Spionage-Skandal Snowden in Moskau gelandet

Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden hat nach Medienberichten Hongkong verlassen und ist mittlerweile in Moskau gelandet. Wie russische Medien spekulieren, will der Enthüller der Spähprogramme Prism und Tempora nun Asyl in Venezuela suchen. In den USA löst die Ausreise Empörung aus.

Der von den USA gesuchte Informant Edward Snowden ist an Bord einer Maschine der russischen Fluggesellschaft Aeroflot in Moskau gelandet. Das Flugzeug sei auf dem großen Hauptstadt-Airport Scheremetjewo angekommen, teilte der Flughafen mit. Russische Medien berichteten von zahlreichen Reportern in der Ankunftshalle. Doch Moskau ist wohl nur ein Zwischenstopp für den 30-Jährigen.

Russische Medien berichteten, der US-Bürger suche Asyl in Venezuela und nutze Moskau nur als Transitstation. Das russische Außenministerium teilte mit, dass Snowdens Pläne unbekannt seien. "Wir klären die Situation. Nach einigen Angaben könnte Snowden Moskau als Transitpunkt benutzen", sagte ein Sprecher der Agentur Interfax.

Von Moskau aus werde er dann zu einem dritten Ziel weiterreisen, berichtete die Zeitung South China Morning Post auf ihrer Website. Sein Ziel könnte demzufolge Ecuador oder Island sein.

Auf seinem Flug wurde Snowden nach Angaben der Enthüllungsplattform Wikileaks von Diplomaten begleitet. Deren Nationalität nannte Wikileaks nicht. In einer Erklärung der vom Australier Julian Assange gegründeten Plattform hieß es weiter, auch juristische Berater von Wikileaks hätten sich in dem Flugzeug befunden.

Ein chinesischer Regierungssprecher sagte, Snowden habe Hongkong freiwillig verlassen. Der jüngst eingegangene Auslieferungsantrag der USA entspreche überdies nicht vollständig den rechtlichen Anforderungen. Am vergangenen Freitag hatte die US-Justiz den in Hongkong untergetauchten Snowden offiziell der Spionage beschuldigt und einen Haftbefehl ausgestellt.

In den USA löst die abenteuerliche Ausreise Empörung aus. Der einflussreiche demokratische Senator Chuck Schumer drohte Moskau, dies werde "ernste Konsequenzen" für die russisch-amerikanischen Beziehungen haben. Russlands Präsident Wladimir Putin müsse von der Aktion gewusst haben, sagte er dem TV-Sender CNN. Es scheine, als wolle "Russland den USA Knüppel zwischen die Beine werfen". Er gehe davon aus, dass sich Washington in Moskau um eine Auslieferung Snowdens bemühe.

Geheimdienstchef General Keith Alexander von der National Security Agency (NSA) kündigte verstärkte Sicherheitsmaßnahmen an. Die Arbeitsabläufe würden gründlich überprüft, um Computerexperten wie Snowden künftig besser überwachen zu können, sagte Alexander dem Fernsehsender ABC. Snowden habe "einige unserer Geheimnisse gestohlen."

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Am Sonntag wurde außerdem bekannt, dass der US-Geheimdienst NSA Millionen chinesischer Mobilfunknachrichten sowie wichtige Datenübertragungsleitungen der Tsinghua-Universität in Peking ausspioniert haben soll. Wie Snowden in einem Interview der Hongkonger Zeitung South China Morning Post berichtete, soll der Abhördienst Mobilfunkanbieter in China angegriffen haben, um SMS-Kurznachrichten abzufangen. Im vergangenen Jahr wurden nach offiziellen Angaben fast 900 Milliarden SMS in China verschickt.

Snowden berichtet außerdem detailliert über weiter Angriffsziele der NSA. So soll der Geheimdienst unter anderem renommierte Universitäten in China sowie Pacnet angegriffen haben.

Mit den Angriffen auf die Tsinghua-Universität in Peking zielte der Abhördienst offenbar auf eines der sechs großen Netzwerke des Landes ab. Es war einst das erste Internet-Netzwerk in China und hat sich zum größten Forschungsnetz entwickelt. Bei dem jüngsten Angriff im Januar seien allein an einem Tag mindestens 63 Computer und Server der Universität gehackt worden, berichtete Snowden. Er beschrieb die Angriffe als umfassend und intensiv.

Zuvor hatte der Ex-Geheimdienstmitarbeiter schon enthüllt, dass auch die chinesische Universität in Hongkong angegriffen worden sei, die die Zentrale des Internetverkehrs in der Hafenmetropole ist.

Außerdem sagt er, dass es 2009 Angriffe auf Computer von Pacnet in Hongkong gegeben habe. Pacnet ist Betreiber eines der größten Glasfasernetze in der Asien-Pazifik-Region und wickelt auch Internetverkehr mit den USA ab. Diese Angriffe seien aber eingestellt worden.