bedeckt München 15°
vgwortpixel

Terror in Paris:Der IS wirkt zunehmend wie ein hoffnungsloser Fall

All das erklärt, warum der IS mit seiner bisherigen Politik gebrochen hat und Angriffe an einem Ort wie Paris startet. Der IS wirkt zunehmend wie ein hoffnungsloser Fall und muss sich im Zentrum des Weltgeschehens neu positionieren, um neue Rekruten anwerben zu können. Die Propagandamaschine braucht dringend neue "Erfolgsgeschichten". Die täglichen Verlautbarungen im Al Bayan Radio zeigen das ganz deutlich. Sie bestehen aus endlosen Aufzählungen von Siegen an allen Fronten, mit detaillierten Verlusten beim Feind und keinen beim IS.

Das erinnert an die Radiopropaganda der Nazis oder Sowjets - weiter, vorwärts, kein Rückzug, keine Kapitulation. Dem IS fehlt es nicht nur am Selbstbewusstsein, die Wahrheit zu vermelden. Für einen selbsterklärten Staat von Gottes Gnaden kann es nur Siege geben, niemals Niederlagen. Da liegt die Achillesferse des IS, denn mit Verlusten verliert er an Reiz.

Dschihadisten in Europa

Dschihadisten in Europa

(Foto: SZ-Grafik)

Der Feldzug des Westens, der das Ziel hat, den IS in seine Schranken zu verweisen und zu dezimieren - wozu mitunter auch eine unangenehme Abstimmung mit Russland gehört -, zeigt Wirkung. Und die Anschläge auf Paris sind unglücklicherweise ein Beleg für diesen Erfolg - wir müssen uns wohl auf mehr solcher Angriffe einstellen, je auswegloser die Lage für den IS wird. Solche ersten Erfolge, wie auch der vollständige militärischer Sieg über den IS, sind indes mit einer großen Schwierigkeit verbunden, weil der IS viel mehr ist als bloß eine Organisation. Der IS ist Ausdruck und Symptom der politischen Entrechtung und Demütigung, die viele Sunniten, insbesondere sunnitische Araber, in der heutigen Welt empfinden.

Die Allianz gegen den IS zeigt schon Wirkung. Die kulturelle Überwindung aber dauert länger

Dafür gibt es vielerlei Gründe. Dazu gehören zweifellos frühere westliche Interventionen wie die amerikanische Invasion des Irak und ihre verheerenden Folgen für die irakische Bevölkerung. Noch wichtiger ist aber die Brutalisierung der arabischen Bevölkerungen durch die eigenen Regierungen in Kombination mit immer schlechterer Bildung und wirtschaftlicher Entwicklung. Dazu kommt ein schwer zu fassendes Grundgefühl der meisten Araber (und Moslems), dass sie von der Zivilisationsgeschichte abgehängt wurden, während sich andere Völker weiterentwickeln und die Früchte des Fortschritts ernten.

Solche Sorgen und Probleme kann man nicht militärisch angehen. Wir brauchen politische Lösungen in Syrien und im Irak. Nötig sind Anstrengungen in Kultur und Bildung, um die IS-Ideologie zu besiegen, die Gewalt als einziges Mittel zur Ermächtigung der Sunniten anpreist. Westliche Regierungen können das nicht leisten. Es muss aus den arabischen und muslimischen Gesellschaften hervorgehen.

IS-Terror Die wichtigsten Fakten zum IS
Überblick
Islamischer Staat

Die wichtigsten Fakten zum IS

Die Terrormiliz IS kontrolliert weite Teile Syriens und des Irak, nun verüben ihre Anhänger sogar koordinierte Anschläge in Paris. Wie die Organisation funktioniert und wer sie unterstützt.   Von Christoph Meyer

Zum Glück gibt es selbst in Ländern wie Saudi-Arabien vermehrt wichtige Stimmen, die sich mutig gegen die Ideologie des Dschihadismus und seine Sackgassen-Versprechungen erheben. Bis diese Stimmen sich allerdings durchsetzen, und das wird nicht so bald geschehen, müssen wir wachsam bleiben und mit der beharrlichen Präsenz dieses gewalttätigen Aspekts der Weltpolitik in unserem Leben rechnen.

Bernard Haykel ist Professor für Near Eastern Studies an der Princeton University. Deutsch von Andrian Kreye.

Ihr Forum Welche Chancen stecken in der neuen Allianz Russlands mit dem Westen?
Ihr Forum
Ihr Forum

Welche Chancen stecken in der neuen Allianz Russlands mit dem Westen?

Wladimir Putin deklariert Frankreich kurzerhand zu seinem Verbündeten beim Syrien-Einsatz und trifft sich mit US-Präsident Obama. Gemeinsam mit dem Westen will er gegen den IS kämpfen. Wird diese Allianz das zerrüttete Verhältnis verbessern?