Todesfall in der Zelle Neue Ermittler im Fall Oury Jalloh

Im August 2016 ließ die Staatsanwaltschaft ein neues Gutachten durchführen.

(Foto: Arno Burgi/dpa)
  • Mehr als zwölf Jahre nach dem Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh wird der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau der Fall entzogen.
  • Die Staatsanwaltschaft in Halle beschäftigt sich nun mit den Umständen, die dazu führten, dass der Mann aus Sierra Leone in einer Polizeizelle starb.
  • Im August 2016 sollte ein nachgestellter Brand klären, wie Jalloh starb. Doch die Expertengutachten dazu widersprechen sich, heißt es aus Justizkreisen.
Von Antonie Rietzschel

Der Tod von Oury Jalloh gibt auch mehr als zwölf Jahre später immer noch Rätsel auf. Gegen die Staatsanwaltschaft in Dessau-Roßlau, die seit 2014 zu den genauen Todesumständen ermittelt, gab es immer wieder heftige Vorwürfe. Sie zeige zu wenig Eigeninitiative, verschleppe das Verfahren, Ermittlungsergebnisse würden der Öffentlichkeit vorenthalten. Und das in einem Fall, der mittlerweile auch international für Aufmerksamkeit sorgt. Anfang dieses Jahres besuchte sogar eine Delegation der Vereinten Nationen Dessau. Um die Polizeizelle zu sehen, in der Oury Jalloh am 7. Januar 2005 bei einem Brand ums Leben kam. Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute rätselhaft.

Nun wurde der Staatsanwaltschaft der Fall entzogen. Die Mitarbeiter seien überlastet, nachdem ein langjähriger Bearbeiter in den Ruhestand gegangen war, heißt es in einer Mitteilung der Generalstaatsanwaltschaft. Außerdem hätte der Mordfall um die chinesische Studentin Yangjie Li zusätzliche Ressourcen gebunden. Den Fall Oury Jalloh soll nun die Staatsanwaltschaft in Halle bearbeiten. Die Generalstaatsanwaltschaft betont: Die Entscheidung sei nicht als Kritik an der Arbeit der Kollegen in Dessau-Roßlau zu verstehen. Auf Nachfrage heißt es aus der Pressestelle jedoch, es sei zu begrüßen, dass der Fall von einem neutralen Ort aus betrachtet wird.

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Raum für Spekulationen

Der Politiker bemängelt außerdem, dass es bisher keine Informationen zu einem neuen Gutachten gebe. Im August 2016 ließ die Staatsanwaltschaft einen Brandversuch durchführen, der klären sollte, wie Jalloh starb. Nach Darstellung der Polizei hat sich der Asylbewerber aus Sierra Leone selbst angezündet. Dafür soll er die Matratze, auf der er lag, aufgerissen und die herausquellende Füllung mit einem Feuerzeug in Brand gesetzt haben. Ob dadurch ein Feuer hätte entstehen können, durch das sein Körper bis in die tiefen Muskelschichten verkohlte und sogar die Finger der linken Hand vollständig wegbrannten, wurde jedoch nie von offizieller Seite überprüft.

Die Gutachter setzten einen mit Schweinefett überzogenen Dummy in Brand. Um maximale Transparenz zu gewährleisten, lud die Staatsanwaltschaft Medienvertreter ein, versprach die Ergebnisse innerhalb weniger Wochen zu veröffentlichen. Aus Wochen wurden Monate. Bis heute gibt es keine offizielle Erklärung. Der Generalstaatsanwalt weist nun zu Recht darauf hin, dass das Ermittlungsgeheimnis gewahrt werden müsse. Doch in dem Fall hat die Staatsanwaltschaft selbst eine Veröffentlichung angekündigt.

Nun heißt es, nach dem Brandversuch liegen mehrere Expertengutachten vor, die sich widersprechen. Das lässt Raum für Spekulationen. Und die gibt es im Fall Jalloh schon zur Genüge. Woher kommt das Feuerzeug, das plötzlich in der Asservatenkammer auftauchte? War wirklich ein Stromausfall schuld daran, dass Videoaufnahmen aus der Zelle verschwanden? Hat jemand beim Tod von Oury Jalloh nachgeholfen? Fragen, die bis heute unbeantwortet bleiben.

Für die "Initiative im Gedenken an Oury Jalloh" steht fest: Es war Mord. Sie hatte 2013 ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben und dafür 35 000 Euro gesammelt. Gemeinsam mit einem Brandgutachter unternahmen die Aktivisten mehrere Versuche. Sie fesselten einen Schweinekadaver auf eine Matratze, die der in der Zelle Jallohs ähnlich war und zündeten sie an. Es entstand lediglich ein Schwelbrand, wie Videoaufnahmen zeigen. Jallohs Körper war jedoch stark verbrannt, die Matratze fast vollständig zerstört. Das sei nur durch die Verwendung von fünf Litern Brandbeschleuniger wie Benzin möglich, so der Gutachter (der komplette Bericht als PDF - Achtung, das Dokument zeigt ein Foto der verkohlten Leiche). Nach der Vorstellung des Brandgutachtens sprach der Oberstaatsanwalt von Dessau-Roßlau, Folker Bittmann, von "teilweise erschreckenden Informationen" (im Video).

Unter den Aktivisten herrschte seit Jahren großes Misstrauen gegenüber der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau. Die jahrelange Auseinandersetzung hat sie viele Nerven gekostet. Dazu kamen Schlampereien und Fehlentscheidungen von Polizisten und Ermittlern, die detailliert dokumentiert sind. Nun hoffen sie, dass die Staatsanwaltschaft Halle den Tod von Oury Jalloh endlich aufklärt.

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