Syrischer Flüchtling in Deutschland:Kleider für's Museum

Lesezeit: 4 min

Wenn ein Flüchtling hier in Deutschland aus seiner Kleidung herausgewachsen ist, hat er meist keine Brüder, keine Neffen oder kleinen Cousins hier, denen er sie vermachen kann. Der einzige Weg, um sie vor dem Verbrennen zu bewahren, besteht darin, sie in einen der Container vom Roten Kreuz zu schmeißen und zu hoffen, dass sie einen neuen Besitzer erfreuen werden. Leider wissen noch nicht viele Flüchtlinge von dieser Möglichkeit zu helfen.

Natürlich unterscheiden sich die Dinge, die Menschen aus ihrer alten Heimat mitnehmen je nach Fluchtmöglichkeit. Diejenigen, die über das Meer kommen, müssen ihr kleines Gepäck am sorgfältigsten zusammenstellen. Vor zwei Monaten ertrank eine Frau vor der griechischen Küste. Ihr Tagebuch wurde gefunden. Sie hatte in ihm ergreifende Briefe an ihren Geliebten, der schon in Deutschland war, verfasst.

Diejenigen, die wie ich das Glück hatten, dem Krieg mit dem Flugzeug den Rücken kehren zu können, hatten natürlich größere Auswahlmöglichkeiten bei der Zusammenstellung ihres Gepäcks. Aber dank meiner beiden kleinen Töchter war meine Auswahl ebenfalls beschränkt, denn schließlich musste fast all ihr pinkfarbener Besitz unbedingt mit nach Deutschland. Ich war überglücklich, als eine Freundin Monate später so lieb war, nach einem Beirut-Besuch meine dort deponierten sieben Kilo Bücher nach Berlin zu schleppen.

Mit dem Geruch schwindet die Erinnerung

Natürlich kann man seine Lieblingssachen nicht für immer tragen, auch nicht aufbewahren. Auch wenn man das Teil im Schrank verstaut, um es zu erhalten, verliert es doch mit der Zeit den Geruch. Dann verliert man die Erinnerung an die Farbe der Knöpfe, und eines Tages vergisst man vielleicht, wie man vor dem Spiegel gelächelt hat, als man es zum ersten Mal trug.

Man kann aber natürlich auch hoffen, dass es eines Tages im Museum für Erinnerungen von geflüchteten Menschen hängen wird. Genauso, wie ich es in meinem ersten Heim in Deutschland, in Berlin-Marienfelde, einer ehemaligen Notunterkunft für DDR-Flüchtlinge, sah: Dort steht das Flüchtlings-Museum, in dem genau diese kleinen und doch so wichtigen Gegenstände präsentiert werden. Kleidung, Werkzeuge, Spielzeuge und Taschen, die Flüchtlingen gehörten, die vor Jahrzehnten aus der DDR, Polen und anderen Ländern flohen. Später gingen diese Geflüchteten in der Gesellschaft auf, und heute erinnern nur noch diese Ausstellungsobjekte an ihre Geschichten.

Das Wertvollste bleibt

Tag für Tag lege ich mehr von meinen alten Sachen ab, aber eine Erinnerung wird für immer bei mir bleiben. Das eine Ding, das ich bis ans Ende meines Lebens bei mir tragen werde, ist eine Brieftasche, die mir meine Frau am Jahrestag unserer Hochzeit schenkte. In ihr trage ich immer die Beschwörungsformel, die mein Vater mir schrieb, als ich Anfang der 2000-er Jahre als politischer Gefangener im syrischen Gefängnis saß.

Die beiden Dinge sind mein allerwichtigster Besitz. Die Geldbörse und dieser kleine Zettel, den ich bei meiner Rückkehr in meine Heimat dabei haben werde. Vielleicht werde ich sie dann entsorgen. Dann, so fühle ich, werde ich mich dabei nicht schuldig fühlen.

Aber wer weiß, vielleicht werde ich dazu nicht in der Lage sein. In ein paar Jahren werden vielleicht Studenten in eine Vitrine des Flüchtlingsmuseums schauen und eine schwarze Wollmütze dort sehen. Und neben meinem Exponat wird der Satz stehen: "Das ist eine Mütze, die ein Syrer, der dem Krieg in seinem Land 2015 entfloh, von seiner Mutter als Schutz vor dem Wetter mit auf die Reise bekommen hat."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema