Afrika:Das Gespenst vom Bürgerkrieg

Afrika: "Die Revolution ist eine Revolution des Volkes": Einiges weist darauf hin, dass das Militär nach dem Putsch weiter auf Widerstand stoßen wird. Szene in Sudans Hauptstadt Khartum.

"Die Revolution ist eine Revolution des Volkes": Einiges weist darauf hin, dass das Militär nach dem Putsch weiter auf Widerstand stoßen wird. Szene in Sudans Hauptstadt Khartum.

(Foto: AFP)

Sudans Machthaber al-Burhan rechtfertigt den Coup damit, dass er das Land vor weiterer Gewalt bewahren wolle. Doch auf den Straßen herrschen Frust und Zorn über einen Putsch, der Hoffnungen auf eine Demokratisierung zerschlägt.

Von Arne Perras

Als wäre es ein Putsch aus Notwehr gewesen. So klingen manche Sätze, die der neue Machthaber im Sudan, General Abdel Fattah al-Burhan, zwei Tage nach dem Coup in die Mikrofone spricht. Seine Botschaft: Die Streitigkeiten innerhalb der Übergangsregierung aus zivilen und militärischen Kräften seien so groß und bedrohlich geworden, dass er mit seinen Truppen einfach eingreifen musste, wie er am Dienstag in einer Liveübertragung aus Khartum erklärte. Ohne Eingriff der Armee hätten die Spannungen das Land "in einen Bürgerkrieg stürzen können", warnte al-Burhan. Außerdem sagt er, dass er den entmachteten zivilen Premierminister Abdallah Hamduk in seinem Haus untergebracht habe, zu dessen Sicherheit.

Den Frust im Land konnte er allerdings kaum dämpfen, auch am zweiten Tag nach dem Putsch versammelten sich wütende Menschen, um zu protestieren, wenn auch offenbar deutlich weniger als am Tag zuvor. Womöglich schreckte die tödliche Gewalt viele ab. Mindestens sieben Demonstranten waren noch am Montag in den Stunden nach dem Coup erschossen worden, wie das Zentrale Komitee sudanesischer Ärzte bestätigte, 140 wurden verletzt. Soldaten sollen in eine Menge geschossen haben, mehrere Todesfälle wurden aus der Zone vor dem Hauptquartier des Militärs gemeldet.

Videos zeigten aufgebrachte Menschen, die sich an verschiedenen Punkten der Stadt versammelten, sie errichteten Barrikaden und zündeten Reifen an, schwarzer Rauch verhüllte den Himmel, während gepanzerte Fahrzeuge wichtige Verkehrswege kontrollierten.

Der Berufsverband Sudanese Professionals Association, in dem viele Akademiker versammelt sind, erklärte in den sozialen Medien: "Die Revolution ist eine Revolution des Volkes. Macht und Reichtum gehören dem Volk. Und nicht dem Militärputsch." Aus ihrer Botschaft sprach der Wille zum Widerstand, der den Soldaten auch in den nächsten Tagen noch entgegenschlagen dürfte.

Die Wut ist groß, weil Militärführer Abdel Fattah al-Burhan die Übergangsregierung abrupt aufgelöst hat, in der sich zivile Kräfte und Vertreter der Armee die Macht teilen sollten. Der Plan sah eine weitere Demokratisierung des von vielen Kriegen und Aufständen zerrütteten Landes vor, mit Wahlen im Jahr 2023. Dadurch sollte eine Transition gelingen von jahrzehntelanger Militärherrschaft hin zu einem demokratisch legitimierten Staat. An den Wahlen will der General festhalten, doch ist noch völlig unklar, auf welche Weise das Land nun bis zum Wahltermin 2023 regiert werden soll.

Die USA stoppen 700 Millionen Dollar Wirtschaftshilfe

Die Sudanesen nennen es "ihre Revolution", wenn sie über die Entwicklungen der Jahre 2018 und 2019 sprechen, als eine breite Volksbewegung Proteste organisierte, die letztlich den Militärputsch im Frühjahr 2019 herbeiführten. Durch ihn stürzte der zunehmend unbeliebte Diktator Omar al-Baschir. Größeres Chaos wurde damals allerdings dadurch verhindert, dass sich die Generäle mit den Parteien und zivilgesellschaftlichen Gruppen schließlich darauf einigten, in einer Übergangsphase die Macht zu teilen. Doch diesen Prozess brachte das Militär nun zu einem abrupten Ende mit der Begründung, es müsse verhindern, dass das Land ins "Ungewisse stürzt", wie General al-Burhan das nannte.

Die Vereinigten Staaten, die den Putsch wie viele andere westliche Staaten verurteilten, halten nun Wirtschaftshilfen in Höhe von 700 Millionen Dollar erst einmal zurück, die Beziehungen müssten auf den Prüfstand, hieß es aus dem Außenministerium in Washington. Gleichzeitig widersprach die US-Regierung Spekulationen, dass sie über den Putsch bereits vorab informiert gewesen sei. Vermutungen dieser Art waren aufgekommen, weil der Sondergesandte für das Horn von Afrika, Jeffrey Feltman, noch am Wochenende im Sudan zu Gesprächen mit zivilen Politikern und Vertretern des Militärs zusammengekommen war.

Der Sprecher des US-Außenministeriums Ned Price drängte die Machthaber des Sudans, die von Zivilisten geführte Regierung "umgehend" wieder herzustellen. Die USA hatten Khartum im vergangenen Jahr von ihrer Liste der Terrorunterstützer gestrichen, der Ruf eines Schurkenstaats hatte lange Zeit zur Isolation des Sudans beigetragen. Dieser Schritt Washingtons machte den Weg für internationale Finanzhilfen frei, doch die jüngste Machtübernahme der Armee und die Gewalt in der Hauptstadt gefährdet diese Finanzspritzen, die nötig sind, um die wirtschaftliche Krise im Land zu entschärfen.

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