bedeckt München 30°

Trump-Kampagne:"Ohne Sie schaffe ich das nicht, Friend"

US-Präsident Donald Trump 2019 in New York

Seine Kampagne setzt auf Aufrufe zum Kampf und Appelle an das schlechte Gewissen: US-Präsident Donald Trump

(Foto: REUTERS)

Aggressive, automatisierte Spendenwerbung ist in Amerika nichts Ungewöhnliches. Beim amtierenden US-Präsidenten jedoch gerät alles eine Nummer größer. Ein Erfahrungsbericht.

Von Nikolaus Piper

E-Mail-Listen gehören zum Alltag von Journalisten. Einige davon sind nützlich, andere weniger. Wer zum Beispiel als Korrespondent in New York arbeitet, sollte gelegentlich die E-Mails von City Hall lesen, dem Büro des Bürgermeisters. Lästig dagegen die Flut rechter und rechtsextremer Mails, die einerseits das politische Klima in den USA spiegeln, andererseits aber das Postfach zumüllen.

Manchmal jedoch findet sich in dem Müll eine Perle. Am 12. Mai etwa landet eine Mail des Präsidenten der Vereinigten Staaten im Postfach. Die Ansprache ist überraschend persönlich: "Friend", schreibt Donald Trump als Anrede. Worum geht es? "Sleepy Joe" - gemeint ist Joe Biden, der demokratische Präsidentschaftskandidat - wolle Amerika an China ausliefern.

Um das zu verhindern, müssten "meine besten Patrioten jetzt aufstehen und Trump Life Members werden - es ist der einzige Weg, unser Land zu schützen". Was bedeutet: Bis Mitternacht 100 Dollar für den Wahlkampf spenden und so den eigenen Namen in die Geschichtsbücher einschreiben ("cement your name in history").

Nun ist aggressive, automatisierte Spendenwerbung in Amerika nichts Ungewöhnliches. Bei Trump jedoch gerät alles eine Nummer größer. Er lässt nachfassen. Am 17. Juni meldet sich Schwiegertochter und Wahlkampfberaterin Lara Trump. "Friend", schreibt sie mahnend, "ich muss Sie etwas fragen. Warum haben Sie sich bisher nicht darum beworben, Präsident Donald Trump zu treffen?"

Gemeint ist eine Lotterie, bei der man eine Begegnung mit Trump gewinnen kann. Das Los kostete 42 Dollar, ein Schnäppchen also.

Lara Trump setzt noch einen drauf: "Der Präsident bat mich, dass ich mich an Sie wende, weil er Sie WIRKLICH treffen möchte." Er könne es sich nicht vorstellen, das Event ohne den Empfänger der Mail zu verbringen.

Das ist lustig: Nicht nur, dass der Präsident ihn, den Empfänger, gar nicht kennt, er hatte einst die Chance vertan, daran etwas zu ändern. Im Jahr 2012, als Trump noch ein Immobilienmogul in New York mit einer geschmacklosen Fernsehshow auf NBC war ("The Apprentice"), hatte sich die SZ mal um ein Interview mit ihm bemüht.

Sein Büro antwortete damals: "Sicher können Sie sich vorstellen, dass Mr. Trump viele solcher Anfragen bekommt." Leider habe er keine Zeit.

"Wir brauchen nur noch 100 Patrioten"

Der Tonfall Trumps beziehungsweise seiner Berater entspricht einem Muster: Aufruf zum Kampf und Appell an das schlechte Gewissen. Für so etwas gibt es Vorbilder. Der Ölmogul T. Boone Pickens etwa (er starb 2019) mobilisierte mit seinen E-Mails ohne Skrupel Anhänger für die eigenen materiellen Interessen, zum Beispiel die Unterstützung der Fracking-Industrie.

Seine Fans redete er mit "Army" an. "Kann ich darauf zählen, dass Sie noch heute Ihre beiden Senatoren anrufen?", fragte er, als es um ein Gesetz ging, das den Gasförderern nutzte.

Unterdessen lässt Trump nicht locker. An diesem Montag kommt eine weitere E-Mail. Wieder geht es um eine Spende von 42 Dollar, diesmal mit dem Ziel, bis zum Quartalsende die Marke von 18 Millionen Dollar für die Wahlkampfkasse zu erreichen. "Wir brauchen nur noch 100 Patrioten, die sich melden. Ohne Sie schaffe ich das nicht, Friend."

© SZ vom 02.07.2020/odg

SZ PlusMeinung
Gastbeitrag
:"Meine Haut ist ein Monument"

Caroline Randall Williams ist Lyrikerin und Autorin und stammt aus dem Süden der USA. Sie schreibt: "Sämtliche meiner unmittelbaren weißen männlichen Vorfahren waren Vergewaltiger" und fordert eine neue Erinnerungskultur.

Von Caroline Randall Williams

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite