerhard Schröder bekanntlich Wahlen gewonnen werden. Diese politische Mitte hat es sich sehr bequem eingerichtet und möchte nicht zu sehr gestört werden. Eingerichtet in Wohlstand, aber auch in einem Rechtsstaat und einer Demokratie sowie dem daraus resultierenden Selbstverständnis, diesmal auf der guten Seite der Geschichte zu stehen. Der Wahlkampf 2017 markiert den Höhepunkt einer "Wir-haben-uns-alle-lieb"-Gesellschaft.

Dabei verlernen die Deutschen offenbar innenpolitisch das Streiten. Muss man sich nicht genug mit den Trumps, Putins und Erdoğans dieser Welt herumschlagen? Dann bitte nicht auch noch untereinander raufen. Weshalb die Großkoalitionäre von der CDU und SPD vielen schon als Einheit gelten, so klein sind inzwischen die Unterschiede. Auch Grüne und FDP und bisweilen sogar Linke machen den Wählern der politischen Mitte längst nicht mehr so viel Angst wie in der Vergangenheit. Allein die AfD geht verbal heftig gegen das angebliche "Establishment" vor, erringt aber keineswegs die Erfolge von Rechtspopulisten in anderen Ländern.

Dabei hätte es auch für Schulz und Merkel einiges zu debattieren gegeben. Warum schafft das Land seine Klimaziele nicht? Wieso gibt es Wohltaten für die ältere Generation, für die jüngere aber kaum? Was tun gegen die Zweiklassengesellschaft in der Gesundheit, den Unterschied zwischen privaten und gesetzlich Versicherten? Was tun gegen die enorm steigenden Mieten in den Großstädten? Was ist mit der Zukunft der Bildung, die Kinder aus reichen Elternhäusern massiv bevorzugt, was zu einer mangelnden Durchlässigkeit der Gesellschaft führt? Und so weiter, und so weiter.

Vermutlich hätten sich die Zuschauer gefreut, dazu noch andere Parteien mit anderen Haltungen zu hören. Doch das hätte zu schwierigen Debatten führen können. Vielleicht gar zu Streit. Und wer will das jetzt im Land der großen Einigkeit?

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