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Streikkultur in Frankreich:"Wir Franzosen haben eine revolutionäre Tradition"

Streiks in Frankreich

Protest auf dem Boulevard: Demonstration gegen die Rentenreform in Paris.

(Foto: Thibault Camus/dpa)

Warum streiken die Franzosen so oft und so lange? Und warum sind die Bürger trotzdem solidarisch? Streikexperte Stéphane Sirot gibt Antworten.

Seit mehr als zwei Monaten wird gegen die Rentenreform von Präsident Emmanuel Macron demonstriert, Frankreich dadurch zunehmend gelähmt. Stéphane Sirot, Streikexperte und Professor für Sozialgeschichte, erklärt, warum der Protest in Frankreich so wichtig ist. Sirot lehrt Moderne Geschichte an der Universität von Cergy-Pontoise bei Paris.

SZ: Herr Sirot, warum gehen so viele Menschen gegen die Reform auf die Straße?

Stéphane Sirot: Weil jeder davon betroffen ist. Wir sprechen hier von einer "universellen Reform". Diese verändert das Rentensystem grundlegend und trägt sehr viele Einschränkungen mit sich. Alle, die ab 1975 geboren wurden, sind betroffen. Das ist der Grund, warum es solch eine starke Unterstützung in der öffentlichen Meinung gibt. Die Streikenden kommen aus dem öffentlichen Sektor, es sind unter anderem die Lokführer und Metrofahrer. Aber in den letzten Wochen kamen auch Feuerwehrleute, Anwälte und zwischenzeitig die Müllabfuhr dazu.

Wie wirken sich die Streiks auf den Alltag der Franzosen aus?

Sie betreffen ja hauptsächlich die öffentlichen Verkehrsmittel. Dadurch sind logischerweise sehr viele Franzosen betroffen, vor allem im Großraum Paris. Es war und ist immer noch schwierig, da es einen Streik der RATP, der Pariser Verkehrsbetriebe, gab, der noch weiter ging als bei der Bahngesellschaft SNCF. Für mehrere Wochen waren die meisten Metrolinien komplett geschlossen. Und wenn eine mal geöffnet war, dann nur für einen kurzen Teil des Tages, auf einem Abschnitt der Strecke. Die Stadt war also wirklich mehrere Wochen lang gelähmt. Die Atmosphäre ist angespannt. Mittlerweile wurde die Arbeit teilweise wieder aufgenommen, aber es kommt immer wieder zu Unterbrechungen. Der Wunsch nach einem Ende der Streiks besteht, viele möchten zur Normalität zurückkehren.

In Deutschland wird gewöhnlich gestreikt, wenn die Gespräche zwischen den Tarifpartnern schon gescheitert sind.

Wenn man Frankreich und Deutschland vergleicht, fällt auf, dass wir historisch einen ganz anderen Ansatz haben. Das Arbeitsrecht wurde seit der Französischen Revolution von 1789 stark vom Staat selbst reguliert, nicht durch Branchenabkommen oder Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Also haben Gewerkschaften ein System der sozialen Regulierung entwickelt, zu dem der Konflikt gehört. Es ist üblich, erst den Affront zu suchen und dann zu verhandeln. Eine Tarifautonomie wie bei Ihnen haben wir nicht, auch keine Friedenspflicht. Seit den 80er-Jahren haben private Unternehmen einen Dialog zu Gewerkschaften aufgebaut. Es gibt kollektive Verhandlungen, aber wir sind noch weit vom deutschen Modell entfernt.

In Deutschland hat man den Eindruck, die Franzosen streikten oft und gerne. Machen Ihre Landsleute einfach gerne ein bisschen Revolution?

"Gerne streiken" ist vielleicht übertrieben. Immerhin bedeutet Streik hier auch Gehaltsverlust. Auf der anderen Seite stimmt es, dass wir Franzosen in gewisser Weise eine revolutionäre Tradition haben und in einem Land leben, in dem die Bürger sehr politisiert sind. Durch das ganze 19. Jahrhundert ziehen sich massive Streikwellen, bis in das 20. Jahrhundert hinein. Man denke an die Front-Populaire-Bewegung von 1936 oder an 1968, wo es auch um ökonomische Forderungen ging. Das geht auf die Regelung über den Konflikt zurück.

Gibt es Solidarität in der Gesellschaft für die Streikenden?

Viele sympathisieren mit den Streikenden. Bei uns gibt es das Phänomen der "Vollmacht zum Streik". Viele Franzosen, die zum Beispiel mit der Rentenreform nicht einverstanden sind, sprechen ihre Unterstützung für die Bewegung aus. Wenn ich also selber nicht streiken möchte, weil ich die beruflichen oder finanziellen Risiken zu hoch finde, gebe ich sozusagen meine Vollmacht jemand anderem, dessen Protest sich auch bemerkbar macht. Gerade sehen wir im Streik gegen die Rentenreform eine große Spendenbereitschaft der Bevölkerung, die bis Ende Januar fast drei Millionen Euro in die Streikkassen gezahlt hat. Das hat eine große symbolische Bedeutung, auch wenn es pro Kopf nicht sehr viel ist.

Stéphane Sirot, Experte für Gewerkschafts- und Streikgeschichte.

(Foto: privat)

War die französische Streikkultur schon immer von Gewalt geprägt?

In der Vergangenheit war Gewalt ein üblicher Begleiter sozialer Protestbewegungen, da müssen Sie nur in die Geschichte schauen. In den 80er- und 90er-Jahren waren die Demonstrationen der Streikenden recht brav, ritualisiert, organisiert von den Gewerkschaften. Seit 15 Jahren können wir einen Wandel beobachten: Es gibt häufig fast schon systematisch gewaltvolle Ausschreitungen im Rahmen sozialer Proteste. Dies sind meist Leute, die nichts mit dem Streik zu tun haben, sondern sich der Masse anschließen. Sie nutzen die Gelegenheit, um Zerstörung anzurichten.

Wird die Zukunft der Streikkultur anders aussehen als heute?

Die Bewegung gegen die Rentenreform hat anstatt von Aktionstagen, an denen nur für 24 Stunden gestreikt wird, nun zu verlängerbaren Streiks aufgerufen. Alles zieht sich also in die Länge, und auch die Beteiligung am Konflikt wächst dadurch. Gleichzeitig sieht man das Engagement in den Generalversammlungen. Die Streikenden wollen an der Organisation des Ganzen beteiligt sein. Letztes Jahr konnten wir diesen Trend bei den "Gilets Jaunes", der Gelbwestenbewegung, beobachten. Sie haben sich hauptsächlich selbst organisiert.

In Zukunft werden wir wohl zwei Modelle beobachten können: Zum einen den gewerkschaftlich organisierten Streik, wie man ihn kennt. Zum anderen werden wir von Zeit zu Zeit Bewegungen vom Typ der Gelbwesten sehen, wenn auch nicht mit derselben Agenda. Soziale Netzwerke spielen eine entscheidende Rolle. So erreichen die selbst organisierten Bewegungen mehr Menschen.

© SZ.de/kit
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