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Terror-Angst in München:Wir brauchen Mut und Aufklärung

Munich The Day After Shooting Spree Leaves Ten Dead

Menschen legen Blumen und Kerzen vor dem Olympia-Einkaufszentrum nieder.

(Foto: Getty Images)

Amoklauf oder Anschlag? Stundenlang hing diese Frage über München. Der Umgang mit ihr entlarvt ein gravierendes Problem der deutschen Gesellschaft: Die Terror-Furcht ist dominant geworden.

Zehn Menschen getötet, neun erschossen vom zehnten, der sich dann selbst umgebracht hat, mitten in der sichersten Großstadt des Landes - das menschliche Leid ist die schrecklichste Tatsache, die unbestritten größte Tragödie dieser langen Münchner Nacht. Was an diesem Freitag in dieser Stadt geschehen ist, wird viele Menschen lange beschäftigen. Zu viele Fragen sind in jenen dunklen Stunden aufgeworfen worden, in der Gedankenwelt der Bürger auf der Straße und in den Wohnungen, der Beamten im Einsatz, der Politiker und der Beobachter. Sie alle haben in stundenlanger Ungewissheit darüber gelebt, mit welcher Gewalttat sie da plötzlich konfrontiert waren, wie viele Täter unterwegs waren, ja: in welcher Gefahr sie wirklich waren.

Menschen in der Münchner Innenstadt hören da plötzlich Schüsse, wo nie Schüsse gefallen sind. Sie sollen plötzlich auf Facebook angeben, ob sie in Sicherheit sind. Millionen sind über Pushmeldungen, Whatsapp und soziale Netzwerke live dabei, während Medien und Bekannte vage Thesen, heiße Gerüchte und erste Erkenntnisse - manchmal ungefiltert - weitergeben über Taten, die in gefühlter großer Nähe begangen werden.

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Die Münchner haben eine schwierige Nacht hinter sich. In Echtzeit erlebten sie, wie ihre Stadt wegen einer Terrorlage abgeriegelt wurde. Doch sie bewiesen eine Eigenschaft, die in Krisenzeiten besonders wichtig ist: Solidarität.   Kommentar von Annette Ramelsberger

Amoklauf? Anschlag? Die Frage hing über München, und mit ihr die Folgefrage: Was wäre eigentlich der Unterschied? Was macht es für einen Unterschied, für welches Wort wir uns entscheiden, wenn am Ende die Zahl der Toten die gleiche ist? Für die Getöteten und ihre Hinterbliebenen keinen, für sie mag die Unterscheidung gar zynisch klingen - doch als sich im Laufe des Samstags andeutete, dass es sich nicht um Letzteres, sondern Ersteres handelte, gab es so etwas wie Erleichterung. Man kann das an simplen Indikatoren ablesen, der Klickkurve von Nachrichtenseiten oder dem Alarmismus auf Twitter und Facebook. Als der Münchner Polizeipräsident am Mittag einen IS-Bezug des Täters gänzlich ausschließt und etwas Erleichterung spürbar wird, wird klar, wie der Elefant im Raum heißt.

Islamistischer Terror.

Über das Zusammenrücken der Welt, das gemeinsame Erleben und Erleiden im digitalen Zeitalter ist viel geschrieben worden, und doch unterschätzt man die Vehemenz, mit der sich das Terror-Narrativ über Ereignisse legen kann. Es ist in den Köpfen der Journalisten, die Anhaltspunkte suchen und interpretieren wollen, wo es keine oder nur wenige Anhaltspunkte gibt. Es war in den Köpfen jener Münchner in der Innenstadt, die wachsam bleiben wollten, aber natürlich auch noch die Bilder von Paris, Brüssel und Istanbul vor Augen hatten. Es war in den Köpfen der Einsatzleiter, deren Erinnerung noch weiter zurückgeht und die sich womöglich auch an Mumbai und Breivik erinnert fühlten, wo Terroristen durch die Stadt zogen.

Gräben vertiefen sich

Dem Mahlstrom aus Spekulationen, offiziellen Statements und Informationsschnipseln ist kaum beizukommen; jede Redaktion kennt die Herausforderung. Doch die Berichterstattung über die reinen Fakten steht mitunter im ungesunden Wettbewerb um die Deutung. Zur Frage "Sollen wir Angst haben?" gesellt sich eine andere: "Welche Angst sollen wir haben?" Und vor welchem düsteren Hintergrund steht diese zweite Frage! Die Reihenfolge, in der Polizeipräsident Hubertus Andrä die Fakten über den Täter aufzählte: Erstens, nein, es gibt überhaupt kein Bezug zum Thema Flüchtlinge. Zweitens, nein, es gibt überhaupt keinen IS-Bezug des Täters. Drittens, es war wohl ein Amoklauf.

Wenn diese Reihenfolge die Normalität darstellt, hat diese Gesellschaft ein Problem; und dafür kann die Polizei nicht viel, ihre Kommunikation spiegelt nur, wie der Diskurs inzwischen funktioniert. Es ist ein Problem, wenn zunächst der IS-Bezug ausgeschlossen werden muss, ehe die eigentlichen Hintergründe beleuchtet werden können. Das verharmlost nicht nur andere real existierende Probleme, die es in Deutschland zweifelsohne gibt - etwa die Ausgrenzung an Schulen und mangelnde Frühwarnsysteme für Gewalttäter. Es vertieft auch die Gräben zwischen den Bevölkerungsgruppen, erleichtert den Vereinfachern und Populisten mit ihren unsäglichen Ausfällen - im Fall München sogar noch in der Tatnacht - ihr Geschäft, verstärkt immer weiter die Terrorangst und erschwert jenen Menschen die Arbeit, die dem islamistischen Terror die Deutungshoheit und Definitionsmacht über die Religion wieder entreißen wollen.

Terror lebt von Angst, und wer sich der Angst vor Terror beliebig fügt, lässt die Terroristen gewinnen. Der Terror-Denke gerade jetzt zu begegnen, ist darum die Aufgabe: nämlich die diffuse, zur Überreaktion treibende Furcht vor Anschlägen zu besiegen. Es mag banal und vielleicht pathetisch klingen, aber das machen Menschen am besten so, wie sie die Herausforderungen ihrer Zeit immer besiegt haben: mit Mut. Mit Information. Mit Aufklärung.

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