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Hungersnot in Südsudan:"Südsudan könnte der Brotkorb von Afrika sein"

Trotz des reichen Ölvorkommens ist der Südsudan einges der ärmsten Länder der Welt.

(Foto: AP)

Trotzdem hungert mehr als die Hälfte der Bevölkerung in dem ostafrikanischen Land. Erika Joergensen, Regionaldirektorin des UN-Welternährungsprogramms erzählt, wie der sechs Jahre andauernde Bürgerkrieg die humanitäre Hilfe erschwert.

Mehr als der Hälfte der Bevölkerung im Südsudan droht akuter Hunger. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Bericht von drei Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen. Der Südsudan zählt trotz seines reichen Ölvorkommens zu den ärmsten Ländern der Welt. Zwei Jahre nach der Unabhängigkeit vom Sudan im Jahr 2011 ist dort ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Verfeindete ethnische Gruppen, das Volk der Dinka um Präsident Salva Kiir und das Volk der Nuer um den ehemaligen Vize-Präsidenten Riek Machar, bekämpfen sich seit fast sechs Jahren. Zehntausende Menschen wurden getötet, etwa 2 Millionen Menschen befinden sich innerhalb des Südsudans auf der Flucht und mehr als 2,2 Millionen Menschen flohen außer Landes. Im September vergangenen Jahres wurde ein neuer Friedensvertrag ausgearbeitet, es kommt aber immer wieder zu Gewalt. Erst am Donnerstag verlängerte das Bundeskabinett das Bundeswehrmandat für den Südsudan.

Die Hilfsorganisation World Food Programme (WFP) versorgt die Menschen mit Lebensmitteln. Allein im vergangenen Jahr hat sie mehr als 300 000 Tonnen Hilfsgüter nach Südsudan geliefert. Für die Koordination ist Erika Joergensen verantwortlich, die als Regionaldirektorin für Ost- und Zentralafrika von Nairobi aus arbeitet.

SZ: Frau Joergensen, Sie sind seit fast einem Jahr für den Südsudan zuständig. Was ist Ihr Eindruck vom Land?

Erika Joergensen: Das Hauptproblem ist der andauernde ethnische und politische Konflikt. Der neue Friedensvertrag ist wackelig. Die Menschen leiden unter den Kämpfen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Südsudan befindet sich gerade in einer Krisensituation, wenn es zum täglichen Brot kommt.

Was tut WFP vor Ort?

Für uns ist das allerwichtigste, dass unsere Lebensmittellieferungen die Menschen erreichen. Wir machen sogenannte Airdrops, werfen Essenspakete aus Flugzeugen in abgelegene und vom Konflikt abgeschnittene Regionen herunter. Das ist zwar sehr teuer, aber für viele der einzige Versorgungsweg.

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Gibt es keinen Zugang über Land?

Nicht überall. Ich war in Kandak bei einer Airdrop-Aktion dabei. Das ist im Bundesstaat Fangak State im nördlichen Südsudan. 18 000 Menschen leben dort, einfach mitten im dornigen Feld. Das ist kein Flüchtlingslager, sondern einfach eine Ansammlung von Leuten, die vertrieben sind. Sie bauen sich kleine Hütten unter die Bäume. Und wenn die Konfliktlinie näher rückt, ziehen sie weiter. Es gibt dort keine Straßen, keine Schulen, keine Kliniken, kein Wasser.

Wie organisieren sie die Flugzeuglieferungen?

Etwa acht Tage bevor wir mit den Flugzeugen kommen, bereiten unsere Teams, meistens einheimische Mitarbeiter, die Menschen darauf vor. Sie packen 20 Kilo in einen Rucksack, dann fliegen wir sie mit einem Helikopter raus und lassen sie dort runter. Sie registrieren die Leute vorab. Wenn die Lieferungen kommen, holen meistens die Frauen die 50 Kilogramm schweren Essenssäcke ab.

Haben Sie mit ihnen gesprochen?

Ich habe sie gefragt, ob die Verteilung gerecht verläuft. Sie haben mich angeguckt, als ob ich ein Idiot wäre und gesagt: "Hier herrscht Ordnung. Wir wissen genau, wer was bekommt." Es gibt so wenig.

Erika Joergensen bei einem Projektbesuch der Organisation WFP in Burundi.

Erika Joergensen bei einem Projektbesuch der Organisation WFP in Burundi.

(Foto: WFP)

Versperrt Ihnen auch die Regierung den Weg zu den Menschen?

Wir können oft einfach wegen der Gefechte nicht rein, es ist zu gefährlich für unsere Leute. Letztes Jahr ist es unserem Logistikteam gelungen, den Nil-Korridor wieder zu öffnen. So können wir mit Booten Lebensmittel transportieren. Das ist viel günstiger als per Flugzeug. Außerdem müssen wir für die Regenzeit vorausdenken: Wir deponieren die Lieferungen im Voraus, um sicherzugehen, dass die Versorgung nicht abreißt. In unserem Büro in Südsudan haben wir eine Gruppe, die nur zum Verhandeln da ist. Im Feld, mit den Leuten, mit den vielen Rebellengruppen, um alles vorzubereiten.

Was ist in einer Lieferung drin?

Ein Mensch braucht in etwa 1800-2000 Kilokalorien am Tag, demensprechend stellen wir die Rationen zusammen. Da ist Sorghum dabei, ein nahrhaftes Getreide, Mais, Öl, andere Grundnahrungsmittel. Südsudan könnte ja der Brotkorb von Afrika sein, das ist ein sehr reiches Land, wenn man auf das landwirtschaftliche Potential und das Ölvorkommen schaut.

Nahrungsmittellieferungen werden oft als nicht nachhaltige Hilfe kritisiert.

Traditionell haben wir immer die überschüssigen Lebensmittel von Geberländern bekommen. Jetzt ist es mehr und mehr bares Geld. Im vergangenen Jahr haben wir mehr als 200 Millionen Dollar in allen acht Ländern meiner Region eingesetzt. Die Geberländer sehen das sehr gerne, weil es sicherer, billiger und auch nachhaltiger ist. Wir haben ausgerechnet, dass jeder Dollar, den wir beispielsweise in Uganda bar ausgeben, 1,33 Dollar vor Ort generiert.

Können Sie das erklären?

Ein Beispiel: Eine Frau aus Uganda bekommt eine Karte mit einem Iris-Scan und einem Fingerabdruck, auf die wir einen Geldwert laden. Im Voraus werden Absprachen mit lokalen Lebensmittelläden getroffen, die Grundnahrungsmittel für einen Festpreis verkaufen. Die Frau kann dann ins Geschäft gehen und genau das kaufen, was sie und ihre Familie brauchen. Wie ein ganz normaler Kunde kann sie dort selbst die Produkte auswählen. Und sie braucht nicht 50 Kilo auf dem Kopf zu tragen. Der Händler wiederum kann sich für das Geld ein Auto kaufen, dann braucht er aber auch einen Mechaniker, der hat dann auch Arbeit. Das Geld kommt in Umlauf, die Dörfer werden reicher. Das minimiert auch die Wahrscheinlichkeit von Konflikten.

Wie ist die Haltung der Regierungen zu Ihren Hilfseinsätzen?

Wir entwerfen strategische Programme für jedes Land, aber der Eigentümer des Programms ist immer die Regierung selbst. Die UNO kann nicht in einem Land arbeiten, wenn sie nicht eingeladen ist. Deshalb arbeiten wir sehr eng mit den Regierungen zusammen, in Südsudan ist es natürlich wackeliger.

Kann das neue Friedensabkommen vom vergangenen September die Lage verbessern?

Der Friedensvertrag ist bis Mai in einer Übergangsperiode, danach soll der ehemalige Vize-Präsident und Oppositionsführer Riek Machar nach Juba kommen. Man wird sehen, was passiert. Bis dahin können wir nur konstatieren: Die Zahl der Hungernden steigt.

Ist Deutschlands Unterstützung hilfreich?

Deutschland ist ein sehr verlässlicher finanzieller Geber für uns, im Südsudan ist es mit 27 Millionen Euro Zuwendungen der viertgrößte. Seit mehr als fünf Jahren hat sich die deutsche Unterstützung des WFP global extrem erhöht. Es liegt im deutschen Interesse, dass wir das Geld lokal einsetzen, um Arbeitsplätze zu schaffen.

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