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Serbien:Slawischer Bruderzwist

Vucic wirft Verbündetem Russland Spionage gegen Serbien vor

Spionage unter Freunden: Eigentlich haben der serbische Premier Vučić und Russlands Präsident Putin ein gutes Verhältnis - nun trübt eine Affäre die Stimmung.

(Foto: Darko Vojinovic/dpa)
  • In der Beziehung zu Moskau wird gern die slawische Bruderschaft betont.
  • Nun aber belastet eine Spionageaffäre die serbisch-russischen Beziehungen.
  • Auslöser ist ein im Internet anonym gepostetes Video.

Eine Spionageaffäre belastet die sonst so gut gepflegten serbisch-russischen Beziehungen. Auslöser ist ein im Internet anonym gepostetes Video, auf dem zu sehen ist, wie ein russischer Diplomat einem mutmaßlichen serbischen Offizier eine Plastiktüte mit Geld übergibt. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić sah sich daraufhin veranlasst, den Nationalen Sicherheitsrat einzuberufen. Nach einer zweistündigen Sitzung trat er vor die Presse. "Ich kann in all dem keine Logik erblicken", sagte er. "Serbien ist das einzige Land, das keine Sanktionen gegen Russland verhängt hat, nie gegen Russland gestimmt hat, nie etwas getan hat, um die Freundschaft mit Russland zu trüben." Sichtlich ratlos und verwundert fügte er an: "Deshalb frage ich die russischen Freunde, fragte ich heute den russischen Botschafter Bozon-Chartschenko: Warum?"

Die Affäre kommt Vučić äußerst ungelegen. Seit langem pflegt er eine Schaukelpolitik zwischen Russland und der EU, mit der Belgrad über einen Beitritt verhandelt. In der Beziehung zu Moskau wird gern die slawische Bruderschaft betont, doch es geht auch um ganz konkrete Interessen und Geschäfte. So unterstützt Moskau Belgrad dabei, die internationale Anerkennung der früheren serbischen Provinz Kosovo zu erschweren. Russland ist zentral für die Energieversorgung Serbiens, zudem werden immer wieder auch Waffengeschäfte abgewickelt. In Moskau war erst kürzlich ein Freihandelsabkommen zwischen Serbien und der von Russland geführten Eurasischen Wirtschaftsunion unterzeichnet worden.

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Mit Russlands Präsident Wladimir Putin unterhält Vučić eine jener politischen Männerfreundschaften unter Potentaten, die bei jeder Gelegenheit mit Pomp inszeniert werden. Bei Putins letztem Besuch in Belgrad zu Jahresbeginn säumten Tausende jubelnde Serben die Straßen. Nun droht die Spionageaffäre einen Schatten zu werfen auf die nächste Zusammenkunft der beiden, die am 4. Dezember in Sotschi stattfinden soll. Dort treffen sich Vučić und Putin bereits zum insgesamt 17. Mal.

Die russische Seite war deshalb sichtlich bemüht, den Vorfall herunterzuspielen. Das russische Außenministerium tat die Sache am Donnerstag als "Provokationsgeschichte" ab. Sprecherin Maria Sacharowa erklärte mit Blick auf den Termin in Sotschi, häufig gebe es vor solchen Gipfeltreffen "irgendwelchen interessanten Stoff, der als Sensation dargestellt wird". Aber dann vergehe einige Zeit, und alles werde dementiert oder stelle sich als "schnell fabrizierte Provokation" heraus. Nachdem das Video öffentlich wurde, beeilte sich auch Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow, die guten Beziehungen zwischen Russland und Serbien zu beschwören. Diese seien "derart stabil und brüderlich", dass sie durch nichts erschüttert werden könnten. Überhaupt: Was diesen Zwischenfall angehe, sei dem Kreml darüber nichts bekannt. "Das muss erst noch geklärt werden."

Das Video war am Sonntag von einer unbekannten Quelle auf Youtube veröffentlicht worden. Die Aufnahmen sind aus verschiedenen Winkeln und an unterschiedlichen Orten aufgenommen, was für eine größere Überwachungsaktion spricht. Mehre Szenen sind zusammengeschnitten: Zwei Männer treffen sich auf einem Parkplatz, trinken gemeinsam Bier in einem Pub, kommen später zu einem Auto, tauschen Plastiktüten aus. Der schmalere von ihnen, der später als russischer Agent identifiziert wird, bekommt eine rote, der andere eine weiße Tüte. Der mit der weißen Plastiktüte öffnete diese im Auto, auch das filmt die Kamera. Er holt eine Flasche, vermutlich mit Alkohol, und Geldscheine heraus.

Vučić identifizierte den Russen bei seinem Auftritt vor der Presse als Georgij Kleban. Der bulgarische Investigativjournalist Christo Grosew, der auch mit dem Recherchenetzwerk Bellingcat zusammenarbeitet, hatte zuvor bereits die Videoaufnahmen mit Fotos von offiziellen Auftritten Klebans verglichen und ihn schon am Sonntag über Twitter enttarnt. Kleban war Berichten zufolge bis Juni stellvertretender Militärattaché an der russischen Botschaft in Belgrad. Inzwischen ist er offenbar aus dem Land abgezogen worden.

Der serbische Geldempfänger ist namentlich nicht bekannt. Vučić nannte nur dessen Initialen Z. K. und dass es sich um einen serbischen Offizier im Ruhestand handele. Die serbischen Nachrichtendienste hätten wiederholt Kontakte Klebans zu serbischen Offiziellen registriert. Es gebe auch Beweise, dass Kleban ihnen dabei drei Mal Geld übergeben habe.

Vučić betonte, die serbischen Sicherheitsdienste hätten die nun im Internet veröffentlichten Aufnahmen nicht gemacht. Wer das Video gedreht und veröffentlicht hat, bleibt also fürs Erste im Dunkeln.

© SZ vom 23.11.2019/ick
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