Tschetschenische Spur im Fall Nemzow Moskaus schmutziger Hinterhof

Der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow in der Hauptstadt Grosny

(Foto: AFP)
  • Im Fall der Ermordung des Kreml-Kritikers Boris Nemzow gibt es Festnahmen und angeblich ein Geständnis. Die Spur führt nach Tschetschenien.
  • Dort herrscht Ramsan Kadyrow als Präsident von Putins Gnaden. Einst half er Moskau, blutige Aufstände in der muslimisch geprägten Kaukasus-Republik niederzukämpfen.
  • Kadyrow selbst deutet ebenso wie russische Behörden einen islamistischen Hintergrund der Tat an - eine These, die Wegbegleiter Nemzows bezweifeln.
Von Hannah Beitzer

Der Körper von Boris Nemzow liegt auf einem Friedhof in Moskau ganz in der Nähe einer ebenfalls ermordeten Freundin und Weggefährtin. Anna Politkowskaja, die als Journalistin der Oppositionszeitung Nowaja Gaseta über Menschenrechtsverletzungen der russischen Truppen und ihnen verbundener Paramilitärs berichtete, wurde 2006 ermordet. Verurteilt wurden dafür Männer aus Tschetschenien.

Und nun soll auch Boris Nemzow von Männern aus dem Nordkaukasus ermordet worden sein. Einer der Verdächtigen, Saur D., soll ein Geständnis abgelegt haben. Er gehörte Medienberichten zufolge einer Spezialeinheit des tschetschenischen Innenministeriums an, mit engen Verbindungen zum dortigen Machthaber Ramsan Kadyrow. Der wiederum gilt als treuer Vasall Wladimir Putins, mit dessen Hilfe Moskau Tschetschenien in einem blutigen Konflikt unterwarf.

Moskau und Grosny eint die Ablehnung des Westens, Kadyrow verteidigt Putins Politik, greift seine Gegner an und geht in seinen Äußerungen nicht selten weiter als Putin selbst. 2011 hatte er die Verhaftung russischer Oppositioneller gefordert, um Unruhen vorzubeugen. Er bekundete mehrmals seine Bereitschaft, in der Ostukraine als Freiwilliger an der Seite der Separatisten zu kämpfen - wo ohnehin viele tschetschenische Kämpfer sind. Die tschetschenische Polizei nannte er in einer Rede "die kämpfende Infanterie von Wladimir Putin". Kadyrow trat zuletzt in Grosny auf Demonstrationen gegen die Mohammed-Karikaturen der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo auf, deren Redaktion Anfang des Jahres Opfer eines Attentat wurde.

Politkowskaja belastete Kadyrow schwer

Kadyrow gilt als skrupellos und gewalttätig. Internationale und russische Organisationen warfen seinen Einheiten im Tschetschenienkrieg ebenso wie der russischen Armee schwere Menschenrechtsverletzungen vor, über die unter anderem die kritische Journalistin Anna Politkowskaja berichtete. Sie belastete vor allem Kadyrow schwer. 2006 wurde sie ermordet, verhaftet wurden mehrere Männer aus Tschetschenien. Die Hintermänner der Tat wurden jedoch nie identifiziert, Verwandte und Freunde der Journalistin vermuten Kadyrow persönlich hinter dem Attentat.

Immer wieder werden Menschenrechtler und Journalisten in Tschetschenien verschleppt und ermordet, wie zum Beispiel 2009 die NGO-Mitarbeiterin Natalja Estemirowa. Die Mörder wurden nie gefasst, die Hintergründe der Tat nie aufgeklärt. Oleg Orlow, der Vorsitzende der Organisation "Memorial", für die Estemirowa arbeitete, machte Kadyrow für den Mord verantwortlich. Kadyrow hat das Präsidentenamt 2007 quasi von seinem Vater übernommen, der sich während der Tschetschenienkriege der 90er und Nullerjahre auf die Seite Moskaus geschlagen hatte.

1994 bis 1996 kämpften Moskauer Truppen gegen tschetschenische Rebellen. Der Konflikt mündete 1996 mit dem Tod von Rebellenführer Dschochar Dudajew in einem brüchigen Waffenstillstand. Im Jahr 1999 eskalierte die Situation erneut. Attentäter verübten Anschläge auf Wohnhäuser unter anderem in Moskau. Es folgten blutige Kämpfe, mehrmals gelangen tschetschenischen Rebellen Geiselnahmen mit vielen Opfern, so zum Beispiel im Moskauer Dubrowka-Theater im Jahr 2002 und im Jahr 2004 in einer Schule im nordossetischen Beslan. 2003 setzte Putin bei Wahlen in der aufsässigen Republik seinen Kandidaten Achmad Kadyrow durch, der jedoch 2004 bei einem Sprengstoffanschlag getötet wurde.

Macht dank paramilitärischer Einheiten

Dessen Sohn Ramsan führte im Tschetschenienkrieg paramilitärische Einheiten und trat schließlich 2007 als tschetschenischer Präsident von Moskaus Gnaden an. Er herrscht autokratisch, inszeniert sich als aufrechter Muslim, geht allerdings mit harter Hand gegen islamistische Attentäter vor, die es in Tschetschenien nach wie vor gibt. Inzwischen hat sich der Schwerpunkt der Anschläge allerdings in die Nachbarrepublik Dagestan verlagert. Tschetschenen, die in den Dschihad ziehen, machten zuletzt auch außerhalb Russlands Schlagzeilen - so haben etwa die Boston-Attentäter Dschochar und Tamerlan Zarnajew Wurzeln in Tschetschenien.

Zum Mord an Boris Nemzow äußerte sich Kadyrow mehrfach. Erst machte er westliche Geheimdienste verantwortlich, dann bezeichnete er den Verhafteten Saur D. auf der Internetplattform Instagram als "streng gläubig" - und deutet an, dieser könne sich von Nemzow provoziert gefühlt haben, da dieser sich nach dem Attentat auf Charlie Hebdo auf die Seite der Redaktion gestellt habe. Eine These, die auch russische Ermittlungsbehörden früh aufbrachten.

Russische Oppositionelle und Weggefährten Nemzows widersprechen jedoch. "Die Nonsens-Theorie der Ermittler über islamistische Motive beim Mord an Nemzow nutzt dem Kreml und nimmt Putin aus der Schusslinie", sagt Ilja Jaschin, der sich ebenfalls seit Jahren in der russischen Opposition engagiert. Nemzow sei gar kein prominenter Kritiker des Islamismus gewesen. Sondern eben ein prominenter Kritiker Putins und seiner Vasallen, zu denen auch Ramsan Kadyrow gehört.

Nemzows Freunde fürchten nun, dass die Auftraggeber seiner Mörder niemals gefunden werden. Ganz wie es bei Anna Politkowskaja war.