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Tintenfische:Nachtruhe am Meeresgrund

An octopus in seen in its 'active sleep' state during a laboratory study at the Brain Institute of the Federal University of Rio Grande do Norte in Natal

Ein Oktopus in "aktiver Schlafphase" an der Universität von Rio Grande do Norte in Brasilien.

(Foto: SYLVIA MEDEIROS/via REUTERS)

Auch Oktopusse schlafen, und das ähnlich wie der Mensch: mit verschiedenen Phasen und womöglich heftigen Träumen.

Von Patrick Illinger

Er wäre gern unter dem Meer, im Garten eines Oktopus, textete der Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr in einem der wenigen Lieder, die er für die berühmte Band komponieren und singen durfte. Der Song "Octopus's Garden" erschien 1969 auf der Platte "Abbey Road" und erfreut sich seither ungebrochener Beliebtheit. Das Stück wurde von vielen anderen Musikern gecovert oder zitiert, sogar von Oasis, und schaffte es in die "Muppet Show" und die "Sesamstraße". "Wir hätten es dort warm, unter dem Sturm, in unserem kleinen Versteck unter den Wellen", textete Starr, und träumte in einer Strophe davon, den Kopf friedlich auf den Meeresgrund zu betten - im Garten eines Oktopus.

Nun haben brasilianische Wissenschaftler entdeckt, dass das Träumen am Meeresgrund eine wissenschaftliche Grundlage hat: Oktopusse tun womöglich genau das. Im Schlaf scheinen sie Phasen zu durchleben, ganz ähnlich wie der beim Menschen bekannten Abfolge von Tief- und REM-Schlaf. Letzterer ist die Schlafphase, in der Menschen, begleitet von heftigen Augenbewegungen, am meisten träumen. Dass auch Tintenfische Traumphasen haben, könnte erklären, was Meeresbiologen an vier Exemplaren der Art Octopus insularis festgestellt haben. Um zu testen, ob die Tiere schlafen, spielten ihnen die Wissenschaftler in Laborbecken Filme vor, auf denen Krabben zu sehen waren, eine beliebte Speise der Oktopusse. Reagierten die achtarmigen Tiere nicht auf die Videos, so schliefen sie höchstwahrscheinlich. Als weiteres Kriterium für Schlaf wurde mit einem Gummihammer an die Aquarien geklopft, und geprüft, ob sich die Tiere regen.

Zwei Schlafphasen zeigten sich: eine ruhige, in der die Haut der Oktopusse einfarbig, nahezu bleich blieb und sich ihre Saugnäpfe nur sanft bewegten. Und eine aktivere Schlafphase, in der sich die Haut dunkel verfärbte und anspannte. Dabei geriet auch der gesamte Muskelapparat in Bewegung, und - eine besonders auffallende Parallele zum menschlichen Schlaf - die Augen bewegten sich hektisch.

Diese unruhigen Schlafphasen dauerten weniger als eine Minute und traten meist in Abständen von einer halben Stunde zwischen ruhigeren Phasen auf, berichten Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Science. In der Tierwelt ist eine solche Abfolge verschiedener Schlafphasen bisher unter anderem von Vögeln bekannt, doch nicht bei Cephalopoden, der zoologischen Klasse der Kopffüßer.

Besonders erstaunlich an der Entdeckung ist, dass sich die Vorfahren der Tintenfische und der heutigen Wirbeltiere, somit auch des Menschen, vor rund 600 Millionen Jahren voneinander abgespalten haben, also in einer extremen Frühphase der biologischen Evolution. Abwechselnde Schlafphasen muss die Evolution also mehrmals erfunden haben, denn weder kann der Mensch diese Fähigkeit von den achtarmigen Tieren "geerbt" haben noch andersherum. Doch solche Parallelevolution ist nicht ungewöhnlich: Auch das Auge der Tintenfische ist dem menschlichen Auge verblüffend ähnlich, ganz anders als beispielsweise das Facettenauge der Insekten.

Abwechselnde Schlafphasen helfen dem Gehirn, Erinnerungen zu sortieren, abzuspeichern oder zu löschen. Schlaf ist eine Art Abfalleimer für die biologische Festplatte. Das Gehirn von Tintenfischen ist im Vergleich zu vielen anderen Tieren besonders groß und auf interessante Weise aufgebaut: Das Neuronengeflecht ist nicht im Kopf konzentriert, sondern erstreckt sich über die gesamten Arme. Ob die Tiere allerdings tatsächlich träumen, und erst recht, was sie träumen, können Wissenschaftler noch nicht abschließend sagen. Womöglich aber haben auch sie süße Träume in ihren unterseeischen Gärten, und manchmal vielleicht Albträume - mit aufgerissenen Haifischmäulern.

© SZ
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