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Corona-Pandemie:Spanien wird zum Land der Düsternis

Die Menschen fühlen sich alleingelassen im Kampf gegen das Virus, das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen sinkt dramatisch. Der einzige Lichtblick: Europa.

Kommentar von Karin Janker

Mediziner sprechen von einer Superinfektion, wenn ein Patient nach einem Virus noch zusätzlich an weiteren Infektionen erkrankt. Spanien droht ein solcher Patient zu werden. Die Corona-Krise wächst sich gerade zur Wirtschafts- und Staatskrise aus. Dabei erweisen sich Regionalismus und die traditionelle Unversöhnlichkeit zwischen Sozialisten und Konservativen als die schlimmsten Hürden für die Bekämpfung des Coronavirus.

Die Polarisierung der politischen Lager - in Spanien schon immer deutlich spürbar - entfaltet in diesem verletzlichen Moment ihre destruktive Kraft und macht Spanien besonders anfällig für die Pandemie.

Seit Wochen meldet Spanien mit die höchsten Fallzahlen in Europa. Die jüngsten Todeszahlen erreichen das Niveau vom April, als Spanien neben Italien am stärksten betroffen war. Doch während Italien inzwischen als Positivbeispiel für die Eindämmung von Sars-CoV-2 gilt, warnen Spaniens Ärzte erneut vor dem Kollaps.

Doch es ist nicht nur die massive Überforderung des Gesundheitssystems, die diese Stunde zu einer der dunkelsten in der jüngeren spanischen Geschichte macht. Der Internationale Währungsfonds erwartet einen Einbruch des spanischen Bruttoinlandsprodukts von 12,8 Prozent für 2020. Prognostiziert wird die schlimmste Rezession seit dem Ende des Bürgerkrieges.

Hinter den Zahlen liegen Schicksale: Ein Viertel der Angestellten in Spanien ist befristet beschäftigt, Schwarzarbeit ist nach wie vor weit verbreitet. Diese Menschen haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld, sie sind bereits jetzt am Limit.

Hinzu kommt die Abhängigkeit vom Tourismus, an dem knapp 13 Prozent der Arbeitsplätze hängen. In den vergangenen Monaten ist der Fremdenverkehr quasi komplett weggebrochen. Viele Kellner und Zimmermädchen leben im Winter von dem, was sie im Sommer verdient haben. Wovon werden sie diesen Winter leben? Viele befürchten, dass die Krise noch schlimmer wird als jene 2013, auf deren Höhepunkt die Arbeitslosigkeit bei 27 Prozent lag. Spanien droht erneut zum europäischen Patienten zu werden.

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Es liegt daher nahe, dass Ministerpräsident Pedro Sánchez seine Hoffnungen auf ein Gegenmittel aus Brüssel richtet. An diesem Mittwoch hat Sánchez erklärt, wie er die 140 Milliarden Beihilfen und Kredite der EU ausgeben will. Er nennt es einen "Genesungsplan" für Spanien. Treffender wäre allerdings "Notfallspritze", denn genesen wird das Land so schnell nicht.

Vor allem nicht von der dritten Krise, deren Beginn sich gerade abzeichnet: Spanien erlebt einen dramatischen Verlust des Vertrauens in Politik und Institutionen. Die Hälfte der Wähler ist der Meinung, die Regierung mache ihren Job schlechter als andere Regierungen. Im März dachten das nur 24 Prozent. Der Politikwissenschaftler Víctor Lapuente konstatiert wohl nicht zu Unrecht: "Spanien ist gefangen in einem Teufelskreis aus Bürgern, die den Regierenden misstrauen, und Regierenden, die den Bürgern misstrauen."

Zuspruch für die Rechten wächst

Während in anderen Ländern das Vertrauen in die gewählten Vertreter im Angesicht der Pandemie stieg, sinkt es in Spanien ins Bodenlose. 90 Prozent der Spanier glauben nicht, dass das Land auf die weiteren Monate der Pandemie vorbereitet ist. Die Menschen fühlen sich dem Virus mehr oder weniger ausgeliefert. 150 Wissenschaftler haben diesen Sommer gefordert, Spanien solle seine Maßnahmen zur Virusbekämpfung unabhängig überprüfen lassen. Passiert ist nichts.

Statt mit Entschiedenheit gegen das Virus vorzugehen, gehen Amtsträger auf ihre politischen Gegner los. Während im Nachbarland Portugal der Oppositionsführer dem Regierungschef seine "volle Zusammenarbeit" zusicherte und ihm Mut, Glück und gute Nerven wünschte, betreiben Sozialisten und Konservative in Madrid jeweils Fundamentalopposition. Die Folge ist weitgehende Bewegungslosigkeit. Im Kampf gegen das Virus, der ständige Anpassung verlangt, wirkt diese Selbstlähmung fatal. "Die Einigkeit aller Institutionen ist der Weg, das Virus zu besiegen", mahnte der Sozialminister der Region Madrid, ehe er frustriert zurücktrat.

Während die gewählten Vertreter mit sich selbst beschäftigt sind, wenden sich viele Menschen von ihnen ab. Analog zum sinkenden Vertrauen in die Institutionen steigt der Zuspruch für die rechtsextreme Partei Vox. In der jüngsten Umfrage legte Vox kräftig zu. Bislang galt Spanien als halbwegs gefeit gegen rechtsextreme Parteien, wie sie in Deutschland, Österreich oder Frankreich zum politischen Spektrum gehören. Mit dieser Immunität könnte es mitten in der Corona-Pandemie vorbei sein. Die Spaltung der Gesellschaft droht sich zu beschleunigen.

Einigkeit verspricht allein die Europäische Union. Sie ist die einzige Institution, der Umfragen zufolge fast alle Spanier zugewandt sind. Als Geldgeber ist die EU unverzichtbar für Spaniens Genesung - als gemeinsamer Horizont für Spaniens Zukunft aber auch.

© SZ vom 08.10.2020
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