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Toter Häftling in NRW:Ärzte stellten unterschiedliche Diagnosen

Kann es ein Suizid gewesen sein?

Die Frage, ob der Syrer suizidgefährdet war und deswegen nie hätte alleine untergebracht werden dürfen, ist noch nicht vollständig geklärt; auch weil mehrere Stellen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen waren.

So stellte man bei der Aufnahmeuntersuchung in der JVA Geldern, wo der Syrer zunächst untergebracht war, eine akute Suizidgefahr fest. Auch deswegen wurde der Mann in Kleve zunächst alle 15 Minuten in seiner Zelle kontrolliert.

Bei einer erneuten Untersuchung kam die Anstaltspsychologin in Kleve allerdings zu einem anderen Ergebnis. Nach einem Gespräch mit Amed am 3. September notierte die Frau in ihrem Bericht an den JVA-Leiter: "Angesprochen auf die Suizidäußerungen zu Beginn der Haft erklärte Herr A. authentisch, dass er sich davon eine zügige Entlassung versprochen habe. Er habe nie an Suizid gedacht und sich auch noch nie selbst beschädigt." Der Mann kam daraufhin ab dem 13. September ohne Überwachung in eine Einzelzelle.

Seit dem 9. Oktober liegt dem Justizministerium die Gesundheitsakte des Syrers vor. Darin steht, Amed sei von Cannabis abhängig gewesen und habe viel getrunken. Bei der Untersuchung wurden zudem Schnittverletzungen am rechten Unterarm festgestellt. Aus Sicht des Anstaltsarztes in Kleve, gegen den die Staatsanwaltschaft Kleve ermittelt, waren diese Schnittverletzungen "aufgrund ihres Erscheinungsbildes" allerdings nicht mit einer mutmaßlichen Suizidalität in Verbindung zu bringen, sondern "eher vergleichbar mit psychisch entlastenden Schnittverletzungen im Rahmen einer Borderline-Störung".

Aufgrund seiner psychischen Verfassung ist es also möglich, dass Amed tatsächlich in einer suizidalen Absicht das Feuer selbst legte. Nach SZ-Informationen wurde allerdings nach Ausbruch des Feuers aus der Zelle heraus die Gegensprechanlage der Zelle betätigt, was gegen diese Theorie spricht.

Was wird den Behörden vorgeworfen?

Derzeit stehen drei Vorwürfe im Zentrum des Falls. So wirft der Anwalt des Mannes den Behörden vor, dass Amed nie hätte inhaftiert werden dürfen, weil er suizidgefährdet und depressiv gewesen und demnach haftuntauglich gewesen sei. Fraglich ist also zum einen, ob die Anstaltspsychologin einen Fehler bei ihrer Einschätzung gemacht hat. Zum anderen ist Gegenstand der Ermittlungen, ob der Anstaltsarzt, der den Syrer in Kleve untersucht hatte, einige Details aus der Gesundheitsakte pflichtwidrig nicht weitergegeben hatte.

SZ-Informationen zufolge hat Amed zudem versucht, mit der internen Kommunikationsanlage in seiner Zelle auf sich aufmerksam zu machen. Die Staatsanwaltschaft Kleve ermittelt auch in dieser Sache.

Sicher ist bereits, dass die zuständigen Beamten auf der Polizeiwache in Kleve nach der Festnahme die Identität des Syrers nicht ordnungsgemäß geprüft haben.

Wie wird der Fall aufgearbeitet?

Die Staatsanwaltschaft Kleve führt die Ermittlungen. Gegen die zuständigen Beamten der Polizeiwache Kleve wurden neben dem Ermittlungs - auch Disziplinarverfahren eingeleitet worden. Die polizeilichen Ermittlungen führt die Polizei Krefeld, damit "eine neutrale Überprüfung gewährleistet ist", sagte der Sprecher des NRW-Innenministers.

Anmerkung der Redaktion:

Die Süddeutsche Zeitung berichtet in der Regel nicht über Suizide und versuchte Selbsttötungen, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Erste Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen ist die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800/1110111 oder 0800/1110222 erhalten Betroffene Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Im Landtag beschäftigen sich der Rechtsausschuss mit dem Fall. Grüne und SPD haben einen mehr als 200 Fragen umfassenden Katalog an Justizminister Biesenbach und Innenminister Herbert Reul (CDU) gegeben. Nach und nach wurden Fragen beantwortet - nach wie vor sind aber Fragen offen. Die SPD hat bereits einen Untersuchungsausschuss ins Gespräch gebracht. Zudem fordert sie den Rücktritt von CDU-Justizminister Biesenbach. "Er hat in einer sehr zentralen Frage das Parlament und die Öffentlichkeit falsch informiert", sagte der nordrhein-westfälische SPD-Fraktionsvize Sven Wolf am Freitag über den Minister und bezog sich auf die bislang vom Ministerium vertretene Suizid-Theorie.

© SZ.de/saul/stein
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Kleve JVA

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Von Jana Stegemann

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