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Anschlag in Tunesien:"Der Terror schiebt eine Negativspirale an"

Imperial-Marhaba-Hotel

Einschussloch in einer Scheibe des Imperial-Marhaba-Hotels in Sousse: Was bedeutet der Terroranschlag für den Tourismus des Landes?

(Foto: dpa)

Das Attentat hat Tunesien erschüttert. Ralf Erbel von der Friedrich-Naumann-Stiftung erklärt, warum ausgerechnet dieses nordafrikanische Land die meisten ausländischen Kämpfer für die Terrormiliz IS stellt - und was der Anschlag für den Tourismus im Land bedeutet.

Süddeutsche Zeitung: Herr Erbel, haben Sie in Tunesien Radikalisierungstendenzen wahrgenommen?

Ralf Erbel: Es gibt Parallelwelten in Tunesien: Da ist zum einen die übergroße Mehrheit der Bevölkerung, die sich einer moderaten religiösen Tradition verpflichtet fühlt. Das ist das Tunesien, das Staatsgründer Habib Bourguiba geprägt hat und das stolz ist auf Frauenrechte, Bildung und die engen Verbindungen in die frankophone Welt.

Und das andere Tunesien?

Das ist eine Welt, vor der viele Beobachter die Augen viel zu lange verschlossen haben. An den Rändern der Gesellschaft gibt es hier ein Extremismusproblem - und zwar ein erhebliches. So kommt es, dass ausgerechnet dieses säkular geprägte, kleine Land mit 3000 Kämpfern das größte ausländische Kontingent des IS in Syrien und dem Irak stellt. Darüber hinaus gibt es bis zu 9000 Frauen und Männer, die Tunesien nicht verlassen dürfen, weil die Behörden vermuten, dass sie sich dschihadistischen Organisationen anschließen würden. Verschärft wird die Sicherheitskrise durch den Staatszerfall im benachbarten Libyen. Direkt vor der eigenen Haustür entsteht zurzeit ein gigantisches Machtvakuum, das vom IS und anderen Dschihadisten gefüllt wird. Über die lange und poröse Grenze gelangen Waffen, Extremisten und anderes Unheil nach Tunesien und stellen das Land vor riesige Herausforderungen.

Wie werden die tunesischen Behörden auf den jüngsten Anschlag reagieren?

Sie werden noch härter gegen extremistische und terroristische Gruppen vorgehen, und planen bereits ein verschärftes Vorgehen gegen extremistische Parteien und Vereinen. Ich bin aber zuversichtlich, dass Tunesien nicht in diktatorische Strukturen zurückfällt. Das würden die Tunesier auch nicht zulassen, schließlich haben sie sich vor mehr als vier Jahren Freiheiten erkämpft, auf die sie heute sehr stolz sind. Die Zivilgesellschaft ist lebendig, die Tunesier hartnäckig und die Medien genießen ein hohes Maß an Freiheit.

Mit welchen Gefühlen blickt das Gros der Tunesier auf die Jasminrevolution zurück, mit der der Arabische Frühling begann?

Die meisten Tunesier sind sehr stolz auf die politischen Errungenschaften, die sie seit 2011 erreicht haben. Tunesien ist das einzige Land der sogenannten Arabellion, dem eine positive demokratische Entwicklung gelungen ist. Während im Nachbarland Libyen, sowie in Syrien, Irak und im Jemen blutige Kriege toben und Staaten zu zerfallen drohen, haben die Tunesier in den vergangenen Jahren eine neue, fortschrittliche Verfassung erarbeitet, freie und demokratische Parlaments- und Präsidentschaftswahlen abgehalten, und schließlich im Februar dann die erste reguläre demokratische Regierung in der Geschichte Tunesiens gebildet. Das sind politische Erfolge, die Tunesien weltweit Respekt und Anerkennung eingebracht haben. Die Tunesier selbst sprechen oft von der "Tunesischen Ausnahme".

Auf der anderen Seite gibt es aber auch große Unzufriedenheit, weil die sozio-ökonomische Revolutionsrendite bislang ausgeblieben ist. Der langfriste Erfolg der jungen Demokratie wird nicht zuletzt davon abhängen, ob den Tunesiern eine erfolgreiche wirtschaftliche Transformation gelingt. In dieser Hinsicht herrscht heute großer Frust, die dringend notwendigen Reformen bleiben aus. Die Tunesier wünschen sich nicht nur Demokratie, sondern auch wirtschaftliche und soziale Stabilität.

Wie stark ist die tunesische Wirtschaft durch den Anschlag von Sousse getroffen?

Das Attentat auf ausländische Touristen hat Tunesien an einer sehr empfindlichen Stelle getroffen! Knapp eine halbe Million Tunesier sind in der Tourismusindustrie direkt und indirekt beschäftigt, vor allem außerhalb der Hauptstadt. Der Terror schiebt eine Negativspirale an. Denn weniger Tourismus bedeutet, dass die ohnehin große Arbeitslosigkeit weiter wächst. Und leider lassen sich Perspektivlose leichter von Extremisten ködern. Ein erfolgreiches, demokratisches Tunesien ist hingegen eine Provokation für den IS und andere Dschihadisten, da es ihnen den Nährboden entziehen würde.

Deshalb braucht Tunis die Solidarität Europas und handfeste Hilfe: durch Wirtschaftshilfen und -kooperationen, aber auch in Sicherheitsfragen. Das gebietet allein schon das Eigeninteresse.

Ralf Erbel leitet seit Mai 2014 das Büro der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Tunis. Zuvor sammelte er mehrere Jahre Erfahrungen im Nahen Osten.

© SZ.de/fie
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