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Türkei:"Inshallah werden wir siegen"

  • In der Nacht zu Donnerstag sind türkische Truppen in Nordsyrien einmarschiert.
  • Fast die gesamte politische Opposition in der Türkei unterstützt die Invasion, der die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan den Namen "Friedensquelle" gegeben hat.
  • Wer das Vorgehen der Regierung kritisiert, muss mit Ermittlungen wegen "Terrorpropaganda" rechnen.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, da beten sie in allen 90 000 Moscheen der Türkei schon die Fetih-Sure: "Die Armeen des Himmels und der Erde gehorchen Allah." "Fetih" heißt Eroberung, es ist eine lange Koran-Sure, auch die Zeile kommt darin vor: Allah "vergibt, wem er will, er bestraft, wen er will". Die staatliche Religionsbehörde hat das landesweite Gebet für Donnerstagmorgen verordnet, weshalb die linke Webseite Sol spottet: "Auch die Religionsbehörde ist im Krieg."

In der Nacht davor sind türkische Truppen in Nordsyrien einmarschiert, und fast die gesamte politische Opposition in der Türkei unterstützt die Invasion, der die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan den Namen "Friedensquelle" gegeben hat. Selbst linke Tageszeitungen stimmen in den nationalen Taumel ein. "Die Verräter wurden zu Rauch", titelt Sözcü, sonst ein Blatt, das kein gutes Haar an der Regierung lässt.

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Der türkische Präsident forderte, die EU solle das Vorgehen der Türkei gegen Syrien nicht als "Besatzung" bezeichnen. Andernfalls würde er 3,6 Millionen Flüchtlinge nach Europa schicken.

Nur wenige wagen Widerspruch. Gegen 78 Türken, die in sozialen Medien die Operation kritisierten, gibt es sofort Ermittlungen wegen "Terrorpropaganda", so berichtet das Webportal Diken. Kurz darauf wird der verantwortliche Chefredakteur von Diken, Fatih Gökhan Diler, festgenommen.

Auch gegen die beiden Vorsitzenden der legalen prokurdischen Partei HDP, Pervin Buldan und Sezai Temelli, ermittelt schon der Generalstaatsanwalt. Der Vorwurf lautete ebenfalls: "Propaganda für eine Terrororganisation". Weil Temelli sagte, mit Erdoğan komme die Türkei nirgendwohin, nur in den Krieg, dem Land drohe gesellschaftlicher Zerfall. Die HDP ist die drittgrößte Partei im Parlament.

Şivan Perver, einer der bekanntesten kurdischen Sänger, schreit sich in einem Video seine Wut auf den Krieg von der Seele: "Warum tut ihr das, warum greift ihr uns an?" Er wird dafür im Netz genauso wütend und emotional beschimpft. Es gibt auch Kurden, die hier gegen die kurdische PKK wettern, sie wie die Regierung eine "Terrororganisation" nennen, genauso wie die syrische YPG. Die türkischen Kurden sind gespalten, viele sind konservativ, sie haben Erdoğans AKP gewählt.

So wird der Krieg auch als Medienkrieg geführt, wobei die großen regierungsnahen Sender eindeutig das Feld beherrschen. Ihre Journalisten haben sich in einigermaßen sicherem Abstand zur Grenze positioniert und kommentieren die Bilder, die das Militär liefert, auch wenn es zeitweise ganz schwarz wird auf dem Bildschirm. Am Mittwochabend wurde der Strom in der Grenzregion gekappt. Nur der Feuerschein auf der anderen Seite der Grenze ist zu sehen, wo türkische Geschosse eingeschlagen sind. Von "181 vernichteten Zielen" spricht das Militär am Morgen.