Bomben in Flugzeugen "Wir wussten, wo wir suchen mussten"

Ein früherer Guantanamo-Häftling soll den entscheidenden Hinweis auf die explosiven Pakete gegeben haben. Der Weg der Bomben lässt sich damit rekonstruieren.

Von Paul-Anton Krüger

Es ist bislang nicht klar, welchem Ziel die Bombenpakete galten, die Sicherheitsbeamte am Freitagabend auf dem britischen Flughafen East Midland nahe Nottingham und in Dubai aus zwei Maschinen der Kurierdienste United Parcel Service (UPS) und FedEx holten. Aber am Tag vier nach dem Scheitern des Terror-Plots lässt sich der Weg der als Bomben präparierten Laserdrucker weitgehend rekonstruieren.

Der Weg der Bombenpakete.

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Mitte vergangener Woche hatte eine junge Frau das eine Paket in einem UPS-Büro im gut situierten Viertel Haddah der jemenitischen Hauptstadt Sanaa aufgegeben. Neben dem Drucker enthielt es - ausweislich später veröffentlichter Fotos - Bücher und Souvenirs. Die Frau zeigte einen Ausweis vor, der auf die 22 Jahre alte Studentin Hanan al-Samani ausgestellt war; und sie hinterließ eine Rückrufnummer. Adressiert war diese Sendung, wie auch das andere Paket, das wenig später in einem Büro des Paketdienstes Fedex in Sanaa eingeliefert wurde, an "Personen in Chicago", wie es am Samstag John O'Brennan formulierte, der höchste Berater des Weißen Hauses für Terrorbekämpfung.

Die Ermittler nennen die Adressaten bislang nicht, sie sollen aber in Verbindung mit zwei jüdischen Gemeinden in Chicago stehen, von denen eine Schwule und Lesben aufnimmt. Das befeuerte Spekulationen, die Terroristen, vermutlich der Al-Qaida-Ableger im Jemen, hätten die jüdischen Einrichtungen angreifen wollen. Womöglich hätten sie gar beabsichtigt, die Pakete während eines geplanten Besuchs von US-Präsident Barack Obama am vergangenen Samstag in seiner Heimatstadt detonieren zu lassen.

Allerdings halten die amerikanischen wie auch die britischen Behörden es mittlerweile für wahrscheinlicher, dass die Täter versuchen wollten, Flugzeuge in der Luft oder am Boden zu sprengen. Die Kraft des in den Druckerkartuschen versteckten Sprengstoffs PETN hätte dazu gereicht, wie die britische Innenministerin Theresa May sagte. Dabei hätten sie zumindest in dem einen Fall vermutlich mehr als hundert Menschen töten können, denn die FedEx-Sendung verließ Sanaa am Donnerstag an Bord eines Passagierflugzeugs von Qatar Airways nach Doha, der Hauptstadt des Emirats, wie die Fluggesellschaft mitteilte. Dort wurde das Paket einen Tag lang gelagert und dann mit einer weiteren Passagiermaschine nach Dubai geflogen, wo es zunächst in einem FedEx-Lager landete.

Der Weg des zweiten Pakets, das bei UPS aufgegeben wurde, ist weniger klar: Es erreichte offenbar in der Nacht von Donnerstag auf Freitag den Flughafen Köln-Bonn, wo es in eine UPS-Frachtmaschine umgeladen wurde. Der Weg führte zuvor vermutlich ebenfalls über Dubai, das Bundeskriminalamt wollte zu entsprechenden Meldungen aus Großbritannien jedoch keine Stellung nehmen. Unklar ist damit auch, ob eventuell auch dieses Paket an Bord eines Linien- oder Charterfluges transportiert wurde.

Dass die Bomben noch abgefangen wurden, bevor sie die USA erreichten, ist einem Anruf des Chefs der Terrorabwehr in Saudi-Arabien zu verdanken. Am frühen Freitagmorgen deutscher Zeit hatte Prinz Mohammed bin Nayef seinen amerikanischen Kollegen O'Brennan vor den fliegenden Bomben gewarnt. Der Tipp sei sehr präzise gewesen, lobte der republikanische Abgeordnete Peter T. King: "Wir wussten, wonach wir suchen, und wir wussten, wo wir suchen mussten."

O'Brennan wiederum alarmierte nach US-Angaben sowohl die Bundesregierung als auch die Behörden in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Doch der Hinweis kam zu spät, als dass das Bundeskriminalamt die UPS-Maschine in Köln/Bonn noch hätte stoppen können, wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte - und so flog sie mit ihrer explosiven Fracht nach East Midland weiter. Alles, was den Deutschen blieb, war, ihre britischen Kollegen zu warnen.

Wie gut die Bomben getarnt waren, stellte sich bei der Suchaktion heraus, nachdem die UPS-Maschine gegen drei Uhr am Freitagmorgen in East Midland gelandet war: Sechs Stunden lang filzte ein Team aus britischen Polizisten und Geheimdienstlern die Ladung, ohne etwas Verdächtiges zu finden. Die Absperrungen waren schon wieder abgebaut, der Einsatz beendet, als sich die Behörden aus Dubai meldeten und den Briten rieten, gezielt nach einem Laserdrucker von Hewlett Packard zu suchen.

Der Sprengstoff war in den Kartuschen versteckt, sodass es beim Durchleuchten mit herkömmlichen Röntgengeräten nicht auffallen würde. Auch die unauffällige Verkabelung des Zündmechanismus zeugt Ermittlern zufolge von großer Professionalität. Von den Handy-Platinen, die als Zündmechanismus dienen sollten, hatte der mutmaßliche Bombenbauer der jemenitischen al-Qaida, Ibrahim Hassan Al-Asiri, augenscheinlich alle überflüssigen Bauteile wie Displays oder Tastaturen entfernt. Eines der Handys sollte den Sprengsatz offenbar per Zeitschaltung zünden, das andere wohl durch eine Kurznachricht oder einen Anruf - es enthielt eine SIM-Karte, die ebenfalls zu Hanan al-Samani führte. Doch die jemenitischen Behörden ließen die Studentin wieder frei - die Terroristen hatten ihre Identität gestohlen.

Möglicherweise profitierten die saudischen Sicherheitsbehörden von einem Al-Qaida-Aussteiger: Die BBC berichtete am Montag unter Berufung auf offizielle britische Quellen, der Tipp sei von einem Mann namens Jabr al-Faifi gekommen. Er soll sich am 9. September den jemenitischen Behörden gestellt haben. Der frühere Guantanamo-Häftling sei auf seinen Wunsch hin an die saudischen Behörden überstellt worden, teilte ein Sprecher des Innenministeriums in Sanaa mit. Er soll 2006 aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo nach Saudi- Arabien zurückgekehrt sein und dort ein Resozialisierungsprogramm durchlaufen haben. Später hatte er sich jedoch offenbar wieder den Al-Qaida-Kämpfern im Nachbarland angeschlossen, aber angeblich Skrupel bekommen haben, nachdem diese Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbrauchten.