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Streit um deutsche Einheit:"Eine Vereinigung ist eben nicht, wenn man ein paar Millionen dranklatscht"

Beifall erhält Platzeck von der Linken, von Bodo Ramelow, der Fraktionschef im Thüringer Landtag ist und im Bundesvorstand sitzt. Ramelow sagte im Gespräch mit sueddeutsche.de, Platzeck habe eine "nüchterne Zustandsbeschreibung" abgeliefert. "Eine Vereinigung ist eben nicht, wenn man ein paar Millionen dranklatscht."

Gerade was gemeinsame Symbole angeht, habe man von Westseite "alles weggehauen", sagte Ramelow. Bei der Nationalhymne hätte es sogar die Möglichkeit gegeben, zum bestehenden Text noch den der DDR-Hymne ("Auferstanden aus Ruinen") oder die Kinderhymne von Bertold Brecht hinzuzufügen.

Es habe in Ostdeutschland Elemente gegeben, die auch Westdeutschland gutgetan hätten, sagte Ramelow und nannte als Beispiel Kindertagesstätten. Ramelow kritisierte, dass es 1990 keine - wie im Grundgesetz ursprünglich vorgesehen - neue Verfassung gegeben habe, über die die Deutschen hätten abstimmen können.

Mit seiner Kritik rede Platzeck nicht die deutsche Einheit schlecht, er mache lediglich auf eklatante Fehler und Fehlentwicklungen aufmerksam. Ramelow lobte in diesem Zusammenhang auch ostdeutsche CDU-Politiker, die sich kritisch differenziert zum Wiedervereinigungsprozess äußerten - wie den letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière.

Holger Zastrow: "Das ist billig und arm"

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hingegen rede alles schön, behauptete der Linken-Politiker. "Die Kanzlerin hat alles abgestreift, was sie an ihre eigene DDR-Vergangenheit erinnern könnte." Ramelow nannte es wichtig, dass sich die deutsche Politik vom "Einheitsgedösel" löst. Der Westen könne vom Osten mit seiner 20-jährigen Transformationserfahrung lernen.

Kritik an Platzecks Äußerungen kam aus Dresden. Holger Zastrow, FDP-Fraktionschef im Sächsischen Landtag, hält dessen Anwürfe für "abenteuerlich". Der Sozialdemokrat verkläre DDR-Vergangenheit und bleibe nicht bei der geschichtlichen Wahrheit, schimpfte der Sachse im Gespräch mit sueddeutsche.de: "Platzecks Jammerei geht mir ziemlich auf den Geist".

Der Beitritt der DDR zur alten Bundesrepublik sei "geschichtlich einmalig und alternativlos" gewesen. Die Solidarität eines Landesteils für den anderen ebenso. Zastrow räumte ein, dass bei der Vereinigung "nicht alles optimal gelaufen" sei, er sprach von "persönlichen Dramen" und vielen "zerplatzten Träumen". Allerdings habe sich erst nach der Wende offenbart , wie schlecht es um die DDR wirklich stand, sagte Zastrow. Auch sei 1990 ein westdeutsches System übernommen wurden, das in Teilen schon damals "reformbedürftig" gewesen sei.

Für den Umstand, dass so wenige Elemente aus der DDR ins vereinte Deutschland übernommen wurde, sieht der Liberale einen einfachen Grund: Der sozialistische Staat sei weder "wirtschaftlich, noch gesellschaftspolitisch, noch moralisch besser gewesen" als Westdeutschland. Auch Platzecks Kritik an der Übernahme der Hymne kann Zastrow nicht verstehen: Schließlich sei das Deutschlandlied bereits zu Zeiten der Weimarer Republik eingeführt worden, lange vor der Teilung.

Zastrow pries die Aufbauleistung in Ostdeutschland, er mache im Jahre 20 nach der Einheit tatsächlich "blühende Landschaften aus." Der Freidemokrat nannte die Menschen in den neuen Bundesländern "hungrig und flexibel", man habe ein moderneres Familienbild als im Westen und verfüge über eine Gründer-Generation, nicht über eine Erben-Generation.

"Respekt schafft man durch Leistung und nicht durch Jammern", sagte der Sachse Zastrow noch mit Blick auf den Brandenburger Platzeck. "Respekt einzufordern, wie der das tut, ist billig und arm."