Sri Lanka:"Wenn wir jetzt nichts tun, sterben sehr bald sehr viele Menschen"

Sri Lanka: Proteste in Colombo gegen Sri Lankas Präsident Gotabaya Rajapaksa, dem viele die Schuld an der dramatischen Wirtschaftskrise im Land geben.

Proteste in Colombo gegen Sri Lankas Präsident Gotabaya Rajapaksa, dem viele die Schuld an der dramatischen Wirtschaftskrise im Land geben.

(Foto: AFP)

Sri Lanka trudelt dem Bankrott entgegen, im ganzen Land wird gegen Präsident Gotabaya Rajapaksa demonstriert, doch der hat sich eingebunkert. Wie kann es für den Inselstaat weitergehen, der dringend auf Hilfe von außen angewiesen ist?

Von David Pfeifer, Colombo

Gota will nicht gehen. Dabei sind die Zeichen wirklich eindeutig, "Gota Go Home" steht auf vielen Schildern, die Demonstranten am Freitagabend wütend in die Luft recken, vor der Residenz des Präsidenten von Sri Lanka, Gotabaya Rajapaksa. Dazu rufen sie "Gota - Hora" auf Singhalesisch, "Gota - Dieb". Als das Licht abgeschaltet wird, um kurz nach 20 Uhr, werden sie noch lauter, um sie herum liegt die Fünf-Millionen-Metropole Colombo im Dunkeln. Es gibt kaum ein stärkeres Symbol für die Pleite. Dem Land ist der Saft ausgegangen.

"Wir haben es aufgegeben, uns an die Regierung zu wenden" sagt Dr. Vasan Ratnasingam, 37, Sprecher der Vereinigten Ärzte-Organisation auf Sri Lanka, "wir brauchen jetzt Hilfe, von Ärzten im Ausland, von Auswanderern, die spenden." Ratnasingam steht etwa 20 000 Medizinern im Land vor, sein Büro ist in einem schmucklosen Haus in einem Wohnviertel untergebracht. Ein Ventilator wimmert leise, während er die heiße Luft umschichtet. Es ist Samstagmittag, aber frei hat der Kinder-Chirurg derzeit nie, "es fehlen heute schon die Medikamente für Herzinfarkt-Patienten" erklärt er. Auch Insulin und andere Medikamente, auf die Kranke regelmäßig angewiesen sind, haben sich um 30 bis 40 Prozent verteuert, "bald werden wir gar keine mehr bekommen." Zwischendurch muss Ratnasingam immer wieder an sein Smartphone gehen. Mal ruft das Krankenhaus an, weil sein Rat gebraucht wird. Dann wieder ist eine Hilfsorganisation dran, die fragt, wie und was man spenden kann. "Bitte schickt Medikamente, schickt Material, schickt kein Geld. Wir wissen nicht, wo das landet."

Die Stromausfälle, der Treibstoff-Mangel, die Schlangen vor den Tankstellen, all das ging in den vergangenen Tagen durch die Presse, aber die eigentliche Katastrophe türmt sich dahinter auf, in den Arzt-Praxen und Krankenhäusern im ganzen Land. "Wir haben Covid überstanden, ohne dass das Gesundheits-System zusammengebrochen ist. Wir sind stolz auf unsere qualifizierten Ärzte. Die Sterblichkeitsrate bei Säuglingen ist mit der in Europa und den USA zu vergleichen. Aber wenn wir jetzt nichts tun, dann sterben hier sehr bald sehr viele Menschen, weil die Regierung versagt hat und das nun bemänteln will."

Spitzenposten für die Präsidentenfamilie

Die Ärzte-Organisation ist eine sehr mächtige Vereinigung in Sri Lanka. Doch als Vasan Ratnasingam sich in der vergangenen Woche an das Gesundheits-Ministerium wenden wollte, um zu warnen, hat er nicht einmal eine Antwort bekommen. 41 Mitglieder der alten Regierung sind in der vergangenen Woche aus der Koalition ausgetreten, der Finanzminister wurde innerhalb einer Woche zwei Mal ausgetauscht. Tatsächlich weiß derzeit niemand, ob es noch einen aktiven Gesundheitsminister in Sri Lanka gibt. Nur Präsident Rajapaksa klammert sich weiter an die Macht.

Seit 2019 regiert Gotabaya Rajapaksa, 72, den alle nur Gota nennen, das Land. Nach seiner Wahl hatte er die Macht bei sich und seinen Verwandten konzentriert. Sein Bruder, der ehemalige Präsident Mahinda Rajapaksa, wurde zum Premierminister gewählt. Fünf weitere Familienmitglieder erhielten hochrangige Posten, darunter Chamal Rajapaksa, der das Bewässerungsministerium übernahm. Sein Neffe Namal Rajapaksa wurde Sportminister, ist aber, genau wie der Finanzminister, Basil Rajapaksa, vergangene Woche zurückgetreten.

Am Samstag wird wieder demonstriert, diesmal am Galle Face Green, der Uferpromenade von Colombo. Um die Proteste zu ersticken, hatte die Regierung am letzten Wochenende noch den Notstand erklärt, Demonstrierende wurden mit Wasserwerfern und Tränengas auseinandergetrieben, Aktivisten und Journalisten verhaftet.

Hunderte Demonstrationen im ganzen Land

"Diese Menschen berauben unser Land seit der Unabhängigkeit 1948" schreit Lahiru Weerasekara, 32, durch die Kakophonie der Hupen und Anti-Gota-Gesänge. Weeresekara ist ein Künstler der sich nun politisch engagiert, in der noch kleinen Grünen-Partei. "225 gegen 22 Millionen" ist das Motto der großen Demonstration, 225 Parlamentarier gegen 22 Millionen Einwohner. Weerasekara und seine Gruppe, die vorwiegend aus Malern, Musikern und Schauspielern besteht, haben sich weiße Streifen unter die Augen gemalt, als Symbol für Erleuchtung, "die müssen alle zurücktreten" sagt er, "wir, das Volk, müssen die Macht an uns nehmen." Die meisten der etwa 2000 Protestierenden hier sind so jung wie er oder jünger. Es sind vorwiegend Studenten, das kann man an ihren T-Shirts ablesen, "Gaming is not a crime" haben die Informatiker draufgedruckt. Dass die Demos verboten wurden, kümmert sie nicht, dass es nun zu nieseln beginnt, noch weniger. Die Wut hält sie wach. Sie bleiben die ganze Nacht auf der Uferpromenade, auch wenn die Gruppe am Sonntagmorgen kleingeregnet wurde.

Mehr als 300 kleine Demonstrationen gibt es jetzt täglich im ganzen Land. Manche klein, manche groß, alle miteinander abgestimmt. Noch vor wenigen Monaten wäre eine solche Herausforderung für das Rajapaksa-Regime undenkbar gewesen, der Präsident stieß in der buddhistischen singhalesischen Bevölkerungsmehrheit auf breite Unterstützung. Gotabaya Rajapaksa hat seine Wähler 2019 motiviert, indem er klarmachte, dass er sie, die Mehrheit, besser behandeln würde als die Tamilen oder Moslems. So wie das auch andere Populisten überall auf der Welt tun.

Dann kam die Pandemie und vergrößerte seine Fehlentscheidungen ins Absurde. Eine Steuersenkung, die den Wählern versprochen worden war, sollte den Handel ankurbeln, doch die Lockdowns würgten ihn ab. Eine Agrarreform trieb die Lebensmittelpreise in die Höhe. Der Tourismus brach ein, der Export ebenso. Die Arbeiter im Ausland konnten kein Geld mehr nach Hause schicken. Nun ist der Staat quasi zahlungsunfähig.

Die Rupie Sri Lankas stürzt immer weiter ab

Doch trotz des wachsenden öffentlichen Ärgers und der Rücktrittsforderungen, sogar von ehemaligen Mitgliedern seiner eigenen Regierungskoalition, machte Gotabaya Rajapaksa Ende vergangener Woche noch einmal deutlich, dass er nicht die Absicht habe, zurückzutreten. In einer Parlamentsdebatte betonte er, dass die Krise nicht seine Schuld, sondern auf globale Faktoren zurückzuführen sei, auf die er keinen Einfluss habe. "Das ist erst der Anfang" mahnte hingegen Parlamentssprecher Mahinda Yapa Abeywardena. "Die Essens-, Gas,- und Elektrizitäts-Knappheit wird schlimmer werden. Es wird akute Lebensmittelnot und Hunger geben." Die Rupie Sri Lankas stürzt immer weiter ab und hat sich laut der Nachrichtenagentur Reuters zur Währung entwickelt, die derzeit weltweit am schlechtesten bewertet wird. Staatsanleihen in Dollar fallen, und der Aktienmarkt sackt jeden Tag, den die Börse öffnet, um weitere Prozentpunkte ab.

Mittlerweile rufen sogar die buddhistischen Mönche, bisher Kernzielgruppe der Rajapaksa-Propaganda, auf den Demonstrationen dazu auf, den Präsidenten nicht mehr zu unterstützen. So auch am Wochenende wieder. Am Hafen, der direkt hinter dem Galle Face Green beginnt, sind die Zufahrten stark gesichert. 37 000 Tonnen Diesel kamen am Donnerstag und Freitag aus Indien an. Die Kreditlinie war kurzfristig erweitert worden, damit die akute Notlage beendet werden kann. Doch der Treibstoff reicht nur bis Ende April, wenn überhaupt.

Polizisten und Soldaten sichern die Tankstelle

An der "Lanka Filling Station" in Borella, dem größten Vorort Colombos, stauen sich Busse, Diesel-Geländewagen und sogar ein großer Traktor in der Hitze. Sie stehen die Straße entlang, um die nächste Kurve, immer weiter, so weit man sehen kann. In der Tankstelle ist gerade ein Tanklaster angekommen, der seine Lieferung abpumpt. Die Schlange rückt Fahrzeug für Fahrzeug vor, die Fahrer haben Stunden gewartet. Zwei Polizisten überwachen, dass es nicht zu Streitereien kommt. Wer war zuerst dran, wie viele Extra-Kanister darf jeder zum vollen Tank befüllen?

Plastik-Reserve-Kanister stapeln sich neben den Fahrzeugen. "Es bekommt jeder so viel, wie er mag" sagt der Tankstellenbetreiber, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Doch die 6600 Liter, die er geliefert bekommen hat, sind in zwei Stunden weg. "Früher hat das einen Monat gehalten." Er sitzt in einem vergitterten Verschlag in seiner Tankstelle und macht die Abrechnung. Zwei Soldaten mit Maschinengewehr stehen daneben und sorgen dafür, dass alles friedlich bleibt. Die Menschen haben angefangen zu bunkern, sie glauben nicht daran, dass es mit Gotabaya Rajapaksa noch besser werden kann.

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