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SPD:Kein SPD-Wahlkampf wäre ohne Jusos denkbar

Christa Becker-Littau hält das für ausgeschlossen. Die Geschäftsführerin der Dortmunder SPD sitzt an einem Abend dieser Woche mit acht weiteren Genossen in einem halbdunklen Theatersaal in der Dortmunder Nordstadt und hält die flache Hand zehn Zentimeter über den Tisch. Bei ihr im Parteibüro, sagt sie, liege "so ein Stapel von Papieren". Alles präventive Austrittserklärungen für den Fall, dass nun doch die große Koalition wiederkäme. "Wenn Ihr das macht, kannste uns gleich abmelden", hätten die Genossen gesagt.

Dortmund, das ist jene Stadt, die der legendäre Fraktionschef Wehner einst zur "Herzkammer der SPD" verklärte. Und ein bisschen ist sie das noch immer, seit mehr als 70 Jahren regieren die Sozialdemokraten hier. Doch von der Macht in Berlin will hier am Tisch niemand etwas wissen. "Nie wieder Groko", das sei am 24. September bei der Wahlparty im Rathaus die Gefühlslage der Genossen gewesen, sagt Unterbezirkschefin Nadja Lüders. "Erleichtert" seien alle gewesen, als Martin Schulz den Gang in die Opposition verkündete. Appelle an "die Staatsverantwortung", also Plädoyers für die große Koalition, habe sie in den letzten Tagen nur von wenigen Mitgliedern gehört. Ganze drei seien es gewesen.

Keiner hier am Tisch will noch einmal mit Merkel. Kopfschütteln, unisono. Warum genau? Zum einen, sagt einer, sei da "die Angst vor dem Untergang", der nach einem weiteren schwarz-roten Bündnis drohen könnte. Zum anderen sei es "eine Frage der Haltung", Widerstand zu leisten. Es werde Zeit, Nein zu Merkel zu sagen. Sonst, so pflichtet ein Stadtbezirkschef aus dem Dortmunder Norden bei, "finden wir niemanden mehr, der beim nächsten Wahlkampf noch mitmacht."

Kein SPD-Wahlkampf wäre ohne Jusos denkbar. Der Parteinachwuchs klebt Plakate, stellt sich in Fußgängerzonen, klingelt an Haustüren. Am vergangenen Wochenende aber, bei ihrem Bundeskongress, knallten die Jusos die Tür schon mal präventiv zu. Die große Koalition sei "ganz großer Mist", rief der neue Juso-Chef Kevin Kühnert unter Beifall. An dieser Haltung dürfte sich nicht mehr viel ändern.

Andererseits waren die Jusos auch 2013 schon dagegen. Am Ende setzten sich die Befürworter durch. Zu ihnen zählt dieser Tage auch der Genosse Hans Eichel.

Hans Eichel wird am 24. Dezember 76 Jahre alt, fast sein ganzes erwachsenes Leben hat er in und mit der SPD verbracht. In der rot-grünen Bundesregierung von Gerhard Schröder war er Finanzminister, und er ist kein Freund großer Koalitionen. Aber jetzt, sagt er, müssten sich Rote und Schwarze zusammentun in Berlin. Warum? "Wegen Europa. Denn sonst geht die Währungsunion kaputt." Nur SPD und Union gemeinsam hätten die politische Kraft, mit Frankreich einen Weg zur Stabilisierung der Euro-Zone zu finden. Ein Jahr, viel mehr Zeit bleibe nicht. Von einer Minderheitsregierung hält er übrigens nichts.

"Es geht beides, erneuern und regieren"

Aber was ist mit dem Widerstand? Mit den vielen Mitgliedern, die eine neue große Koalition ablehnen? Die könne und müsse man überzeugen, sagt Eichel. Und die These, die SPD könne sich nur in der Opposition erneuern? Davon will Eichel nichts hören, schließlich habe man zwischen 2009 und 2013 in der Opposition gesessen. Die große Erneuerung sei bekanntlich ausgeblieben. "Es geht beides, erneuern und regieren", sagt Eichel. Außerdem gehöre "die Konzentration auf große Zukunftsfragen wie etwa Europa" ohnehin zwingend zur Erneuerung. Und dann macht Eichel noch einen Vorschlag, wie man die widerstrebende Basis überzeugen könnte. "Man muss ja keine Koalition auf ganze vier Jahre vereinbaren. Zwei vielleicht. Und dann wird neu gewählt."

Für einen wie Eichel ist das eine geradezu verwegene Idee. Man wird in den nächsten Wochen und Monaten wohl noch viele verwegene, überraschende, auch seltsame Ideen aus der SPD hören. Die Debatte wird weitergehen. Die Frage ist, wie viel diese Debatte eigentlich noch mit dem Leben zu tun hat, das draußen im Land weitergeht.

So wie in Grimma. Dort steht am Montagabend in der Mitte des Rathaussaals der einstige Küchentisch von Martin Dulig. Sachsens SPD-Chef tourt damit seit einigen Jahren durchs Hinterland, um mit der eher schmalen Parteibasis über dies und jenes zu diskutieren. Dies, das könne die schwierige Situation in Berlin sein, sagt die Moderatorin zu Beginn des Abends. Und jenes, das könne auch die Frage sein, "ob der Bus hier fährt".

In den folgenden gut zwei Stunden geht es dann wirklich um vieles. Um die Frage, warum Sachsen zwar wegen Lehrermangels Hinz und Kunz als Seiteneinsteiger an die Schulen holen will, nicht aber eine Frau, die in Syrien tatsächlich unterrichtet hat. Um den Verdacht, dass eine Wachpolizei die Sehnsucht nach mehr auch nur gefühlter Sicherheit nicht stillen wird. Es geht um die Gegenwarts- und Zukunftsfestigkeit der Braunkohle, um ungerechte Ostrenten und unbearbeitete Akten der Treuhand. Und es geht nicht, in keiner Minute: Um die großen Berliner Fragen. Da ist keine Zerrissenheit, kein Streit, da ist offenbar noch nicht einmal Desinteresse. Hinter den vielen lebenspraktischen Fragen bleibt das Ringen im Bund unsichtbar.

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