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Syriza-Kandidat Alexis Tsipras:Wutfänger auf dem Weg zum Wahlsieg

Opposition leader and head of radical leftist Syriza party Tsipras arrives for a meeting with journalists in Athens

Typ netter Schwiegersohn: Syriza-Chef Alexis Tsipras

(Foto: REUTERS)
  • Alexis Tsipras, Spitzenkandidat der Linkspartei Syriza, machte sich mit Radau-Rhetorik einen Namen.
  • Vor der Wahl in Griechenland bemüht er sich um Mäßigung - vor allem nach außen hin.
  • Sollte er neuer Regierungschef des krisengebeutelten Landes werden, könnten ihm ausgerechnet die Radikalen in seiner Partei arge Probleme bereiten.

Optisch ist der Mann eher vom Typ netter Schwiegersohn: das Lächeln gewinnend, der Blick geradeaus. Fürs Rebellen-Image muss der offene weiße Hemdkragen mit dem schwarzen Jackett reichen. Doch mit radikaler Rhetorik macht Alexis Tsipras wett, was ihm äußerlich zum Revolutionär fehlen mag. Die "Memoranden", die Vereinbarungen Griechenlands mit den Kreditgebern von EU und Internationalem Währungsfonds, nennt er "Barbarei" und ein "großes Verbrechen", begangen am griechischen Volk.

"Wutfänger" haben sie den 40-Jährigen deshalb in Griechenland getauft. Wohl, weil er sagt, was so viele von der Krise gebeutelte Menschen hören möchten: dass endlich Schluss sein muss mit dem Bluten und Blechen, mit Rentenkürzungen und Steuererhöhungen sowie dem scheinbar unverwüstlichen Klientel-System. "Von Montag an ist die Party der Korruption zu Ende", verspricht der Syriza-Chef bei seinem letzten Athener Auftritt vor der Parlamentswahl - und Tausende jubeln.

Manche Syriza-Leute wollen selbst Euros drucken

Zeitungsinterviews lehnte Tsipras in den wenigen Wahlkampfwochen ab. Stattdessen schrieb er mehrere Namensartikel, auch für europäische Blätter. Die lasen sich so, als wolle Tsipras die radikalen Geister, die er in Griechenland gerufen hat, auf halber Strecke wieder einfangen: Die Europäer müssten sich vor einer Regierung seiner Syriza nicht fürchten, die Linkspartei sei "kein Ungeheuer", sie wolle "nicht den Zusammenbruch", sondern "die Rettung des Euro".

Große Worte, fast schon staatstragend.

Aber bei Syriza spricht nicht nur der Chef. Diverse Kandidaten dachten gar nicht daran, die Macht vor Augen, Kurs auf die Mitte zu nehmen. Rachel Makri, Kandidatin im nordgriechischen Kozani, ließ beispielsweise wissen, die Griechen könnten auch selbst Euros "drucken", wenn sie ohne EU-Hilfen demnächst in Geldnöte geraten würden. Selbst manche Syriza-Unterstützer in Athen fürchten, die größten Probleme könnten einem Regierungschef Tsipras von den Radikalen aus den eigenen Reihen drohen.

Protest als Grundton

Syriza war bis vor Kurzem noch eine Kleinpartei, ein randständiges Sammelsurium diverser Linksgruppierungen. Erst die Krise hat Tsipras nach oben katapultiert und zum Hoffnungsmann für so viele gemacht. Sein politisches Führungstalent entdeckte der gebürtige Athener indes früh. Schon als Schüler wurde der Sohn aus bürgerlichem Elternhaus Aktivist. Als Mitglied der kommunistischen Jugend führte er einen Schülerstreik an. Der Protest blieb Grundton seiner Karriere.

Der studierte Bauingenieur verschrieb sich bald ganz der Politik. 2006 gelang ihm als Anführer einer Bewegung "Offene Stadt" auf Anhieb mit 10,5 Prozent der Stimmen der Sprung in den Athener Stadtrat. 2008 übernahm er die Führung des Linksbündnisses Syriza. Schon 2009 zog Tsipras dann erstmals ins griechische Parlament ein.

Von kommender Woche an wird er wohl zeigen müssen, ob er außer Radau-Rhetorik auch Regieren kann.

© SZ vom 24.01.2015/jobr
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