Proteste in Grosny Tschetschenen demonstrieren gegen den "verdorbenen Westen"

Die angündigte Million ist dann doch nicht nach Grosny gekommen, um gegen den Westen zu protestieren - doch hunderttausend Menschen dürften es den Bildern zufolge schon sein.

(Foto: Musa Sadulayev/AP)
  • Zehntausende Menschen haben in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny gegen die Mohammed-Karikaturen des Satiremagazins Charlie Hebdo protestiert.
  • Das von Moskau unterstützte Tschetschenen-Oberhaupt Ramsan Kadyrow trat bei der Kundgebung persönlich auf.
  • Russland selbst hatte sich nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin zunächst solidarisch gezeigt, dann aber den Nachdruck von Mohammed-Karikaturen verboten.
  • Die Ablehnung westlicher Werte soll die muslimisch geprägte Teilrepublik Tschetschenien und das christlich-orthodoxe europäische Russland einen.
Von Julian Hans, Moskau

Eine Million ist dann doch nicht zusammengekommen, so wie Ramsan Kadyrow es versprochen hatte. Und selbst die 800 000, die laut den Behörden am Montag ins Zentrum der tschetschenischen Hauptstadt Grosny geströmt waren, um gegen die Mohammed-Karikaturen des Satiremagazins Charlie Hebdo zu protestieren, waren offenbar wohlwollend gezählt.

Grosny selbst hat nur 270 000 Einwohner, in der ganzen Teilrepublik Tschetschenien leben knapp 1,3 Millionen. Mehr als 100 000 Menschen dürften es den Fernsehbildern nach dennoch gewesen sein, die sich über die Alleen mit Namen Putin-Prospekt und Kadyrow-Prospekt zur zentralen Moschee hin bewegten, die ebenfalls den Namen Achmat Kadyrows trägt, des Vaters des 38-jährigen Tschetschenen-Oberhaupts.

Ablehnung von als westlich empfundenen Werten: Tschetschenische Muslime marschieren in Grosny gegen die Karikaturen von Charlie Hebdo.

(Foto: Musa Sadulayev/AP)

Die Botschaft, die von der Veranstaltung ausging, war eindeutig: Freiheit und Demokratie sind nur Vorwände, unter denen der verdorbene Westen die wahren menschlichen Werte zu untergraben sucht. Der Islam sei eine Religion des Friedens, sagte Ramsan Kadyrow, um schon zwei Sätze später zu drohen: "Niemand beleidigt straflos unseren Propheten." Kadyrow hatte die Pariser Anschläge zwar verurteilt, dann aber erklärt, sie gingen auf das Konto der USA, die den islamistischen Terror förderten, um den eigenen Einfluss in der Region aufrecht zu erhalten.

Die Ablehnung des Westens sollen Tschetschenien und Russland einen

Nach zwei blutigen Kriegen, in denen teils radikale Muslime für ein von Russland unabhängiges Tschetschenien gekämpft hatten, war Achmat Kadyrow 2003 ein Bündnis mit Moskau eingegangen. 2004 starb er bei einem Attentat, seit 2007 regiert sein Sohn Ramsan. Weil Subventionen allein die Treue der Tschetschenen nicht garantieren, wird neuerdings die Ablehnung gegen "westliche" Werte betont, die das sunnitische Tschetschenien und das christlich-orthodoxe europäische Russland einen sollen.

Russland habe die Gewalt in Libyen, Syrien, Ägypten und der Ukraine verurteilt, sagte Kadyrow. "Als Antwort darauf verhängen die westlichen Verteidiger der Demokratie Sanktionen gegen 146 Millionen Menschen in Russland." Aber Muslime ließen sich nicht "missbrauchen, um die Situation aus dem Gleichgewicht zu bringen". Unter der Führung von Präsident Wladimir Putin leiste Russland dem Westen Widerstand. Kadyrow hatte mehrmals seine Bereitschaft erklärt, im Donbass gegen die ukrainischen Streitkräfte zu kämpfen.

Putins Soldat

Ramsan Kadyrow, Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien, nennt sich selbst den "weltweit größten Feind der Terroristen". Deshalb keilt er gegen Islamisten genauso wie gegen "Antiislamismus" - aber vor allem gegen seine Kritiker. Von Julian Hans mehr ... Analyse

Der Propaganda-Kanal Russia Today hat die Reden aus Grosny übertragen

Auf der Kundgebung sprachen auch muslimische Geistliche aus dem Ausland und Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche. In einer mehrfach von "Allahu Akbar"-Rufen unterbrochenen Rede sagte der Bischof von Machatschkala und Grosny: "Die russisch-orthodoxe Kirche verurteilt die Menschen, die Karikaturen des Propheten Mohammed zeichnen. Wir sagen Nein zu dem Bösen, das der Westen zwischen unsere Religionen bringen möchte." Seit vergangenem Jahr gilt in Russland ein Gesetz, dass die "Verletzung religiöser Gefühle" unter Strafe stellt.

Moskau umwirbt seit Jahren weltweit antiwestliche und antiliberale Bewegungen. Der Propaganda-Kanal RT (Russia Today) hat auch ein arabisches Programm, das die Reden aus Grosny übertrug. In Russland selbst sind derlei Auftritte indes nicht überall willkommen. Eine Demonstration gegen die Mohammed-Karikaturen, zu der muslimische Aktivisten für kommendes Wochenende aufgerufen hatten, wurde von der Moskauer Stadtverwaltung nicht genehmigt.