Streit ums Kirchenasyl "Dass so etwas in Deutschland möglich ist"

In Altötting ist Bruder Jeremias der wohl wichtigste Mensch für die Ariyayis. Der Kapuzinermönch betreut sie im Kirchenasyl, er sitzt mit am Tisch, als sie von ihrem Leben in Bulgarien erzählen: von einer Polizeistation, wo sie einen Tag lang ohne Essen und Zugang zu Toiletten verbracht hätten, ohne Rücksicht auf den Sohn. Er habe laut geschrien, getobt und in die Hose gemacht. Die Familie schildert die Zeit als einzigen Albtraum.

Bruder Jeremias hat schon diverse Kirchenasyle zu einem guten Ende gebracht, noch nie waren er und "seine" Schützlinge so am Ende ihrer Nerven wie jetzt. Als die Bitte der Familie Ariyayi ihn erreichte, wusste er, dass es sehr schwierig wird, wegen des Sohnes. "Wenn wir es nicht gemacht hätten, wer hätte es dann gemacht? Hätten wir sagen sollen, wir nehmen sie nicht?" fragt er. "Wir müssen uns zusammenreißen."

Kurz nachdem die Familie ins Kloster gezogen war, standen Polizisten vor ihrer bisherigen Unterkunft, um sie nach Bulgarien zu bringen. Bulgarien? "Das wäre wahrscheinlich der Tod für den Jungen", sagt Bruder Jeremias.

Ahoura Ariyayi, der junge Mann, kann nicht sprechen, sich kaum artikulieren, er darf keine Minute allein gelassen werden, ist ständig in Bewegung. Während des Gesprächs mit der SZ behütet ihn seine 16-jährige Schwester, oben, im Wohntrakt der Mönche, wo die Familie in zwei Zimmern lebt.

Bruder Jeremias holt ein ärztliches Attest aus einem Ordner. "Ahoura ist nicht steuerbar (. . .), ist rastlos, schmeißt Gegenstände", hat der Arzt notiert. "Extrem schwierig" sei es, den jungen Mann zu führen, er brauche "ständige Beaufsichtigung". Der Kapuziner legt das Schreiben des Asylbundesamtes daneben.

Absage per Textbaustein

Es lehnt darin ab, die Familie als Härtefall einzustufen, weder die Erfahrungen in Bulgarien noch die Behinderung zählen: "Nach eingehender Prüfung können keine besonderen Umstände des Einzelfalls und daraus resultierende Vollzugshindernisse zur Vermeidung von besonderen humanitären Härten zu Gunsten von Herrn Ariyayi und seiner Familie festgestellt werden", steht im zweiten Absatz. Es ist ein Textbaustein.

Der Staat widerspricht sich zudem selbst: Einerseits erklärt das Bamf, "Vulnerable", also besonders verletzliche und schutzbedürftige Menschen, würden nicht nach Bulgarien zurückgeschickt, wegen der mangelhaften Unterbringung dort; und das Verwaltungsgericht Ansbach stellt fest: "Als Behinderter gehört (Ahoura Ariyayi) zur besonders geschützten Gruppe der Vulnerabeln." Dennoch wollen ihn Gericht und Bamf nach Bulgarien abgeschoben haben.

Der Mutter kommen die Tränen, als sie überlegt, wie es weitergehen könnte. Bruder Jeremias ist wütend und traurig. Er versteht nicht, dass Deutschland der Familie nicht hilft, eindeutiger könne eine humanitäre Notlage ja nicht sein. "Dass so etwas in Deutschland möglich ist." Er fühle sich hilflos gegenüber dem Staat. "Diese Hilflosigkeit habe ich noch nie so stark gespürt wie jetzt."

Kirchenasyl

Ein Appell in größter Not

Kirchenasyl ist keine Zumutung für den Rechtsstaat. Kirchenasyl ist berechtigter Widerstand gegen die Unbarmherzigkeit des Staates. Die Demokratie braucht eine Zivilgesellschaft, die sich Kritik anmaßt und dem Staat zumutet, sich zu korrigieren.   Von Bernd Kastner