bedeckt München 20°

Wahl in Schweden:"Schwedens Fettarme-Milch-Version von Donald Trump"

Natürlich liebt Åkesson weiterhin die Provokation. Wenn er heute über Einwanderung spricht, dann wettert er gegen Ausländer, die in Schweden die Scharia einführen wollen, gegen "Moschee-Komplexe", gegen Parallelgesellschaften, in denen Frauen unterdrückt und Kinder geschlagen werden. Im Fernsehen sagte er noch am Freitag vor der Wahl, Ausländer würden in Schweden Probleme haben, einen Job zu finden, "weil sie nicht schwedisch sind". Wer einwandert, der soll sich anpassen, bis er so ist, wie Åkesson sich typische Schweden vorstellt.

Aber neben der typischen Angst-Rhetorik und den Vorurteilen lässt er auch andere Töne einfließen. Das klingt zum Beispiel so: "Wir Schwedendemokraten sind nicht gegen Einwanderung." Einwanderung habe es schließlich in Schweden immer schon gegeben und meistens habe das gut geklappt. Die Szene spielt im Wahlkampf, Åkesson redet mit Freizeitsakko und Krawatte auf einem Platz in Helsingborg, Kaffeebecher in der linken Hand. Im Hintergrund steht Jonas Chongera, Åkessons "Sidekick", der ihn beim Straßenwahlkampf stets anmoderiert und mit Zwischenfragen unterstützt. Chongera, ebenfalls Kandidat der Schwedendemokraten, hat afrikanische Wurzeln, er ist mit neun Jahren aus dem Kongo eingewandert. "Ich glaube, es gibt hier keinen unter euch, der nicht eine enge Beziehung oder zumindest eine Bekanntschaft zu jemandem pflegt, der einen Migrationshintergrund hat und den man mag", sagt Åkesson. "Das kann ein Verwandter sein, der Pizzabäcker oder wer auch immer." Zustimmendes Gemurmel aus der Menge. Åkesson sagt auch, dass Einwanderer der Gesellschaft nützen, dass es auch unter einer Regierung mit Schwedendemokraten weiter Einwanderung geben werde. Und dann wird er lauter: "Aber wir wollen eine Einwanderung, die reguliert ist, und die nicht höher ist, als das, was wir bewältigen können." Lauter Applaus, Jubel.

Åkesson hat in den vergangenen Jahren gelernt, virtuos auf der Klaviatur der Populisten zu spielen. Er gibt Antworten auf alles, egal wie widersprüchlich sie am Ende sein mögen. Zum Beispiel beim großen Spitzenkandidaten-Interview im öffentlich-rechtlichen Sender SVT: Åkesson verspricht Steuersenkungen ("Da sind wir eher bei den konservativen Parteien"), ein paar Minuten später höhere Sozialleistungen ("In dieser Frage sind wir eher bei den Sozialdemokraten"). Er bezeichnet sich als Nationalisten, will aber die Klimapolitik global lösen. Er will aus der EU austreten, aber ohne den Handel mit den europäischen Nachbarn zu beschränken. Die Moderatoren wirken ein wenig hilflos angesichts der Masse an Aussagen, die nicht zusammenpassen, die sie eigentlich hinterfragen müssten.

Am Ende bleibt das Gefühl, gerade einer Art politischem Horoskop gelauscht zu haben, in das jeder hineininterpretieren kann, was ihm gefällt. Ein schwedischer Kolumnist hat Åkesson wegen dieser unverfrorenen Widersprüchlichkeit einmal "Schwedens Fettarme-Milch-Version von Donald Trump" genannt. Åkesson erweckt den Anschein, als ließe sich alles miteinander vereinen: Fremdenfeindlichkeit mit der Freundschaft zum syrischen Pizzabäcker, Steuersenkungen mit höheren Sozialleistungen, den EU-Austritt mit einer florierenden Exportwirtschaft, Vielfalt mit Einfalt. Wer die Schwedendemokraten wählt, bekommt dafür das Gefühl, sich nicht entscheiden zu müssen.

Das ist das Gefährliche bei dieser Partei, die tatsächlich einige sehr radikale, konkrete Ziele hat: etwa einen vollständigen Asylstopp mit eventuellem Austritt aus der Genfer Flüchtlingskonvention, sofortige Ausweisung aller abgelehnten Asylbewerber, den Swexit.

In den kommenden Tagen wird sich zeigen, welche der vielen Wahlversprechen Åkesson tatsächlich wichtig sind, wie viele Kompromisse er wirklich zu schließen bereit ist, wie viel von dem rechten Anzugideologen noch in dem Mann steckt, der sich im Wahlkampf so freundlich-pragmatisch gab. Vorausgesetzt natürlich, die anderen Parteien lassen ihn zum Zug kommen. Bei seinem Auftritt am Wahlabend diente Åkesson sich bereits dem konservativen Spitzenkandidaten Kristersson als Mehrheitsbeschaffer an. Kristersson ist Chef der Moderaten, die dem Parteienbündnis Allianz vorstehen. Die Allianz hat nur ein Mandat weniger als das linksgrüne Regierungsbündnis des Sozialdemokraten Löfven. Keiner der beiden Blöcke hat eine eigene Mehrheit. Aber mit Hilfe den Schwedendemokraten könnte Kristersson die Macht übernehmen.

"Jetzt gilt es, Ulf Kristersson", ruft Åkesson seinen jubelnden Anhängern bei der Wahlparty zu. "Wie gedenkst du die Regierung zu übernehmen?" Viele Menschen in Schweden wird bei diesem Auftritt noch eine andere Frage an Kristersson im Kopf herumgehen: Welchen Preis bist du bereit, dafür zu zahlen?

Politik Schweden Das ist kein Sieg, das ist eine Niederlage

Wahl in Schweden

Das ist kein Sieg, das ist eine Niederlage

Die Parlamentswahl in Schweden hat gezeigt: Die anderen Parteien stärken die Rechtspopulisten anstatt sie zu schwächen.   Kommentar von Silke Bigalke