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Ein Bild und seine Geschichte:Stefan Zweig - Staatsbegräbnis wider Willen

Stefan Zweigs Begräbnis im Februar 1942

(Foto: Casa Stefan Zweig, Petrópolis)

Nach Stefan Zweigs Suizid 1942 Jahren ignorieren die Behörden in Brasilien seine letzte Bitte. Die politische Botschaft des österreichischen Schriftstellers ist frappierend aktuell.

Von Oliver Das Gupta, Salzburg

Ein Bild und seine Geschichte

SZ.de zeigt in loser Folge jeweils ein besonderes Foto oder eine besondere Abbildung. Hinter manchen Aufnahmen und Bildern steckt eine konkrete Geschichte, andere stehen exemplarisch für historische Begebenheiten und Zeitumstände. Übersicht der bisher erschienenen Texte

Bevor sich Stefan Zweig und seine Frau Lotte das Leben nehmen, regelt er die letzten Dinge genau. Das Manuskript seiner "Schachnovelle" schickt er ab, es wird später sein erfolgreichstes Werk werden.

Das, was der Österreicher an Büchern ins brasilianische Exil mitnehmen konnte, vermacht er der örtlichen Bibliothek seines Wohnortes Petrópolis. Auch zur eigenen Bestattung hat Zweig sich konkrete Vorstellungen gemacht. Man wolle auf dem jüdischen Friedhof von Rio de Janeiro zur Ruhe gebettet werden, schreibt er in einem seiner 20 Abschiedsbriefe. Und zwar "in der bescheidensten und diskretesten Form beerdigt werden."

Die letzte Bitte ignoriert

Es kommt anders: Nachdem das Ehepaar Zweig am 23. Februar 1942 tot in ihrem kleinen Häuschen aufgefunden wird, ordnet die brasilianische Regierung ein Staatsbegräbnis an, schließlich ist der Österreicher international gefeiert, der wohl meistgelesene deutschsprachige Literat. Zweigs letzte Bitte ignorieren die Offiziellen: Petrópolis statt Rio, große Anteilnahme statt kleiner Abschied, städtischer Gottesacker statt jüdischer Friedhof.

Am 24. Februar 1942 werden die Eheleute Zweig in Petrópolis beigesetzt. Dort liegen ihre Gebeine bis heute.

Mit dem Suizid endet die Flucht eines verzweifelten Mannes vor einer Welt, die immer mehr im Krieg versinkt. Acht Jahre lang ist Zweig unterwegs, ruhelos, schwer depressiv und nicht mehr fähig, Wurzeln zu schlagen. Aus Salzburg flieht er vor den Austrofaschisten, Großbritannien verlässt er, weil er die Bomber der Wehrmacht fürchtet.

Schließlich strandet er in Brasilien, wo er schon vor dem Krieg als Star behandelt wurde. Aber nun kann ihn nicht mal der Karneval aufmuntern, wie er kurz vor seinem Tod vermerkt. Er sei lebensmüde geworden, räumt er ein, seit er "meine Heimat, Österreich, verloren" hat.

Das Heimweh scheint immer größer geworden zu sein, der Gedanke an eine Rückkehr immer unrealistischer. Zweig hat Angst, dass sich das Böse in der Welt durchsetzt. Das Böse, gegen das er immer angekämpft hat mit einer Vision des Guten: eines humanistischen, solidarischen und liberalen Europas, in dem sich Nationalgrenzen auflösen und es ein friedliches Miteinander gibt.

Das untergegangene Habsburger-Reich sieht Zweig als Blaupause eines neuen Europas. In der Wiener Hofburg, sagte Zweig bei einem Vortrag 1940, sei

"immer wieder der Traum eines geeinten Europas geträumt worden. (...) All diese Kaiser dachten, planten, sprachen kosmopolitisch. (...) Weil aus vielen fremden Elementen bestehend, wurde Wien der ideale Nährboden für eine gemeinsame Kultur. (...) Gegensätze zu mischen und aus dieser ständigen Harmonisierung ein neues Element europäischer Kultur zu schaffen, das war das eigentliche Genie dieser Stadt."

Zweig beschwört diese geistige Einheit Europas immer wieder, nicht erst, als der Kontinent in den 1930er Jahren auf den Zweiten Weltkrieg zusteuert, sondern schon lange vorher. Für Zweig ist klar: Nie wieder sollte Europa in eine Katastrophe schlittern wie den Ersten Weltkrieg.

"Selbstvergötterung des Nationalismus"

Doch das Gegenteil tritt ein. Europa zersplittert, Nationalisten versuchen, es zu zerlegen. "Zweig ist auf verblüffende Weise aktuell", sagt Klemens Renoldner. Der Leiter des Salzburger Stefan Zweig Centres erkennt in Zweigs Schilderungen Parallelen zum Gebaren heutiger Rechtspopulisten: "Da ist der gezielte Einsatz von Lügen und die Diffamierung von Gegnern", sagt Renoldner. Und die grausame Erkenntnis, dass sich Humanität und Vernunft eben nicht zwangsläufig durchsetzen.

Der Pazifist Zweig irritiert mitunter aber auch seine Zeitgenossen. So dankt er 1933 dem italienischen Tyrannen Benito Mussolini überschwänglich für die Begnadigung eines Antifaschisten. Auch am zum Diktator verkommenen brasilianischen Regierungschef erkennt er nur positive Seiten, blendet sogar dessen Antisemitismus aus, offenkundig, weil sich Zweig von der Gastfreundschaft blenden lässt.

Naivität und fehlender Biss werden ihm immer wieder vorgeworfen und darauf verwiesen, dass er sich in einer vergleichsweise guten Lage befindet. Anders als andere Exilanten drücken Zweig keine finanzielle Sorgen, er ist ein internationaler Star.

Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schreibt er auch nicht besonders konfrontantiv gegen Hitler an, erst später findet er eine klarere Sprache. Die "geistige Einheit" der "europäischen Schriftsteller" würde die "Selbstvergötterung des Nationalismus" bekämpfen, sagt er 1941. Mit Blick auf Hitler und seine Kumpane klagt er, sie würden die "Würde der Menschheit in den Kot" treten.

Damals gibt es Zweigs innig geliebtes Österreich längst nicht mehr, es hat sich von Hitler-Deutschland willig verschlucken lassen. Anfang 1942 unterjochen Hitlers Horden fast ganz Europa, seine Verbündeten, die Japaner, bedrohen die USA, der Krieg ist global geworden. Die Deutschen versenken auch ein brasilianisches Schiff, Zweig liest davon in der Zeitung in Petrópolis. Möglicherweise glaubt er, dass nun auch sein Gastland in den Krieg eintreten werde, und fällt einen fatalen Entschluss. In seinem Kopf entkommt er Hitler nicht.

75 Jahre später ist Zweigs Traum vom grenzenlosen, humanistisch geprägten Europa genauso Realität wie die neuerliche Bedrohung durch den Nationalismus. Mögen auch Zweigs Beobachtungen frappierend an die Gegenwart erinnern, es gibt auch Unterschiede: "Man kommt in Europa nicht zur Ruhe und immer ist Deutschland die Ursache", schrieb Zweig kurz vor Hitlers Machtergreifung. Heute dürfte er das anders sehen.

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© SZ.de/gal/fued/liv
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