Tübingen:Palmer gewinnt Oberbürgermeisterwahl

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Tübingen: Gegen den Widerstand der eigenen Partei setzt sich Boris Palmer in Tübingen durch.

Gegen den Widerstand der eigenen Partei setzt sich Boris Palmer in Tübingen durch.

(Foto: ULMER Pressebildage/imago images)

Der umstrittene Amtsinhaber Boris Palmer holt im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit mit 52,4 Prozent der Stimmen. Sein zurückhaltendes Auftreten und seine erfolgreiche Arbeitsbilanz halfen dem langjährigen Tübinger Oberbürgermeister dabei.

Von Max Ferstl, Tübingen

Wer am Sonntagabend zufällig am Marktplatz in Tübingen vorbeikam, musste den Eindruck haben, in ein Public Viewing geraten zu sein. Huch, schon Weltmeisterschaft? Die Menschen stehen dicht gedrängt, es riecht nach Bier und Rotwein, alle schauen nach vorne auf eine zu kleine Leinwand. Um 18.20 Uhr dann: lauter Jubel, geballte Fäuste, Boris Palmer führt.

Es ist zwar nur das Resultat aus dem Wahlbezirk Bebenhausen, aber der Trend hält bis zum Ende: Palmer holt laut vorläufigem Endergebnis die absolute Mehrheit, 52,4 Prozent. Er bleibt acht weitere Jahre Tübinger Oberbürgermeister. Die Menge skandiert "Boris", "Boris", "Boris".

Doch es gibt auch hörbare Buh-Rufe. Als Palmer um 19.20 Uhr vors Rathaus tritt, wendet er sich dann auch als erstes an seine Gegner, schließlich hätten ihn gut 40 Prozent nicht gewählt. "Ich hoffe, dass wir zusammenstehen können." Dass sich in den lauten Applaus auch Protestrufe mischen, lässt erahnen, dass das nicht ganz leicht werden könnte.

Es war natürlich keine normale Oberbürgermeisterwahl, was keinen anderen Grund hat als Palmer. Bei den vergangenen Wahlen 2006 und 2014 war Palmer unantastbar, auch damals schaffte er die absolute Mehrheit im ersten Wahlgang. Doch diesmal gab es plausible Gründe, warum es knapper werden könnte. Einerseits ist Palmers Arbeitsbilanz über jeden Zweifel erhaben: Die Zahl der Arbeitsplätze wuchs in seiner Amtszeit in ähnlich großem Maße, wie der CO2-Ausstoß sank. Hohe Gewerbesteuern, hohe Lebensqualität - die Stadt steht blendend da. Das räumen auch jene Tübinger ein, die in der Wahlkabine lieber den Stimmzettel verspeisen würden als ihr Kreuz bei Palmer zu setzen.

Er fiel mit umstrittenen Zitaten auf - vor allem über Geflüchtete

Andererseits werden jene Erfolge immer wieder überlagert von umstrittenen Palmer-Zitaten, vor allem über Geflüchtete. Deshalb wollte ihn seine Partei vor ein paar Monaten ausschließen. Seine Mitgliedschaft ruht derzeit. In Tübingen stand er als unabhängiger Kandidat zu Wahl. Entsprechend seltsam war die Dynamik des Wahlkampfs.

Die wohl schwierigste Aufgabe hatte Ulrike Baumgärtner, sie trat für die Grünen gegen einen Amtsinhaber an, der 16 Jahre lang als Grüner im Rathaus regierte - und das nachweislich mit sehr grünen Akzenten. Viele neue Ideen hatte Baumgärtner dann auch nicht anzubieten.

Und auch die zweite Hauptkonkurrentin, Sofie Geisel (SPD), klang im Wahlkampf nicht so, als wolle sie die Stadt politisch in eine ganz andere Richtung lenken. Sie versuchte, beim Thema Wohnungsbau Akzente zu setzen, ebenso bei der Integration von Geflüchteten. Doch insgesamt klangen die drei Bewerber ähnlich, wenn sie über inhaltliche Fragen diskutierten.

Das zentrale Versprechen der Herausforderinnen war, dass mit ihnen ein neuer Regierungsstil ins Tübinger Rathaus einziehen werde. Ruhiger solle es werden, weniger kontrovers. Eine Tübinger Oberbürgermeisterin wäre seltener Gegenstand von bundesweiten Schlagzeilen, seltener bei Markus Lanz. Sie setzten darauf, dass die Tübinger genug haben von der aus ihrer Sicht zweifelhaften Prominenz ihres Oberbürgermeisters. Doch das reichte am Ende nicht für mehr als jeweils gut 20 Prozent der Stimmen. "Tübingen ist eng verwurzelt mit Boris Palmer", sagte Geisel, als sie ihre Niederlage einräumte.

Palmer räumte Fehler ein, nannte sie "Dummheiten"

Der wiederum trat im Wahlkampf spürbar zurückhaltend auf. Er beschränkte sich auf Tübinger Themen. Palmer hob seine Erfolge hervor und verband sie mit seinem zentralen Wahlversprechen: Tübingen bis 2030 klimaneutral zu machen. Auf Angriffe verzichtete er ebenso wie auf das Produzieren von missverständlichen Äußerungen. Während einer Podiumsdiskussion auf seine umstrittenen Aussagen angesprochen, räumte er Fehler ein, "Dummheiten" sein dabei gewesen. Er arbeite daran, künftig Ärger zu vermeiden. Es waren ungewöhnlich leise Töne.

Und so ging es vor der Wahl um die Frage, was die Tübinger stärker gewichten würden: die Erfolge des Oberbürgermeisters oder seine gelegentlichen Kontroversen. Am Ende war das keine Frage mehr.

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