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Interview am Morgen: Schule im Lockdown:"Drittklässler werden weder richtig lesen können noch die Buchstaben kennen"

Coronavirus - Finnland

Ein Kind beim Homeschooling in der Wohnung.

(Foto: dpa)

Sozial benachteiligte Kinder werden durch den Fernunterricht endgültig abgehängt, das bringe fatale Spätfolgen mit sich, kritisiert "Arche"-Chef Bernd Siggelkow.

Interview von Boris Herrmann, Berlin

Bernd Siggelkow hat 1995 in Berlin das christliche Kinder- und Jugendhilfswerk "Die Arche" gegründet. Heute betreut die Einrichtung bundesweit 4500 Kinder aus bildungsfernen Familien. Bei der Arche erhalten die Schülerinnen und Schüler unter anderem Hausaufgabenhilfe und kostenlose Mahlzeiten. Darüber hinaus gibt es umfassende Freizeitangebote. In Zeiten des Lockdowns findet aber auch das alles digital statt. Siggelkow ist evangelischer Pastor und selbst Vater von sechs Kindern.

SZ: Herr Siggelkow, sind die aktuellen Schulschließungen richtig oder falsch?

Bernd Siggelkow: Ich wünschte mir, die Schulen würden wieder aufmachen, aber dafür müsste natürlich vorher die Pandemie ein bisschen eingedämmt werden.

Wie funktioniert das Homeschooling aus Ihrer Sicht?

So gut wie gar nicht. Eigentlich hätte man die letzten Monate nutzen müssen, um in unserem Schulsystem etwas grundlegend zu verändern. Aber ich sehe da nur ein grandioses Durcheinander und zum Teil die blanke Ohnmacht. Ob aus ärmeren oder reicheren Familien, von nahezu überall hört man, dass sie einfach nicht mehr weiterkommen. Und die Kinder, die wir in der Arche betreuen, also die Kinder, die sozial benachteiligt sind, deren Eltern Hartz IV beziehen oder die vielleicht aus Migrantenfamilien stammen, wo die deutsche Sprache nicht so gesprochen wird, dazu die vielen Kinder von Alleinerziehenden, kurzum alle, die es ohnehin schon vor der Pandemie schwer hatten: Die werden jetzt endgültig abgehängt.

Woran merken Sie das?

Man merkt das an den Aufgaben. Diese Kinder hatten schon zu normalen Zeiten Schwierigkeiten, im Unterricht mitzukommen. Jetzt sind sie alleine. Sie sind zu Hause und wissen oft überhaupt gar nicht, was sie machen müssen. Vielen von ihnen fehlt ein funktionierendes Internet oder überhaupt ein Laptop. Oft haben sie auch gar keinen Kontakt zu ihren Lehrern. Theoretisch müssten die Lehrkräfte jeden Tag bei jedem Kind anrufen und sich nach dem Stand der Dinge erkundigen. Wir haben hier aber teilweise erlebt, dass sich Lehrer sechs Wochen bei ihren Kindern nicht gemeldet haben. Das war schon im ersten Lockdown so und wir merken auch beim zweiten Lockdown, dass sich die Kommunikation der Schulen mit den Kindern oft darauf beschränkt, dass Arbeitszettel abgeholt werden können. Oder dass mitgeteilt wird, wo die Kinder ihre Online-Aufgaben machen sollen. Das hat mit Unterricht im eigentlichen Sinne wenig zu tun.

Das bleibt dann an den Eltern hängen.

Natürlich gibt es Eltern, die vielleicht mal versuchen, den einen oder anderen Buchstaben mit ihrem Kind zu lernen. Und da gibt es auch die, die sich wirklich einsetzen und wo es richtig gut klappt. Aber bei den Kindern, die ich mal als die abgehängten Kinder bezeichnen würde, funktioniert es eben nicht. Und da reden wir über Tausende. In vielen Fällen, die wir betreuen, sind die Eltern komplett überfordert. Wir haben ja Mütter, die haben teilweise drei, vier oder fünf Kinder und sollen mit allen gleichzeitig Hausaufgaben machen. Das ist unmöglich, Eltern sind ja keine Pädagogen. Dann kommt noch dazu, dass die Kinder auch mit der Zeit die Lust verlieren. In der Gruppe zu lernen, ist natürlich viel einfacher als alleine dazusitzen und sich zu fragen: Warum mache ich den ganzen Mist?

Was tun Sie mit Ihrer Einrichtung?

Unsere Pädagogen sind von morgens bis abends per Handy beschäftigt, um den Kindern mit den Hausaufgaben zu helfen. Wir merken aber, dass einige gar nichts mehr wissen. Wir können die nicht mehr im Halbstundentakt abtelefonieren, sondern wir müssen uns für ein Kind eher zwei Stunden Zeit nehmen. Und je mehr Zeit wir uns für ein einzelnes Kind nehmen, desto weniger haben wir für all die anderen. Und davon werden es immer mehr. Meine Leute sagen mir jeden Tag, dass sie das Pensum nicht mehr schaffen, um jedem Kind gerecht zu werden. Wir spüren da auch eine Ohnmacht.

Das klingt nach einem Notruf.

Was bleibt mir anderes übrig, als um Hilfe zu rufen? Die neuen Erstklässler sind ja jetzt zum Großteil seit Wochen im Homeschooling. Und wenn man da nicht dranbleibt, dann haben diese Kinder schlichtweg keine Chance. Wir gehen ganz stark davon aus, dass wir in ein, zwei Jahren erleben werden, wie Drittklässler weder richtig lesen können noch die Buchstaben oder die Zahlen richtig kennen.

Was man in der ersten Klasse verpasst, kann man das nicht später wieder aufholen?

Schon vorher konnten mindestens 60 Prozent der Arche-Kinder keine Mathematik in der fünften und sechsten Klasse. Und das lag ganz einfach daran, dass sie das Einmaleins nie richtig gelernt haben. Auf die aktuelle Situation übertragen: Wenn ich die Grundbegriffe nicht in den ersten Klassenstufen vermittelt bekomme, dann kann nichts aufeinander aufbauen. Und wenn das nicht passiert, dann sehe ich schwarz für die Weiterentwicklung der Kinder mit dem normalen Lehrprogramm.

Was schlagen Sie vor?

So traurig das ist, aber im Prinzip müssten all diese Kinder nach der Pandemie noch mal ganz von vorne anfangen.

Das klingt in der Tat hart.

Oder es müssten jetzt eben Partner da sein, die fachlich in der Lage sind, ihnen das Wissen so beizubringen, dass sie weiterkommen. Im Prinzip müsste man jetzt die ganzen Lehramtsstudenten zusammenziehen, um die Lehrer dabei zu unterstützen, den Kontakt zu den Familien aufzunehmen: Wo brennt die Luft? Wo kann ich euch helfen? Das kann ein Lehrer nicht alleine leisten. Wenn er 25 Schüler hat und mit jedem zwei, drei Mal die Woche 15 Minuten telefonieren will, wie soll das gehen?

Wurde zu schnell vergessen, was bei den Schulschließungen im Frühjahr schiefgelaufen ist?

Ich bemängele dieses Schulsystem ja schon seit vielen Jahren. Jetzt hätte man in den letzten Monaten eigentlich Zeit gehabt, nachzubessern. Man hat es aber nicht einmal geschafft, von August bis heute die Digitalisierung in die Familien zu bringen. Oder gar einen Plan zu entwickeln, was passiert, wenn ein zweiter oder dritter Lockdown kommen muss. Da haben wirklich alle Verantwortlichen geschlafen. Und ich glaube, dass uns die Spätfolgen dessen ziemlich wehtun werden. Es geht da ja nicht nur um verpassten Unterrichtsstoff.

Sondern?

Bei vielen Schülern ist ohne den Präsenzunterricht die komplette Tagesstruktur zusammengebrochen. Wir haben es mit Kindern zu tun, die zum Teil viel zu lange aufbleiben. Eine unserer Schülerinnen hat neulich morgens um halb drei am Handy noch Filmchen hochgeladen - von draußen auf der Straße. Dann haben wir ganz viele Kinder, die hocken nur noch vor dem Computer und zocken. Da beobachten wir eine regelrechte Spielsucht. Sie bewegen sich nicht mehr, weil auch der Sportunterricht fehlt. Sie ernähren sich falsch, denn das Schulessen fällt ja weg. Unsere Kinder haben im ersten Lockdown teilweise zwischen zehn und zwanzig Kilo zugenommen. Da kommen eine Menge Entwicklungsdefizite zusammen, neben all dem, was wir Schule nennen. Und wenn die Schule mal wieder losgeht, dann wird es garantiert so sein, dass die Kinder morgens regelmäßig zu spät kommen, weil sie sich erst wieder an eine Struktur gewöhnen müssen.

© SZ/lalse
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