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US-Grenze:"Hier gibt es keinen Notstand"

Nahe dem Rio Grande soll, wenn es nach Donald Trump geht, eine Grenzmauer gebaut werden.

(Foto: Alan Cassidy)

Beim texanischen Grenzstädtchen Roma kommen jeden Tag gut hundert Migranten aus Mexiko über die US-Grenze. Trump will hier seine Grenzmauer bauen, die Stadtverwaltung hält das für unnütz - und möglicherweise sogar schädlich.

Die Nachricht, dass Donald Trump den nationalen Notstand ausrufen will, erreicht Freddy Guerra in seinem Büro in der Stadtverwaltung von Roma, einem Brennpunkt der illegalen Einwanderung an der Grenze zu Mexiko. Der stellvertretende Verwaltungschef schaut in seinem Büro auf sein Handy, überfliegt die Meldung, zieht kurz verwundert die Augenbrauen hoch - und spricht weiter.

Einige Kilometer weiter ist man am Rio Grande, in der texanischen Siedlung Los Ebanos. Wer hier auf den Fluss zufährt, der die Vereinigten Staaten von Mexiko trennt, reist zurück in die Fünfzigerjahre - in eine Zeit ohne Hubschrauber und Drohnen am Himmel, ohne Grenzwächter mit Nachtsichtgeräten, ohne einen Präsidenten im Weißen Haus, der in schrillen Tönen vor einer Invasion aus dem Süden warnt. Hier in Los Ebanos transportiert eine Fähre, auf der knapp drei Autos hintereinander Platz haben, Passagiere auf die andere Seite des Rio Grande, von den USA nach Mexiko und wieder zurück, drei Dutzend Mal am Tag. Es ist die letzte handbetriebene Fähre Nordamerikas.

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Die sechs Männer, die sie an diesem Donnerstagnachmittag über das träge Wasser ziehen, tragen Jeans, Flanellhemden und Handschuhe, einer pfeift ein Lied, ein weiterer kassiert von den Passagieren die Gebühr ein. Die Grenzbeamten, die auf der amerikanischen Seite des Rio Grande vor einem Häuschen stehen, schauen gelangweilt zu, wie die Fähre ablegt, im mexikanischen Diaz Ordaz zwei Kombis auflädt und wieder zurückkehrt. Die Autos fahren über die abgenutzte Erdrampe hoch, die Fahrer zeigen durchs geöffnete Fenster ihren Pass, ein Grenzbeamter nickt. Ist das Notstand?

Die Fähre von Los Ebanos ist einer von gut fünfzig offiziellen Grenzübergängen zwischen den USA und Mexiko.

(Foto: Alan Cassidy)

Die Fähre von Los Ebanos ist einer von gut fünfzig offiziellen Grenzübergängen zwischen den USA und Mexiko. Seit sie 1950 in Betrieb ging, hat sie den Leuten in der Gegend ungezählte Autokilometer erspart, die sie sonst hätten zurücklegen müssen, um den Rio Grande über eine der Brücken weiter flussauf- oder flussabwärts zu überqueren. Das Boot ist eine Erinnerung an die Zeiten, in denen die Kommunen auf beiden Seiten noch viel enger verflochten waren. Als der Fluss zwar auch Grenze war, aber den Alltag der Menschen noch nicht so prägte.

Heute ist dieser Abschnitt des Rio Grande - zwischen Brownsville am Golf von Mexiko und der Stadt Roma - einer der berüchtigtsten der ganzen Grenze. 137 500 illegale Einwanderer stoppten die Grenzwächter 2018 alleine in dieser Region, mehr als in jeder anderen. Nicht überall Idylle also - schon gar nicht in Roma, einer alten spanischen Kolonialstadt, die auf einer Anhöhe über dem Fluss gelegen ist. Gut 100 illegale Einwanderer kämen hier jeden Tag über die Grenze, sagt Guerra, der Vizechef der Stadtverwaltung. Der 32-Jährige zeigt aus dem Fenster, vor dem Palmen stehen: "Gerade heute Morgen rannte hier wieder eine Gruppe vorbei."

Die Leute durchqueren den Fluss schwimmend oder in Booten und klettern dann die Böschung hoch, um in den Straßen des Städtchens zu verschwinden. "Meistens kommen sie im Morgengrauen", sagt Guerra, "und meistens ist die Grenzwache zu spät, um darauf reagieren zu können." Für die Bürger der Stadt seien die Migranten keine Gefahr, denn gewalttätig seien sie selten. Wie in vielen Grenzstädten geht die Kriminalität in Roma seit Jahren zurück. "Wir sind nach einer neuen Erhebung die fünftsicherste Stadt in ganz Texas", sagt Guerra. Darum hält er auch wenig von der Panikmache Donald Trumps. "Die Migranten leiden darunter, dass das Asylwesen überfordert ist. Das ist eine humanitäre Krise. Aber was die Sicherheit betrifft, gibt es keinen Notstand."

Auch in Roma könnte es bald eine Mauer geben: Das Geld ist genehmigt

Freddy Guerra, 32, ist der Vizechef der Stadtverwaltung von Roma.

(Foto: Alan Cassidy)

Bereits im Sommer könnte in Roma der Bau des Grenzwalls beginnen, für den der Kongress schon vergangenes Jahr Geld versprochen hat, losgelöst vom jüngsten Streit in Washington. Auf Guerras Bürotisch liegt eine Skizze, wie die Mauer aussehen soll. Ein knapp zwei Meter hohes Betonfundament, darauf fünfeinhalb Meter hohe Stahlplatten, die entlang des Rio Grande aneinandergereiht werden. Es wäre ein Einschnitt für die Stadt, sagt Guerra: "Eine seltsame Art, mit unseren Nachbarn in Mexiko umzugehen." Guerra hat wie fast alle Leute hier die halbe Familie auf der anderen Seite des Flusses, in der Stadt Miguel Aléman; auch zum Mittagessen fährt er mit den Kollegen aus dem Büro regelmäßig über die Grenze.

200 Millionen Dollar kostet der Bau des Mauerabschnitts bei Roma. "Das ist so viel wie der kumulierte Wert aller Grundstücke und Häuser in der Stadt", sagt Guerra. Es gebe bessere Wege, um die Grenzsicherheit zu erhöhen. Trotzdem kämpfen sie in Roma nicht mehr grundsätzlich gegen die Mauer - das hätte auch gar keinen Zweck. Stattdessen versuchen Stadtverwaltung und Umweltschützer, den Schaden zu minimieren, der für den historischen Kern und die umliegenden Naturschutzgebiete entsteht. Die Ironie sei, dass die US-Bundesregierung Roma einst zum schützenswerten historischen Ort erklärt habe. "Nun ist es die Regierung, die diesen Schutz mit der Mauer aufhebt."

Guerra hofft, dass sie die Regierung wenigstens noch dazu bringen, die Mauer so zu bauen, dass sich vorne dran Land aufschütten und damit eine begrünte Promenade schaffen lässt. "Dann erhalten sie ihre Mauer, und wir haben auch noch was davon."

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