SZ-Korrespondenten über US-Wahl Peter Münch, Tel Aviv, über Israel

Wahlparty in Jerusalem: Dieser als "Uncle Sam" verkleidete Mann konnte sich über den Wahlausgang nicht freuen: Nach Bekanntgabe des Obama-Sieges nahm er seinen Papp-Romney und verließ die Feier.

(Foto: dpa)

Peter Münch, Tel Aviv, über Israel

Grund zum Feiern hat Israel Premierminister Benjamin Netanjahu gewiss nicht nach der Wiederwahl Barack Obamas. Mitt Romney wäre der Präsident seiner Wahl gewesen, und das nicht nur, weil die beiden in jungen Jahren gemeinsam in den USA bei Boston Consulting gearbeitet hatten. Vom republikanischen Präsidenten hätte sich Netanjahu fast blinde Unterstützung versprochen - in Sachen Iran genauso wie im Umgang mit den Palästinensern.

Obama, das weiß Netanjahu, wird für ihn viel unbequemer werden in seiner zweiten Amtszeit. Gewiss, pflichtschuldigst gratulierte er dem US-Präsidenten und versicherte, "die strategische Allianz zwischen Israel und den USA ist stärker als je zuvor". Stärker als in den vergangenen Jahren dürften allerdings in nächster Zeit vor allem die Gegensätze betont werden - und es könnte die Zeit zur Begleichung mancher Rechnung kommen.

Denn Netanjahu hatte kaum eine Gelegenheit versäumt, Obama zu brüskieren. Im nahöstlichen Friedensprozess hat er all seine Initiativen ausgebremst, im Konflikt mit Iran hat er ihn auf Kriegskurs treiben wollen. Obama musste sich das mit Rücksicht auf seine Wiederwahl-Chancen gefallen lassen. Doch er wird die Demütigungen nicht vergessen haben und nun weit deutlicher als zuvor Netanjahu die Richtung vorgeben. Es dürfte manch spannender Zweikampf zu beobachten sein in den kommenden Jahren, diplomatisch ummäntelt natürlich.

Das nächste Gratulationsschreiben dürfte dann von Obama an Netanjahu gehen, denn auch in Israel stehen Wahlen an im Januar. Netanjahu hatte sie in weiser Voraussicht vorgezogen, um Obama wenigstens gestärkt mit einem neuen Mandat gegenübertreten zu können.