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Tripel-Allianz-Krieg gegen Paraguay:Das Land ohne Männer

Paraguay wehrte sich lange und zäh gegen die überlegene Allianz, die 1866 in der Schlacht von Curupaytí eine schwere Niederlage erlitt.

(Foto: Museo Nacional de Bellas Artes)

Vor 150 Jahren endete ein brutaler Konflikt, der Paraguay entvölkerte und bis heute prägt: Soziale Missstände lassen sich auf die alte Niederlage schieben. Rückblick auf blutige Geschichte.

Von Christoph Gurk

Wenige Wochen nachdem das Coronavirus begonnen hatte sich auch in Paraguay auszubreiten, veröffentlichte die Regierung des kleinen südamerikanischen Landes ein Video. Man sieht darin Aufnahmen von Schlachtgetümmel, hört Geschrei und Gewehrsalven.

Und dann sagt ein Sprecher mit theatralischer Stimme, es sei nun an der Zeit, die Heimat zu verteidigen, einmal wieder. Jedem Paraguayer war sofort klar, was damit gemeint war: La Guerra Guasú, auf Deutsch so viel wie "Der große Krieg".

Von 1864 bis 1870 kämpfte Paraguay gegen die alliierten Truppen Brasiliens, Argentiniens und Uruguays. Tripel-Allianz-Krieg wird der Konflikt darum auch genannt, außerhalb von Paraguay ist er - von Fachkreisen einmal abgesehen - allerdings fast unbekannt: Zu weit ist das kleine Paraguay entfernt von Europa oder den USA, zu unrühmlich war dazu auch die Rolle der Siegermächte, als dass sich dort breite Forscherkreise mit dem Thema befassen wollten.

All das trägt mit zur Tragödie bei. Denn tatsächlich hat der Große Krieg nicht nur die Region geformt wie kaum ein anderer. Er war dazu auch der blutigste Konflikt, den es jemals in Lateinamerika gegeben hat.

Nach sechs Jahren Krieg war Paraguay 1870 fast entvölkert. 60 bis 80 Prozent der Bewohner des Landes waren umgekommen, durch Gewehrkugeln, Lanzenstiche, Hunger oder Seuchen. In ganz Paraguay waren überhaupt nur noch einige Zehntausend Männer am Leben, viele verkrüppelt und abgemagert. Die Felder lagen brach, die Dörfer waren leer.

Eine von den Siegern eingesetzte Regierung unterschrieb am 20. Juni 1870, vor 150 Jahren, einen ersten Friedensvertrag. Paraguay musste 140 000 Quadratkilometer seines Gebiets abgeben. Argentinien gewann so im Norden eine ganze neue Provinz dazu, was half, die zerstrittene Nation zu einen. Der Krieg machte Argentinien letztendlich stärker.

Der Populist, der Paraguay in den Abgrund führte, wird im Land noch immer verehrt

Auch Brasilien, der zweite große Sieger, veränderte sich massiv: Das Land konnte sein Staatsgebiet ebenfalls auf Kosten Paraguays vergrößern. Und als sich zuvor die Kämpfe immer länger hinzogen hatten, gab es auch immer mehr Kritik an Generälen und dem Kaiser, der damals noch in Brasilien herrschte.

Antimonarchistische Kräfte gewannen so an Einfluss, viele schwarze Brasilianer erhielten ihre Freiheit, als Dank dafür, dass sie für das Land an der Front gekämpft hatten. Am Ende wurde ein Jahrzehnt nach Ende des Krieges nicht nur das Kaisertum abgeschafft, sondern auch die Sklaverei.

Für die Sieger war der Krieg also ein Motor des Fortschritts. In Paraguay aber ist er bis heute Mythos und nationale Tragödie zugleich. "Viele Menschen glauben, dass Paraguay mal so etwas wie ein Paradies war", sagt der aus Paraguay stammende Historiker Herib Caballero: "Dann kam der Krieg, und von da an lief alles falsch. Aber so einfach ist das natürlich nicht."

Tatsächlich war Paraguay zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein abgeschottetes Land in der Mitte eines Kontinents, den noch kaum Straßen, geschweige denn Schienen durchzogen. Kurz nach der Unabhängigkeit Paraguays von den spanischen Kolonialherren 1811 übernahm eine Reihe von Diktatoren die Macht.

Einer von ihnen, Carlos Antonio López, versuchte von den 1840er-Jahren an, das Land nicht nur zu militarisieren, sondern auch notdürftig zu industrialisieren. Mit Hilfe europäischer Ingenieure entstanden eine Gießerei und eine Werft, dazu noch eine der ersten Eisenbahnlinien des Kontinents.

Als López 1862 starb, ging die Macht auf seinen Sohn über, Francisco Solano López, ein Name, den man sich merken muss. López würde nicht nur der Mann sein, der sein Land in den Krieg und so auch ins Verderben führt. Er wird auch bis heute als größter Held stilisiert, der in Paraguay je gelebt hat.

Francisco Solano López wurde schon als Kind auf seine Rolle als Herrscher vorbereitet, mit 19 wird er General und Oberbefehlshaber der Armee. Stets darauf bedacht, sich als Staatsmann zu geben, ist er gleichzeitig von Ängsten getrieben: Er fürchtet, nicht ernst genug genommen zu werden, er hat Angst vor Verschwörungen, Anschlägen und Vergiftungen. Selbst loyale Unterstützer und enge Familienmitglieder lässt er einsperren, foltern und ermorden.

Die politische Situation Lateinamerikas ist damals kompliziert und verworren. Auch ein halbes Jahrhundert nachdem die Kolonialherrschaft abgeschüttelt ist, sind viele Grenzen noch immer nicht genau definiert. Caudillos und Zentralgewalt streiten um Macht, Staaten und Länder um Grenzziehungen und Einfluss. Immer wieder kommt es so zwischen Brasilien und Paraguay zu Streit.

1864 eskaliert die Situation, Paraguay nimmt den Gouverneur des brasilianischen Bundesstaats Mato Grosso gefangen. Beide Länder erklären sich den Krieg, am Ende steigen auch Uruguay und Argentinien mit ein, teils aus Opportunismus, teils aus Angst vor Repressalien durch den Giganten Brasilien. In einem Geheimvertrag verbünden sich die Länder zur Tripel-Allianz und versprechen, so lange gegen Paraguay kämpfen zu wollen, bis López abgedankt hat.

Am Anfang scheint es noch so, als ob der Krieg ohnehin nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen würde: Zusammengenommen verfügen die drei alliierten Mächte über eine Bevölkerung, die 25 Mal so groß ist wie die von Paraguay. Dessen Waffen sind veraltet. Brasilien, Argentinien und Uruguay dagegen haben viele Kanonenboote und moderne Gewehre. Die ersten Angriffe von Paraguay schlagen die Alliierten mehr oder minder problemlos zurück, von da an verlagert sich der Krieg auf das Territorium von Paraguay.

Für die einen ein Held, für die anderen ein Irrer und Despot: Paraguays Präsident Francisco Solano López.

(Foto: all mauritius images)

Immer wieder kommt es zu Friedensverhandlungen, und immer wieder scheitern sie vor allem deshalb, weil López sich weigert abzutreten. Gleichzeitig kämpfen die Soldaten Paraguays viel zäher und geschickter, als die Oberbefehlshaber in Argentinien, Brasilien und Uruguay gedacht haben. Immer länger dauert der Krieg.

1869 fällt Asunción. Die alliierten Truppen finden aber eine menschenleere Hauptstadt vor, in den Straßen wächst Gras, Tiere streifen über die Plätze. López hatte schon Monate zuvor die Stadt evakuiert und ist jetzt auf der Flucht vor den Heeren der Feinde.

Selbst die bittere Not der Menschen in seinem Land kann ihn nicht zum Aufgeben zwingen. Weil es keine Männer mehr gibt, um die Felder zu bestellen, brechen Hungersnöte aus, dazu Cholera und andere Seuchen.

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