Stutthof-Prozess:Was die frühere KZ-Sekretärin gewusst haben könnte

Lesezeit: 2 min

Stutthof-Prozess: Sie schrieb für Menschen, die über den Tod verfügten. Ist sie also ein weiteres Rädchen, das die Tötungsmaschine der Nazis am Laufen hielt? Die Staatsanwaltschaft wirft Irmgard F. Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen vor.

Sie schrieb für Menschen, die über den Tod verfügten. Ist sie also ein weiteres Rädchen, das die Tötungsmaschine der Nazis am Laufen hielt? Die Staatsanwaltschaft wirft Irmgard F. Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen vor.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Im Itzehoer Verfahren erklärt ein Experte, dass über ihren Schreibtisch wohl auch Exekutionen und Deportationen gingen.

Von Peter Burghardt, Itzehoe

Das Verfahren gegen die KZ-Sekretärin kommt schleppend voran, aber ganz langsam wird die einstige Rolle der Angeklagten greifbar. "Das Geschäftszimmer war die zentrale Drehscheibe", erläuterte am Dienstag, dem fünften Prozesstag am Landgericht Itzehoe, der Historiker Stefan Hördler. Er beschrieb die Aufgaben im Geschäftszimmer der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig, dort tat Irmgard F. von Juni 1943 bis April 1945 unter ihrem Mädchennamen D. als Stenotypistin für den Kommandanten Paul Werner Hoppe Dienst.

Seit Mitte Oktober wird mal jede Woche, mal jede zweite Woche gegen die 96-Jährige verhandelt, die Itzehoer Staatsanwaltschaft wirft ihr Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen vor. Es ist einer der letzten NS-Prozesse und der erste gegen eine damalige Zivilistin, die seinerzeit 18- und am Ende 19-Jährige tippte für Hoppe. Die Aufgabe von Stenotypistinnen sei es gewesen, "dem Chef in die Hand zu arbeiten", hatte der Sachverständige Hördler bereits vor einer Woche erklärt. Er beschreibt seit mehreren Sitzungen das KZ-System und speziell, wie angesichts an andere Stellen abkommandierter Männer auch immer mehr Frauen angeworben wurden. Beworben hatten sie sich in der Regel selbst.

Über den Schreibtisch im Sekretariat der sogenannten Abteilung 1 der Stutthofer KZ-Kommandantur gingen demnach offenbar auch Befehle von Exekutionen und Fernschreiben über Deportationen aus Warschau nach Stutthof oder aus Stutthof nach Auschwitz-Birkenau. Im dortigen Vernichtungslager wurden allein im Sommer 1944 binnen kurzer Zeit 1100 jüdische Frauen und Kinder aus Stutthof ermordet. In jenem Jahr nahmen die gezielten Massentötungen zu. Das KZ Stutthof wurde Drehkreuz der Massentransporte von Gefangenen aus Ost und West, wo die Alliierten immer näher rückten.

Irmgard F. habe überwiegend dem Kommandanten Hoppe zugearbeitet, so Hördler, er hatte sein Büro gleich nebenan. Hördler zitierte auch eine Aussage ihres inzwischen verstorbenen Mannes, der ebenfalls im KZ Stutthof tätig gewesen war. "Meine Frau war Sekretärin und erste Stenotypistin im KZ Stutthof", so der SS-Scharführer Heinz Furchtsam, der später den Namen F. annahm. 1948 oder 1949 habe Hoppe die Familie F. in Schleswig besucht und soll zu seiner Frau Irmgard gesagt haben, "der F. wird doch nichts gegen mich unternehmen?"

KZ-Kommandant Hoppe kam nach drei Jahren Gefängnis wieder frei

Hoppe wurde 1957 wegen Beihilfe zum Mord zu neun Jahren Gefängnis verurteilt und kam nach drei Jahren wieder frei. Irmgard F. war davor und danach mehrfach Zeugin, allerdings können ihre damaligen Auskünfte wohl nicht mehr verwendet werden. Das beantragten ihre Verteidiger mit dem Argument, dass sie bei jenen Aussagen nicht wie jetzt Angeklagte gewesen sei. In Itzehoe sagt die Rentnerin aus dem Pflegeheim bisher nichts.

Das historische Gutachten wird nun unterbrochen, Überlebende sollen das Wort haben. Anfang Dezember wird der erste Nebenkläger als Zeuge erwartet, Josef Salomonovic aus Wien. Er war im Juni 1944 als kaum Sechsjähriger mit seinem Bruder und seinen Eltern über das Ghetto Litzmannstadt nach Auschwitz und danach nach Stutthof verschleppt worden, sein Vater wurde dort getötet. Für einen der späteren Gerichtstermine beantragen die Anwälte Thomas Walther und Hans-Jürgen Förster die Vernehmung ihres Mandanten Chaim Golani, 92, via Videoschalte aus Israel. Golani wurde von Ende August 1944 bis Ende September 1944 zur Sklavenarbeit im Krematorium des KZ Stutthof gezwungen. Er musste sortieren, was den Opfern abgenommen worden war. Er hörte, so seine Nebenklagevertreter, "die Schreie von Menschen vor ihrer Ermordung".

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