Amoklauf am OEZ Münchens heroische Gelassenheit

Rettungskräfte sitzen an der Kreuzung am Georg-Brauchle-Ring nahe dem OEZ, in dem Schüsse gefallen sind. Die Bürger bewiesen in der schrecklichen Nacht Solidarität.

(Foto: dpa)

Die Münchner haben eine schwierige Nacht hinter sich. In Echtzeit erlebten sie, wie ihre Stadt wegen einer Terrorlage abgeriegelt wurde. Doch sie bewiesen eine Eigenschaft, die in Krisenzeiten besonders wichtig ist: Solidarität.

Kommentar von Annette Ramelsberger

Das war keine leichte Nacht. Zehn Tote, mehr als 20 Verletzte, eine Stadt im Ausnahmezustand. Menschen, die am Bahnhof gestrandet sind; Mütter, die besorgt ihren Kinder hinterher telefonieren; Kollegen, die sich über Nacht beim Abteilungsleiter einquartieren. Die Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum hatte die ganze Stadt erfasst. Das schlimmste Ereignis seit dem Oktoberfestattentat vor 36 Jahren. Damals waren 13 Menschen getötet worden, ermordet angeblich von einem rechtsradikalen Einzeltäter. Damals, in den Zeiten vor der globalen Vernetzung, beschränkte sich das Chaos auf die Theresienwiese. Die meisten Menschen erfuhren erst am nächsten Morgen von dem Attentat und die Stadt München ließ noch im Morgengrauen den Tatort überteeren. Nichts sollte das Oktoberfest stören.

Diesmal ist alles anders. Die Stadt, das Land erlebten quasi in Echtzeit mit, wie eine ganze Stadt abgeriegelt wurde. Und diesmal wurden sie auch nicht mit partiellen Wahrheiten abgespeist, nicht im Sinne von Innenminister Thomas de Maizière, der nach der Absage des Länderspiels gegen die Niederlande in Hannover im vergangenen November erklärte, Teile seiner Antworten könnten die Bevölkerung beunruhigen. Diesmal bekamen sie die Entwicklungen direkt mit.

Und sie entwickelten etwas, das der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler "heroische Gelassenheit" nennt. Eine Gelassenheit, die im Wissen dessen, dass gerade Schreckliches passiert, nur Ruhe zählt. Diesmal war es kein Spiel, kein "Pokémon Go", kein virtuelles Monsterjagen. Diesmal jagte ein Täter Menschen, mitten in München.

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Ruhig, sachlich, präzise: Die Kommunikation der Polizei war wohltuend

Deswegen empfanden auch viele Bürger den Sprecher der Münchner Polizei Marcus da Gloria Martins als so wohltuend. Ruhig, sachlich und präzise sagte er, was die Polizei weiß und was sie nicht weiß. Er ließ sich nicht in Spekulationen treiben und bediente auch nicht die gerade im Netz so beliebten Verschwörungstheorien. In Zeiten, in denen Panik und Entsetzen herrscht, helfen Theorien nichts. Sie sind am nächsten Morgen, wie auch jetzt wieder zu sehen ist, nichts mehr wert. In Krisensituationen braucht man Verlässlichkeit.

Diese Terrorlage, die vermutlich kein politischer Terrorakt, sondern die Tat eines kranken Menschen war, wird nicht die letzte sein. In Deutschland hat es schon viele Anschlagsversuche gegeben. Man muss befürchten, dass sie nicht aufhören werden. Und nicht immer wird das Land Glück haben. Deswegen müssen sich auch die Reflexe der Bevölkerung an diese neue Situation anpassen. Erst nachdenken, bevor man Videos vom Tatort ins Netz stellt, erst überlegen, was ungeprüfte Hinweise auf Schüsse am Stachus oder am Isartor auslösen - nämlich, dass die Polizei ihre Kräfte dorthin schicken muss, die dann an anderer Stelle fehlen.

Die Münchner haben in dieser Nacht aber auch jene Eigenschaft gelebt, die in Krisenzeiten besonders wichtig ist: Solidarität. Sie haben die Türen aufgemacht, Menschen verköstigt, Übernachtungsmöglichkeiten geboten. Jetzt müssen sie nur weiter die heroische Gelassenheit pflegen, die stärker ist als jeder Anschlag, jede Amok-Tat. Die Franzosen haben nach der Anschlagsserie in Paris trotzig verkündet: Je suis à la terrasse. Sie gingen dem Terror zum Trotz weiter in die Cafés. Übertragen auf München kann das nur heißen: "Je suis au Biergarten."

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