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Schulen in der Pandemie:Weg mit der Gießkanne

Das Corona-Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche hat noch einige Schwachstellen, bemängeln die wissenschaftlichen Berater der Kultusminister.

Von Paul Munzinger

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission, die seit neuestem die Kultusminister berät und auf den eigenwilligen Spitznamen "Stäwiko" hört, hat am Freitag ihr erstes Gutachten vorgelegt. Und wer sich gefragt hat, wie kritisch und unabhängig so eine Runde eigentlich sein kann, die von der Politik eingesetzt wurde und bei Unzufriedenheit auch wieder abgeschafft werden kann, der hat nun eine erste Antwort: ziemlich kritisch. Und ziemlich unabhängig.

Die Stäwiko hat sich die Bemühungen von Bund und Ländern vorgenommen, bis 2022 aufzuholen, was in der Pandemie auf der Strecke geblieben ist - in den Seelen und in den Köpfen der Schüler. Zwei Milliarden Euro stehen dafür bereit. Die eine Hälfte soll in den Abbau der Lernrückstände fließen, die sich während der Schulschließungen angehäuft haben. Die andere Hälfte soll vor allem Freizeitangebote außerhalb der Schule fördern, damit die Kinder auch psychisch keine Narben davontragen, wie Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) es formuliert.

Das Gutachten der Bildungsweisen zu diesem Programm umfasst 22 Seiten und lässt sich so zusammenfassen: Zu wenig. Und zu ungenau.

Vor allem spricht aus dem Papier die Sorge, dass die Hilfen verpuffen, weil sie nicht da eingesetzt werden, wo sie gebraucht werden. Die Wissenschaftler rechnen vor: Selbst wenn nur jeder Dritte der insgesamt 15 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland Unterstützung benötigt, bleiben pro Person nur 645 Euro übrig. Ihr Plädoyer lauter daher: Weg mit der Gießkanne, die das Geld gleichmäßig über alle Schulen und Regionen verteilt. "Begrenzte Ressourcen, wie sie im Aufholprogramm zur Verfügung stehen, müssen gezielt eingesetzt und Maßnahmen fokussiert werden."

"Konzentration auf Basiskompetenzen statt Aufholen des Lehrplans"

Konkret fordert die Stäwiko, vor allem die Schüler zu fördern, die von den Schulschließungen besonders betroffen waren: Kinder aus sozial benachteiligten Familien, Kinder, die sich besonders schwertun beim Lernen. Diese Kinder verteilten sich nicht gleichmäßig über Schulen und Länder, sie ballten sich "an bestimmten Schulen" und "in benachteiligten sozialräumlichen Kontexten". Dorthin müsse das Geld also verstärkt fließen. Zudem seien die Scharniere im Bildungssystem besonders zu berücksichtigen - also die Übergänge etwa von der Kita in die Grundschule oder von den Grundschulen auf weiterführende Schulen - und die Kernfächer Deutsch und Mathe. Nötig sei eine "Konzentration auf Basiskompetenzen statt Aufholen des Lehrplans".

Doch mit der Aufarbeitung der Pandemie-Lücken ist es aus Sicht der Wissenschaftler nicht getan. In allen Ländern müssten Strukturen aufgebaut werden, "die über das kommende Schuljahr hinaus eine nachhaltige Reduktion des Anteils der bildungsbenachteiligten Kinder und Jugendlichen ermöglichen". Das ist ein ziemlich klarer Auftrag an die Politik.

Bleibt nur eine Frage: Kommen die Empfehlungen nicht zu spät? Ein Großteil des Geldes aus dem Aufholprogramm fließt über die Umsatzsteuer an die Länder - also eben doch mit der Gießkanne. Mit der Folge, so räumte es der Bildungsforscher und Stäwiko-Co-Vorsitzende Olaf Köller in einem Interview mit dem Bildungsforscher Jan-Martin Wiarda ein, "dass diejenigen Länder, in denen die Risikogruppen besonders groß sind, pro betroffener Schülerin oder betroffenem Schüler deutlich weniger werden ausgeben können". Das sei nicht mehr zu ändern, sagte Köller. Umso wichtiger sei es nun, dass die Länder das ihnen zur Verfügung stehende Geld zielgerichtet einsetzen. Dafür sei es noch nicht zu spät - viele Vorhaben seien "noch äußerst vage".

© SZ
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